Ferienzeit

Autofahrer werden mit dem Stau leben müssen

Der Ferienbeginn in drei großen Bundesländern könnte am Wochenende zum Verkehrschaos führen. Gegen Staus würde ein Tempolimit helfen – oder variable Leitsysteme.

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Am Wochenende wird es wieder unterwegs sein auf den Autobahnen, das rätselhafte Phänomen: der Stau aus dem Nichts. Kein Unfall, keine Baustelle und trotzdem Stau. Einfach weil zu viele Autos gleichzeitig über die Schnellstraßen der Republik rollen. Noch nachhaltiger wird der Stillstand dort sein, wo tatsächliche Engpässe den Fluss blockieren.

Der Ferienbeginn in den drei bevölkerungsreichsten Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg sowie der stets zum Wochenende erhöhte Rückreiseverkehr dürften die Verkehrsnachrichten im Rundfunk gehörig in die Länge ziehen – insbesondere zwischen Freitagmittag und Samstagnachmittag.

Dabei empfehlen Verkehrsexperten längst, die Staumeldungen im Radio nur noch als Hinweis für eine längere Reisedauer zu nutzen, nicht als Ratschlag, den Stau zu umgehen. "Im Zweifel auf der Autobahn bleiben", sagt der Dresdner Stauforscher Martin Treiber.

Allenfalls Ortskundige sollten die Ausweichrouten nutzen, und bei Vollsperrungen der Strecke bleibt ebenfalls nur noch die Ausfahrt – falls die letzte nicht schon verpasst ist. Auch Tests von Verkehrsexperten der Universität Duisburg ergaben, dass bei durchschnittlichen Staus das Verbleiben auf der Autobahn meist schneller zum Ziel führt als das Abbiegen auf Nebenstraßen – zumal die meisten Verkehrsmeldungen überholt sind.

Auch in anderer Hinsicht ist Sprunghaftigkeit im Stau wenig hilfreich: Häufiger Spurwechsel bringt nichts ein. "Ob Sie wollen oder nicht, Sie fahren mit den selben Nachbarn aus dem Stau heraus, mit denen Sie hineingefahren sind", sagt der Duisburger Professor Michael Schreckenberg.

Mit dem Stau müssen Autofahrer leben

Staus auf den Autobahnen werden das Verkehrsgeschehen im Land – wie auch in den meisten anderen Ländern – noch auf Jahrzehnte begleiten. Das Streckennetz wächst nur noch minimal, neben hier und da noch zu erwartenden kürzeren Verbindungslinien ist nach Fertigstellung der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit kein großer Trassenschlag durch die Landschaft mehr geplant.

Die Autofahrer werden mit den rund 13.000 "BAB"-Kilometern leben müssen. Der stetige Ausbau hin zu sechsspurigen Streckenabschnitten wird vom Lkw-Verkehr mehr als wettgemacht. Im Gegensatz zu den eher stagnierenden Pkw-Kilometern wächst der Lkw-Verkehr – bestritten vor allem vom europaweiten Transit, den auch die Maut nicht ausbremsen konnte – mit teilweise zweistelligen jährlichen Zuwachsraten.

Dass der Güterverkehr auf der Bahn ein noch höheres Wachstum aufweist, ist zwar zu begrüßen, tröstet aber wenig, und die beispielsweise auf der A 2 zwischen Osteuropa und dem Ruhrgebiet und den niederländischen Häfen über die Straße verfrachteten kompletten Fabrikanlagen werden zusehends immer sperriger.

In Zukunft könnte die Elektronik helfen

Lösungen sind für die nächsten Jahre nicht in Sicht, dabei verursachen alle Staus in Deutschland – also auch die innerstädtischen – nach einer Studie der EU zwischen zehn und 20 Milliarden Euro Kosten, durch Zeitverlust und erhöhten Benzinverbrauch.

Versuche mit Ampeln an den Autobahnanschlussstellen in Nordrhein-Westfalen, wo man während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bei allzu dichtem Autobahnverkehr die Zufahrten blockierte, verliefen jedenfalls nicht so erfolgreich, dass sie heute in größerem Maßstab Schule machen würden.

Sowieso verlagerten sie den stockenden Verkehr auch nur herunter von der Autobahn auf andere Straßen.

Verkehrsexperten setzen eher auf den verstärkten Einsatz intelligenter, elektronischer Hilfe. Auf das Abstandsradar etwa, das in den damit ausgerüsteten Autos die Geschwindigkeit und den Abstand zum vorher fahrenden Fahrzeug regelt.

Oder auf die laufende Erfassung der Verkehrsdichte durch Kameras oder Induktionsschleifen in der Fahrbahn, die dazu dienen, ständig die zulässige Höchstgeschwindigkeit an das jeweilige Fahrzeugaufkommen anzupassen. Beides kann entscheidend dazu beitragen, den Fahrzeugfluss zu verstetigen und so den Stau zu verhindern.

Am Stau sind die Autofahrer oft selbst schuld

Denn zumindest der berühmte Stau aus dem Nichts, darüber sind sich die Experten einig, resultiert einzig und allein aus allzu großen Unterschieden in der Geschwindigkeit hintereinander fahrender Autos in Verbindung mit zu dichtem Auffahren.

Dies insbesondere auf der linken Fahrspur, die bei hohem Verkehrsaufkommen stets dichter befahren ist, weil ab einer bestimmten Geschwindigkeit abwärts jeder seinen "Vordermann" überholen will. Ein leichtes Bremsmanöver genügt da schon, und der dicht auffolgende "Hintermann" bremst aus Vorsicht noch ein bisschen stärker – und so weiter, bis der zehnte oder zwanzigste Nachfolger zum Stehen kommt.

Während der erste Bremser längst über alle Berge ist, bewegt sich dann der Stau wie ein Geisterfahrer entgegen der Fahrtrichtung, mit der Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern, wie gründliche Stauforscher ermittelten.

Weit mehr noch als der Sicherheit und der Benzineinsparung würde daher ein Tempolimit auf der Autobahn der Abwehr von Staus dienen. Es könnte dazu beitragen, dass alle, auch der Raser, letztlich früher ankämen, weil die hektischen Unterschiede der Geschwindigkeiten verringert und so die Infarkte vermieden würden.

Ein deutlicher Ausbau der Anlagen für variable Regelungen auf staugefährdeten Strecken und in Verkehrsspitzenzeiten wäre die Alternative.