Festnahme

Tobias' Mörder verplappert sich vor der Polizei

Der geständige Täter im Mordfall Tobias wäre wohl nie gefasst worden. Er galt als "unbeschriebenes Blatt". Seine Äußerungen machten die Beamten misstrauisch.

Morgens war Tobias mit seinem blauen Mountainbike losgefahren. Es war der erste Tag der Herbstferien. Der Elfjährige, der die die fünfte Klasse besuchte, liebte es, sich beim Radfahren zu verausgaben.

Um 18 Uhr gab es Abendbrot, da sollte er wieder zu Hause sein. Er kam nicht. Um 22 Uhr entdeckte der Vater mit der Polizei die Leiche seines Sohnes hinter einer Fischerhütte beim Angelsee. Verstümmelt, durchbohrt von zahlreichen Messerstichen.

Elf Jahre ist es her, dass der Mord vom 30. Oktober 2000 an dem Schüler aus Weil im Schönbuch bei Stuttgart den Ort erschütterte. Elf Jahre, in denen an 13.000 Menschen DNA-Analysen durchgeführt wurden, eine der größten Reihenuntersuchungen aller Zeiten, in denen die Polizei vergeblich nach dem Mörder fandete. Elf Jahre, in denen die Bürger von Weil mit dem schlimmen Gefühl lebten, dass der Mörder noch irgendwo frei herumläuft.

„Er wäre durch alle Raster gefallen“

Nun hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen . Die Polizei Böblingen teilte mit, dass er gestanden hat, Tobias an jenem Abend erstochen zu haben. Es handelt sich um einen 47-Jährigen aus dem Landkreis Esslingen.

Er ist bei Ermittlungen im Bereich Kinderpornografie im Internet aufgefallen. Der Mann war in einer Internet-Tauschbörse aktiv. „Er wäre durch alle Raster gefallen, die wir hätten anlegen können“, sagte der Böblinger Kriminaldirektor Rüdiger Winter. „Er war ein unbeschriebenes Blatt“.

Als die Polizei seine Wohnung durchsuchte, fand sie zahlreiche Zeitungsausschnitte zum Fall Tobias. Strafrechtlich war der Mann bisher nicht aufgefallen. Bei der Hausdurchsuchung machte er Bemerkungen, die die Beamten stutzig machten und sie veranlassten, ihn mit zur Wache zu nehmen. „Die Bemerkungen haben bei Kollegen die Alarmglocken klingeln lassen“, sagte Winter. „Der Mann hatte Täterwissen, das zuvor noch nicht kommuniziert war.“ Letztendlich bestätigte eine DNA-Analyse den Verdacht.

An Tobias' Leiche war fremde DNA an Anorak und Hose gefunden worden. „Wir waren von Anfang an davon überzeugt, dass diese Spur der Schlüssel zum Täter ist“, sagte Winter.

Verdächtiger versuchte sich rauszureden

Bei den Verhören versuchte der Täter zunächst, sich herauszureden. Ja, er hätte den Jungen an jenem Abend bei einer Fahrradtour gesehen, hinter der Fischerhütte am Teich. Aber da sei er schon tot gewesen.

Schließlich gab er zu, dass er es selbst war, der Tobias hinter die Hütte gezogen und mit mehreren Messerstichen getötet hatte. Der geständige Täter, der berufstätig ist und schon vor dem Jahr 2000 im Raum Esslingen lebte, bezeichnete sich selbst als pädophil.

Tobias wurde allerdings nach Aussagen der Polizei nicht sexuell missbraucht. Der 47-Jährige hätte die Situation nicht mehr kontrollieren können, hieß es bei der Polizei. Da hätte er zugestochen.

16-Jähriger galt jahrelang zu Unrecht als Verdächtiger

Knapp zwei Wochen nach der Tat vor elf Jahren hatte die Polizei einen dringend Tatverdächtigen. Karsten V., den Nachbarsjungen. In der Wohnung des 16-jährigen Sonderschülers lagen mehrere Messer.

Im Verhör verstrickte er sich in Widersprüche und schilderte grausame Details, die nach Ansicht der Ermittler nur jemand wissen konnte, der bei dem Mord dabei war. Doch die DNA-Probe fiel negativ aus. Die Polizei musste Karsten V. aus der U-Haft entlassen.

Immer wieder wurden Verdächtige im Fall Tobias überprüft. Angler, Waldarbeiter, Jäger. Ohne Erfolg. In den vergangenen Monaten überprüfte die Polizei auch, ob der im Frühjahr festgenommene, geständige Serienmörder Martin N. aus Hamburg für den Tod von Tobias verantwortlich war. Allerdings fiel eine Überprüfung negativ aus.

Plakataktionen und Aufrufe im Fernsehen blieben ohne Ergebnis. Schließlich wurde die einst bis zu 60 Mann starke Soko „Weiher“ aufgelöst. Der ehemalige Soko-Leiter Peter Kegreiß ließ sich zur Bereitschaftspolizei versetzen. 2004 tötete er sich mit seiner Dienstwaffe. Die Polizei sah keinen Zusammenhang zwischen den gescheiterten Ermittlungen und dem Selbstmord. Bekannte aber erzählten, die vergebliche Suche nach Tobias' Mörder habe ihn verbittert.

Sechs Jahre nach dem Mord gingen die Eltern, Petra und Willi D., an die Öffentlichkeit. „Wir haben nicht den Eindruck, dass Polizei und Staatsanwaltschaft jetzt alles tun, um den Mord an unserem Sohn zu klären“, sagten sie damals der „Stuttgarter Zeitung“.

Und dass es so wichtig für sie wäre, zu wissen, was an jenem 30. Oktober passiert ist. Willi D. erzählte von der quälenden Ungewissheit und davon, dass er immer noch abends am Angelsee sitzen und sich verzweifelt fragen würde, was geschehen ist. „Wir wissen, dass unser Sohn nicht mehr kommt“, sagte die Mutter. „Aber wir wissen nicht, warum.“ Und wer es getan hat. Die Antworten, sagten sie, könnten ihnen helfen, seinen Tod besser zu verarbeiten. Jetzt bekommen sie Antworten. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihren Schmerz lindern.

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