Studentenleben

Die Preise im Hotel Mama ermuntern zum Bleiben

Der Trend unter Heranwachsenden geht in Richtung zuhause bleiben. Noch nie zogen junge Menschen in Deutschland so spät aus wie heute. Warum?

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Daniel (21) aus Illingen an der Saar:

„Ich bin Student an der Hochschule für Musik Saar sowie an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Ich bin auf ein Auto angewiesen, um flexibel zu sein und meinem Hobby, der Musik, nachzugehen. Dazu gehören für mich mein Nebenjob, den ich nur mit dem Auto erreichen kann, sowie Chorproben, die mich bis nach Trier führen. Ich lebe daher daheim bei meinen Eltern und investiere mein Geld in ein Auto, statt in eine eigene Wohnung. Ich habe dafür nicht lange überlegt, denn die Anschaffungs- und Unterhaltskosten für ein Auto liegen ungefähr gleich mit einer Mietwohnung in Saarbrücken.

Aber im Haus der Eltern hat man auch eine besondere Lebensqualität, dazu gehören beispielsweise auch die gemeinsamen Mahlzeiten.

Meine Eltern unterstützen mich und haben mit mir gemeinsam überlegt, dass die Anschaffung eines zweiten Autos die beste Alternative ist.“

Mutter Christine:

„Zu Hause hat unser Sohn mehr Lebensqualität. Daniel kann hier jederzeit sein und sich entspannen, wenn er Ruhe braucht. Aber er leistet auch viel. Er unterstützt mich und meinen Mann bei einigen anfallenden Arbeiten rund ums Haus. Das ist für uns eine Hilfe.“

Jonas (21) aus Berlin, studiert Musik und Philosophie auf Lehramt:

„Der wesentliche Grund dafür, dass ich noch zu Hause wohne, ist ein finanzieller. Ich studiere Musik und Philosophie auf Lehramt. Ich bin also noch auf die Unterstützung meiner Eltern angewiesen. Wir leben in Berlin, mein Vater arbeitet in Bonn. Dadurch müssen wir schon zwei Haushalte finanzieren. Wenn ich jetzt auch noch eine eigene Wohnung hätte, wäre das eine große Belastung.

Es gibt aber auch jenseits des finanziellen Vorteils Dinge, die ich zu Hause genieße. Dazu gehört gerade im Sommer unser Garten. Ich kann mir gerade jetzt keinen schöneren Ort zum Wohnen vorstellen als unseren Bezirk am Rand der Stadt mit dem vielen Grün und den Seen. Außerdem wohnen hier noch viele Freunde von mir.

Mit meiner Mutter verstehe ich mich einfach gut. Jeder macht sein Ding. Es gibt keine Reibungspunkte, die so eklatant sind, dass es zu regelmäßigen Auseinandersetzungen kommt. Meine Mutter ist ein außerordentlich fürsorglicher Mensch. Sie ist in den vergangenen 30 Jahren sehr in die Mutterrolle hineingewachsen. Manchmal müsste sie mich vielleicht mehr einbeziehen. Ich habe mich schon sehr daran gewöhnt, dass sie so viel macht, sich darum kümmert, dass der Kühlschrank immer voll ist. Wenn sie mich bittet, einkaufen zu gehen, mache ich das natürlich. Aber eigentlich ist das viel zu selten.

Im kommenden Jahr, wenn mein Vater wieder ganz nach Berlin kommt, ziehe ich aus. Dann ist die finanzielle Situation entspannter. Und dann ist es auch Zeit, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Mutter Marion:

„Jonas und ich, wir haben ein lockeres, offenes Verhältnis. Er geht seinen eigenen Weg, ich gehe meinen. Ich frage nicht, wohin er geht und mit wem. Das heißt nicht, dass wir aneinander vorbei leben. Wir sprechen uns ab, wann wer da ist. Und wir teilen sogar eine Freizeitaktivität: Die Musik. Jonas ist Leiter eines Instrumentalensembles in unserer Kirchengemeinde und Leiter des Chors, in dem auch ich singe. Das verbindet uns. Wir verstehen uns einfach gut. Das hat sicher auch damit zu tun, dass wir eine große Familie mit fünf Kindern sind und grundsätzlich ein intensives Familienleben pflegen.

Wir treffen uns oft alle am Wochenende bei uns. Dann witzeln auch manchmal Jonas ältere Geschwister, dass er verwöhnt sei. Das ist er auch. Dazu stehen wir beide. Ich wasche seine Wäsche. Ich koche Essen. Ich sehe mich aber nicht dazu gezwungen. Wenn ich etwas vorhabe, muss er sich selbst kümmern, was nie ein Problem darstellt.

Konflikte? Wenn sich an der Haustür die Schuhe und Rucksäcke stapeln, kommt es schon mal vor, dass ich ihm sage: „Räum das bitte weg.“ Aber das ist kein großes Thema. Das ist dann erledigt. Im kommenden Jahr will Jonas ausziehen, in eine WG. Ich habe keine Angst davor. Man hat mir immer prophezeit, dass es schlimm wird, wenn Kinder ausziehen. Aber ich habe das jetzt ja schon vier Mal erlebt. Und ich konnte mich immer schnell in die Situation einfinden. Aber trotzdem wird mir etwas fehlen, wenn Jonas weg ist. Und das werden nicht nur sein Klavierspiel und sein Gesang sein. Mein Sohn wird mir fehlen.“

Velten (19), Abiturient aus Welle (Niedersachsen):

„Ich wohne noch zu Hause, weil ich erst im Sommer mein Abitur mache und noch gar nicht über ein eigenes Einkommen verfüge. Ich will beruflich unbedingt irgendetwas Kreatives machen, in Richtung Mediengestaltung. Wenn ich eine Ausbildung mache und genügend Geld verdiene, werde ich auch ausziehen. Wir sind schon ein paar Freunde, die planen, eine Wohngemeinschaft zu gründen. Aber dass ich bis dahin bei meiner Mutter wohnen bleibe, hat nicht nur finanzielle Gründe.

Ich habe ein super Verhältnis zu ihr, ich genieße die Nähe zu ihr. Und auch mit ihrem Lebensgefährten habe ich ein echt gutes freundschaftliches Verhältnis. Mit ihnen bin ich bisher gut durchs Leben gekommen. Meine Mutter hat mich immer so erzogen, dass sie mir keine Verbote aufgezwängt hat. Sie hat mir immer gezeigt: ,Ich vertraue dir, dass du selbst weißt, wo deine Grenzen sind.' Deshalb habe ich gar nicht den Zwang, mich von irgendetwas befreien zu müssen.“

Mutter Cathrin:

„Ich finde das ganz schön, dass Velten noch bei uns wohnt. Klar gibt es auch mal Streit, ums Zimmeraufräumen zum Beispiel. Aber das ist nicht so wichtig. Erst gestern haben wir uns gestritten. Da war ich im Stress und habe viel zu schnell und zu heftig auf ein Missverständnis reagiert. Ich bin dann zu Velten gegangen und habe ihm gesagt: ,Das war nicht in Ordnung von mir.' Das muss man auch können.

Überhaupt muss man auch immer die Fehler in sich selbst sehen, wenn man gut zusammenleben will. Ich entschuldige mich manchmal schon im Voraus, wenn ich merke, das ist heute nicht mein Tag und dass ich ungerecht werden könnte. Ich finde es aber auch wichtig, dass man Kinder dazu erzieht, sich zu entschuldigen.

Ich habe mit Velten immer viele Gespräche geführt. Heute diskutiert er alles aus. Das kann manchmal nerven. Aber die ständige Auseinandersetzung ist auch ein wesentlicher Grund dafür, dass wir uns so gut verstehen. Ich habe auch immer darauf hingearbeitet, dass wir ein gutes Vertrauensverhältnis haben.

,Wenn ihr Alkohol trinken wollt', hab ich gesagt, ,dann macht das bei uns zu Hause.' Hier ist er wenigstens unter Aufsicht. Das hat auch immer gut geklappt. Deshalb verstehe ich mich auch gut mit Veltens Freunden. Schön ist, dass wir in einem Haus wohnen, in dem so viel Platz ist, dass jeder seinen Rückzugspunkt hat. Vor Veltens Auszug habe ich keine Angst.“