Prozess

Kachelmann-Anwalt will Alice Schwarzer als Zeugin

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Hannelore Crolly

Für Alice Schwarzer ist die Berichterstattung über den Kachelmann-Prozess vorerst vorbei. Anwalt Johann Schwenn will sie als Zeugin befragen.

Die Sensation von Tag 26 im Kachelmann-Prozess kam erst fünf Minuten vor Toresschluss: Ganz am Ende eines langen Prozesstages stellte Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn wieder einmal einen Beweisantrag, und dieser hatte tatsächlich prompt sichtbare Folgen.

Der Hamburger Strafrechtler beantragte vom Gericht, Frauenrechtlerin Alice Schwarzer als Zeugin berufen zu lassen. Die sichtlich überraschte 68-Jährige musste daraufhin sofort den Saal verlassen. „Donnerwetter“, kommentierte die Emma-Herausgeberin, die über den Fall Kachelmann für die „Bild-Zeitung“ berichtet, aus der zweiten Reihe. „Das nimmt ja Formen an“, sagte sie spöttisch, als sie den Raum verließ. „Das sind die Formen der Strafprozessordnung“, gab Schwenn trocken zurück.

Der Vorsitzende Richter Michael Seidling hatte Alice Schwarzer erklärt, als potenzielle Zeugin dürfe sie bis zu einer Entscheidung des Gerichts nicht länger am Verfahren teilnehmen. Sollte das Gericht tatsächlich entscheiden, sie als Zeugin zu laden, wäre der Prozess für die berühmte „Bild“-Kolumnistin damit beendet. Sollte sie tatsächlich aussagen müssen, könnte sie sich als Journalistin aber auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht berufen.

Begründet hatte der Strafverteidiger seinen Antrag damit, dass Alice Schwarzer angeblich direkt in das Verfahren selbst eingegriffen habe und es nicht nur von außen beobachtete. Er habe Hinweise, dass die Journalistin mit dem Psychiater Günter Seidler kooperiert habe, der das mutmaßliche Opfer Claudia D. als Therapeut betreut.

Der Beleg dafür nahm sich indes etwas sonderlich aus. Schwenn hatte nämlich bei der ersten Zeugenvernehmung von Seidler im Dezember beantragt, den Pilotenkoffer des Heidelberger Traumatologen zu beschlagnahmen. Dieser hatte daraufhin den Inhalt freiwillig preisgegeben; unter anderem hatte sich eine Brotdose darin befunden, aber auch eine große Anzahl von Therapieprotokollen. Über diese in ihren ungehörige Beschlagnahmung hatte Alice Schwarzer am 8. Dezember einen geharnischten Kommentar in „Bild“ geschrieben.

In dem Beitrag sei aber die Zahl der Protokolle falsch wiedergegeben gewesen, sagte Schwenn jetzt. Das gebe Anlass zur Vermutung, dass Schwarzer von Seidler über den ursprünglichen Kofferinhalt unterrichtet worden sei. Dieser habe offenbar danach aber noch Unterlagen entfernt.

Seidler behandelt Claudia D. seit Mitte März. Sie hatte sich nach der Verhaftung von Jörg Kachelmann in Behandlung gegeben. Nach der versuchten Beschlagnahmung seines Koffers hatte sich der 59-Jährige dann selbst einen Anwalt zulegen wollen und Wolfgang Steffen verpflichtet. Dieser sei Seidler wiederum von Alice Schwarzer empfohlen worden, so Schwenn.

Das ist zumindest indirekt richtig. Die Emma-Gründerin hatte zuvor am Rande des Prozesses erläutert, sie mit Seidler tatsächlich einige Male telefoniert, weil er ein renommierter Trauma-Forscher sei. Als Feministin beschäftige sie sich schon seit Jahrzehnten mit den Folgen von Gewalt. Dabei sei nicht über den Fall Kachelmann gesprochen worden; Seidler habe sie aber gebeten, für sein Magazin „Trauma und Gewalt“ ein Interview zu geben. Das habe sie zugesagt, aber erst für die Zeit nach dem Prozess.

Zugleich pflegte Alice Schwarzer einen, wie sie sagte, losen Mailkontakt mit dem mutmaßlichen Opfer selbst. Claudia D. hatte die Frauenrechtlerin demnach angemailt, als diese sich in der Talkshow von Anne Will für ihre Version der Vergewaltigung stark gemacht habe. Bei diesem oberflächlichen Austausch habe sie unter anderen den Namen von Wolfgang Steffen weitergegeben. Sie kenne den Juristen zwar nicht persönlich. Aber er habe sie kurz zuvor kontaktiert, weil sie als Berichterstatterin des Falles in Erscheinung trat.

Steffen teilte Alice Schwarzer per Mail mit, er sei früher Richter gewesen, arbeite jetzt als Anwalt und engagiere sich unter anderem für Klienten, die vom Opferschutz-Bund Weißer Ring betreut würden. Er sei der Meinung, dass Claudia D. dringend einen zweiten Anwalt benötige. Das habe sie der 37-jährigen Radiomoderatorin weitergegeben, doch Claudia D. habe sich von Anwalt Thomas Franz ausreichend repräsentiert gefühlt.

In einem Therapiegespräch mit Seidler berichtete sie dann aber von Alice Schwarzers Vorschlag. Und als der Psychiater selbst auf der Suche nach einem Juristen war, sei ihm der Name wieder eingefallen. Man habe sich ohnehin flüchtig über den Weißen Ring gekannt, sagte Seidler bei einer Befragung durch Schwenn.

Die Stimmung im Gerichtssaal wird unterdessen zunehmend angespannter. Am Morgen hatten einige Zuschauer in den hinteren Reihen laut gebuht, als der Richter wieder die Öffentlichkeit ausschloss. Zuvor waren einzelne Journalisten von empörten Zuschauern, die von der Unschuld Kachelmanns überzeugt sind, beschimpft worden. Er solle „sich schämen“, wurde dem Reporter eines Magazins beschieden. Der Vorsitzende Richter Michael Seidling, offensichtlich irritiert über die wachsende Wut im Publikum über die dauernden Ausschlüsse, kündigte Ordnungsstrafen für weitere Störenfriede an.