Yacht gekapert

Dänische Segler missachteten Piraten-Warnungen

| Lesedauer: 6 Minuten
Ulli Kulke

Die Dänen, die im Indischen Ozean von Piraten entführt wurden, kannten offenbar die Gefahren. Eines der Kinder berichtete über die Reise in einem Blog.

Vergangene Woche schien die Stimmung noch gut gewesen zu sein an Bord der Segelyacht „Ing“, auf der ein dänisches Ehepaar mit ihren drei minderjährigen Kindern sowie zwei weitere Erwachsene von den Malediven aus unterwegs waren mit Kurs auf das Rote Meer. Richtung Sueskanal, Heimat; die letzte große Etappe auf ihrer Weltumsegelung.

Allein mit dem in diesen Monaten heftigen nordnordöstlichen Wintermonsun dürften sie zu kämpfen gehabt haben. „Wir wurden nicht von Piraten überfallen“, schrieb Rune, der 17-jährige Sohn der Familie Johansen aus der Hafenstadt Kalundborg, vor einer guten Woche in seinem Blog an die Freunde. War es nur eine flotte Bemerkung nebenbei, halb im Scherz? Eher nicht.

"Wir haben einen Plan für den Fall eines Angriffs“

Nur wenige Tage zuvor war die Nachricht eines Überfalls auf die US-amerikanische Yacht „Quest“ vor Somalia um die Welt gegangen, die später mit der Ermordung von vier Besatzungsmitgliedern durch die Seeräuber endete. „Natürlich sprachen wir viel über diesen Fall, aber der fand tausend Kilometer entfernt von uns statt und wir segeln durch das Arabische Meer, das so groß ist wie ganz Europa“, beruhigte Rune seine Leser. „Und wir haben einen Plan für den Fall eines Angriffs“. Im Übrigen sei man beruhigt, weil die Sicherheitskräfte in der Region präsent seien, zu sehen an den Flugzeugen, die häufig über ihnen aufkreuzten.

Ob die dänische Familie im Internet oder per Bordradio außer vom Überfall auf die Amerikaner auch noch von dessen tragischem Ausgang erfuhr, ist unklar. Am vergangenen Donnerstag wurde sie jedenfalls selbst gekidnappt und von ihren Außenkontakten abgeschnitten, wie die dänischen Behörden erst jetzt bekannt gaben. Verbindung bestand bis Dienstag dieser Woche weder zu den Entführern noch zur Familie selbst. Es ist das zweite Mal, dass eine Familie mit Minderjährigen – in diesem Fall im Alter von 13, 15 und 17 Jahren – in dieser wohl am meisten von Piraten heimgesuchten Region Opfer eines Überfalls wurden.

2009 war ein Franzose mit seinem dreijährigen Sohn entführt worden. Bei der Befreiungsaktion durch die französische Marine wurde er getötet, sein Sohn und die übrigen Erwachsenen gerettet. Die vier Amerikaner auf der „Quest“ waren vorige Woche erschossen worden, während an Bord eines nahe liegenden US-Zerstörers Verhandlungen über ihre Freilassung liefen, wobei offenbar ein Eingreifen von US-Marinesoldaten kurz bevorstand.

Piraten stellen sich auf wie eine Seestreitmacht

Im vergangenen Jahr wurden im Arabischen Meer 12 spektakuläre Piratenangriffe auf Kreuzfahrtschiffe, Yachten oder Frachter bekannt, wobei das International Maritime Office (IMO) von einer noch höheren Dunkelziffer ausgeht. Zurzeit halten somalische Piraten rund 660 entführte Seeleute und 30 Schiffe in ihrer Gewalt. Experten schätzen die jährlichen Summen an Lösegeldern zwischen 40 und 150 Millionen US-Dollar.

Ebenfalls wurde am gestrigen Dienstag bekannt, dass vor der Küste von Oman, nahe der Ostspitze der arabischen Halbinsel, ein pakistanischer Frachter in die Hände somalischer Piraten gefallen sei. Dieser Vorfall, eineinhalbtausend Kilometer von ihren Piratennestern entfernt, zeigt erneut, dass sich der Radius der Seeräuber aus jenem seit Jahrzehnten unregierten Land immer stärker ausweitet, dass sie Mutterschiffe zur Versorgung ihrer Schnellboote einsetzen – so wie eine ordentliche Seestreitmacht fern der heimatlichen Gewässer.

Zur Sicherheit hatte die dänische Familie vor dem Überfall täglich ihre Position durchgegeben, damit im Falle eines Alarmrufes Hilfe schnell herbei kommen könne. Nicht ausgeschlossen ist allerdings, dass diese Meldungen den Piraten den Weg wiesen zu ihrem jüngsten Fang. Denn auch wenn der Überfall auf die amerikanische Yacht tausend Kilometer von ihrer Position stattfand, die sie an jenem Tag innehatten – der weitere Weg führte die Familie Johansen bei der Sueskanal-Route zwangsläufig in den Golf von Aden, und damit an der somalischen Küste unmittelbar vorbei an der Haustür der Piraten in ihren Nestern.

Experten erstaunt über Missachtung der Warnungen

Dänische Zeitungen zitierten denn auch das Erstaunen der Sicherheitsexperten des Landes darüber, dass die Familie alle Warnungen vor diesem Seeweg in den Wind geschlagen hatte. Ein Umstand, der später von Bedeutung sein könnte, wenn es darum geht, wer für das zu erwartende Lösegeld aufzukommen hat. Die Versicherungssummen für Frachtschiffe sind beim Befahren dieses Seegebiets jedenfalls so hoch, dass viele Reedereien bei den Passagen zwischen Asien und Europa den doppelt so weiten Weg um die Südspitze Afrikas herum wählen.

Das Außenministerium in Kopenhagen dementierte, dass das in der Nähe stationierte dänische Kriegsschiff, die „Esbern Snare“ sich auf dem Weg zur Yacht „Ing“ befinde. Die Fregatte dürfte den Piraten bekannt sein, erst vor zwei Wochen hat die Besatzung des unter Nato-Kommando fahrenden Schiffes 16 Piraten dingfest gemacht, die ein Fischfangschiff aus dem Jemen mit neun Besatzungsmitgliedern überfallen hatten.

Die „Esbern Snare“ hatte zunächst auf das gekaperte Schiff Warnschüsse abgegeben, es so zum Halten gezwungen und anschließend ein Enterkommando an Bord geschickt. Außenministerin Lene Espersen erklärte gegenüber der Presse, man wolle dieses Mal so wenig wie möglich über den Fall bekanntgeben, um einen glimpflichen Ausgang des Geiseldramas nicht zu gefährden.

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