ProSieben

"Die Alm", Gina-Lisa und viel aufgewärmte Gülle

Operierte Ex-Models, ein tollpatschiger Schrotthändler, verurteilte B-Promis und ekelhafte Mutproben – ProSieben eröffnet seinen Dschungel: "Die Alm".

Der Dschungel, er fängt gleich hinter München-Unterföhring an. Gut, das Unterholz ist lichter als im normalen Dschungel. Und die Gefahr von Schlangenbissen ist auch deutlich geringer. Doch immerhin hat man dort eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie man die Kulisse einer Dschungel-Show kopieren kann – fragen Sie mal ProSieben.

Der Sender, dem die Möchtegern-Topmodels und die Raab-Fans vertrauen, geht einfach dorthin, wo es angeblich koa Sünd gibt – sondern nur ein Loch, das groß genug ist, damit der Sommer hineinpasst und eine Reality-Soap, die soviel mit der Realität zu tun hat wie das "Dschungelcamp" mit dem Dschungel. Auf die, jawohl, Alm.

Und wenn Sie jetzt sagen, huch, meinen die etwa die Alm? Wollen die tatsächlich noch einmal die Gülle erwärmen, die 2004 eine gewisse Kader Loth zur Miss Edelweiß veredelt hat, dann haben Sie den Jackpot geknackt. " Die Alm ", das ist ein Hybrid aus "Big Brother", dem "Schwarzwaldhaus 1902" und "Dschungelcamp".

"Dschungel ist Dschungel, und Alm ist Alm"

Man trifft dort keine Affen oder Schlangen, aber Leute, die sich nicht zu schade sind, sich zu denselben zu machen wie das ewige Beinahe-Topmodel Gina-Lisa Lohfink, Ex-"Topmodel"-Juror Rolf Scheider, Schrotthändler Manfred ("Manni") Ludolf oder den einst wegen Unterschlagung zu einer Geldstrafe verurteilte Ex-DSDS-Moderator Carsten Spengemann. 2004 ging diese Rechnung noch auf. Die Reality-Soap war zwar kein Hit wie das "Dschungelcamp" bei RTL, aber der durchschnittliche Marktanteil lag mit bis zu 18,7 Prozent immerhin über dem Senderschnitt.

Das fiel dem neuen Unterhaltungschef der Sendergruppe ProSiebenSat.1, Wolfgang Link, jetzt ein, als er auf der Suche nach einem Sommerlochfüller den Staub von Archiv-Bändern der "Alm" pustete. Was er dabei fand, habe ihm Tränen in die Augen getrieben, so sehr habe er lachen müssen, hat er im Interview mit der "Berliner Zeitung" gesagt. Der Boxer René Weller, wie er in einem Zuber gebadet wurde, die Zickereien zwischen der als Botschaftsluder bekannt gewordenen Djamila Rowe und TV-Sternchen Kader Loth – nein, einfach köstlich.

Dabei gilt Link als erfahrener TV-Produzent. Bevor er 2009 zur Konkurrenz wechselte, hat er Formate wie die RTL-Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" auf Erfolgskurs gebracht. Dass ihm mit der weiteren Alm-Auflage ein ähnlicher Coup wie mit dem "Dschungelcamp" gelingt, darf jedoch bezweifelt werden.

Zwar wird Unterhaltungschef Link nicht müde zu versichern, keinesfalls wolle man den RTL-Quotenrenner kopieren: "Dschungel ist Dschungel, und Alm ist Alm." Doch die Show im Outback hat Maßstäbe gesetzt, denen sich auch die Produzenten anderer Soaps nicht mehr verschließen können. Das Setting und die Mutproben sind zwar immer noch dieselben wie 2004. Doch die Regie hat sich emanzipiert.

Die erste Staffel der "Alm" konnte sich nur deshalb behaupten, weil es sich RTL damals noch leisten konnte, den Leerlauf im "Dschungelcamp" abzubilden. Im Zeitalter der gescripteten Reality-Soaps geht das nicht mehr. Wie C-Prominente ohne vierlagiges Klopapier auskommen, interessiert niemanden. Die Produzenten dürfen nichts mehr dem Zufall überlassen. Schon durch die Bildauswahl können sie ihre Schäfchen wahlweise als Buhmann abstempeln oder zum Helden stilisieren. Den Rest erledigt der Cast, wie die letzte Staffel eindrucksvoll bewies.

Der Psychoterror hatte eine Eigendynamik entwickelt. Ohne es zu merken, hatten sich die aussichtsreichsten Bewerber selber ins Aus manövriert. Am Ende gewann ausgerechnet der Mann, der dieses Spiel von Anfang an boykottiert hatte: Peer Kusmagk .

Die Mittel heiligten den Zweck. Zum ersten Mal in der Geschichte des "Dschungelcamps" knackte RTL die Marke von einem 50-prozentigen Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen. Mit ihren messerscharfen Kommentaren konnten Dirk Bach und Sonja Zietlow sogar das Feuilleton mit den eher zähen Känguruhoden versöhnen. Statt Kopfnüssen hagelte es Komplimente. Einige Kritiker glaubten sogar, die Umrisse einer Meta-Ebene zu erkennen.

Angeblich ist alles echt

Ist ProSieben schon die Aussicht auf einen solchen Erfolg zu Kopf gestiegen? Oder backen sie dort nach dem jüngsten Flop mit den " Sommermädchen " so kleine Brötchen, dass schon eine zufällig kalbende Kuh als Erfolg verbucht werden könnte?

Von einer Inszenierung will Wolfgang Link nichts wissen. Er sagt, solche Eingriffe am offenen Herzen habe "Die Alm" nicht nötig. Langeweile werde dort nicht aufkommen. Die Kandidaten hätten schon beide Hände voll damit zu tun, den Hof zu bewirtschaften. Das sei kein Trash-TV, sondern richtig große Unterhaltung.

Eine optimistische Prognose. Dass Bilder von käsenden Möchtegern-Models oder naserümpfenden Plumpskloreinigern heute kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken, hat ausgerechnet RTL erfahren müssen: Statt in den Dschungel schickte der Sender seine Kandidaten 2010 auf eine norwegische Farm. Die Sendung steuerte auf ihren Höhepunkt zu, als sich eine Ex-Erotikdarstellerin und eine tierliebe Heilerin über die Frage in die Haare gerieten, ob man Katzenbabys mit Kuhmilch aufpäppeln kann. Der Streit gipfelte in einer Prügelszene.

Man wagt kaum zu hoffen, dass ProSieben seine Zuschauer mit originelleren Bildern überrascht: Wie schnell wächst eigentlich Gras?

" Die Alm " läuft ab dem 20. August bei ProSieben, 20.15 Uhr