Tödlicher Wirbelsturm

Taifun "Roke" bewegt sich auf Fukushima zu

Mit Sturm und Starkregen hat der Taifun "Roke" die japanische Hauptstadt Tokio erfasst. Der Zugverkehr kam zum Erliegen, Zehntausende Pendler saßen auf Bahnhöfen fest. In der Provinz Fukushima rennt den Mitarbeitern des havarierten AKW unterdes die Zeit weg.

Das katastrophengeplagte Japan ist erneut von einer Naturgewalt getroffen worden: Taifun "Roke" trifft mit einer gewaltigen Kraft auf Japan auf die japanische Küste und bewegte sich auf die Atomruine Fukushima im Nordosten des Landes zu, wie die Wetterbehörde mitteilte. Mindestens fünf Menschen kamen ums Leben, vier weitere galten als vermisst.

Gegen 19.00 Uhr Ortszeit lag das Zentrum des Wirbelsturms 63 Kilometer nordwestlich von Tokio und bewegte sich weiter in Richtung Nordosten. Dem Fernsehsender NHK zufolge wurden in der Mitte und im Westen des Landes fünf Menschen getötet und 55 weitere durch Starkregen und Überflutungen verletzt.

„Roke“ sollte auch die Region Tohoku erreichen, die im März von einem Erdbeben und einem Tsunami verwüstet wurde. Auf dem erwarteten Weg der Sturms lag auch das Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi, das bei der Naturkatastrophe schwer beschädigt wurde. Ein Sprecher des Kraftwerksbetreibers Tepco erklärte, einige Arbeiten an der Anlage seien unterbrochen worden. Eine Gefahr für die Kühlsysteme bestehe jedoch nicht.

In einem Wettlauf gegen die Zeit haben Arbeiter im havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima sich auf die Ankunft des Taifuns „Roke“ vorbereitet. „Wir haben alle erdenklichen Maßnahmen ergriffen“, sagte ein Sprecher der AKW-Betreibergesellschaft Tepco am Mittwoch.

Lose Kabel und Schläuche seien befestigt und Planen über die beschädigten Gebäude gezogen worden. Die Bemühungen seien darauf ausgerichtet zu verhindern, dass radioaktive Strahlung durch die starken Winde aufgewirbelt werde oder Regenwasser in die zerstörten Reaktoren eindringe. Angesichts der nach dem verheerenden Tsunami vom März errichteten Schutzwälle gegen Sturmfluten wurde die Anlage nicht zusätzlich mit Sandsäcken gesichert.

Der Wirbelsturm traf am Mittwoch mit hohen Windgeschwindigkeiten von bis zu 216 Stundenkilometern auf die japanische Küste und bewegte sich anschließend auf die Atomruine im Nordosten des Landes zu.

Am Mittag wurde die Anlage bereits von ersten starken Regenfällen getroffen. Das Atomkraftwerk war am 11. März durch ein schweres Erdbeben und einen darauffolgenden Tsunami schwer beschädigt worden. 20.000 Menschen starben durch die Naturkatastrophe in der Region oder wurden als vermisst gemeldet. Durch „Roke“ verloren bereits sechs Menschen ihr Leben, hunderttausende mussten in Notunterkünften Schutz suchen.

Menschen mit Schlauchbooten gerettet

Japanische Fernsehsender zeigten Bilder von überschwemmten Straßen und Häusern sowie bedrohlich angeschwollenen Flüssen. Zigtausende Menschen kämpften gegen die peitschenden Winde an. In dem auch bei ausländischen Touristen beliebten Tokioter Szene-Stadtteil Ginza stürzte ein großer Baum auf die Straße.

Der Autobauer Toyota musste wegen „Roke“ am Mittwoch elf von 15 Werken vorübergehend schließen, die Mitsubishi-Schwerindustrie schloss fünf ihrer Anlagen.

Im Osten Japans gaben mehrere Präfekturen Warnungen vor Erdrutschen aus und forderten die Menschen aus, Gefahrenzonen fernzubleiben. Nachdem zunächst 1,14 Millionen Menschen empfohlen worden war, sich in Sicherheit zu bringen, lag die Zahl der Betroffenen am Mittag landesweit noch bei 330.000. In der Gegend von Tokio wurde vorübergehend eine Tornado-Warnung ausgegeben..

Mehr als eine Million Menschen wurden nach Berichten japanischer Medien aufgefordert oder angewiesen, ihre Häuser zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Es wurde befürchtet, dass ihre Häuser überschwemmt oder von Erdrutschen begraben werden könnten. In Nagoya, rund 270 Kilometer westlich von Tokio, zeigten Fernsehbilder, wie Menschen durch knietiefes Wasser wateten. Einige Bewohner mussten mit Schlauchbooten aus ihren Häusern geholt werden.

400 Flüge gestrichen, Schulen dicht, Firmen geschlossen

Mehr als 400 Flüge wurden gestrichen, der Betrieb von Hochgeschwindigkeitszügen in Ost- und Zentraljapan ausgesetzt und viele Autobahnen gesperrt.

Wegen der Zugausfälle drängten sich in Millionenstädten wie Tokio die Menschen in den Bahnhöfen und Zügen noch mehr als sonst. Viele Unternehmen schickten ihre Mitarbeiter bereits am Nachmittag nach Hause – äußerst ungewöhnlich in dem für seine besonders langen Arbeitstage bekannten Hochtechnologieland.

Unternehmen wie der weltgrößte Autobauer Toyota setzten aus Sorge um die Mitarbeiter die Arbeit in einigen Fabriken aus. Auch die Deutsche Schule in Yokohama und andere Schulen des Landes ließen ihre Schüler früher nach Hause.

Einige der Todesopfer wurden laut japanischen Medienberichten von angeschwollenen Flüssen fortgerissen. In der Industriestadt Nagoya fiel ein 66-Jähriger vom Dach eines Hauses, als er eine Dachrinne von Trümmerteilen befreien wollte. In der Provinz Saga wurde ein 71-Jähriger über Bord seines Fischerbootes gerissen, als er es bei den starken Stürmen festmachen wollte.

Der von den Behörden als „äußerst heftig“ eingestufte Taifun traf am frühen Nachmittag bei der Stadt Hamamatsu, rund 250 Kilometer südwestlich von Tokio, auf Land. Er bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von rund 40 Kilometern pro Stunde in nordöstliche Richtung. Der 15. Taifun der Saison hat an seinem Zentrum Windgeschwindigkeiten von bis zu 216 Kilometern pro Stunde.

Die Meteorologische Behörde warnte die Bevölkerung der größten Hauptinsel Honshu vor weiteren Überschwemmungen, Sturmböen sowie Erdrutschen und rief zu „höchster Wachsamkeit“ auf. Bereits Anfang des Monats hatte ein anderer Taifun den Westen des fernöstlichen Inselreiches heimgesucht. Es gab mehr als 100 Tote und Vermisste.