Erdbeben an US-Ostküste

"Oh mein Gott, sie haben uns wieder getroffen!"

Das heftigste Erdbeben an der US-Ostküste seit 67 Jahren lief glimpflich ab, richtete aber 100 Millionen Dollar Schaden an – und rührte an amerikanische Urängste.

Herumtollende Kinder, Flugzeugabsturz, schleudernde Waschmaschinen, Super-GAU, Godzilla, Gasexplosion: Die Gefühlsausschläge beim ersten Anschwellen des Bebens um 13.58 Uhr Ostküsten-Sommerzeit waren abhängig von Standort und Fantasie. In Manhattan starrte die Menge zu den Wolkenkratzern empor wie vor zehn Jahren, als Türme und Menschen aus dem Himmel fielen.

Im Pentagon hörte man Militärs fluchen „Oh mein Gott, sie haben uns wieder getroffen.“ Erst das zweite, stärkere und längere Anschwellen brachte für 12 Millionen Amerikaner in einem halben Dutzend Bundesstaaten von Boston bis Atlanta die Gewissheit, kein Menschenwerk zu erleben. Sondern das heftigste Beben an der Ostküste seit 67 Jahren . Erschütternd, kurios wie alles Noch-nie-Erlebte. Die Erdstoßgebete verebbten mit den milden Nachbeben.

Es gab keine Verletzungen, außer am Stolz derer, die stöhnend den Jüngsten Tag gekommen wähnten. Es soll, nach ersten Schätzungen, etwa 100 Millionen Dollar Sachschaden gegeben haben. Auf der National Cathedral wurden drei der vier Steinmetzspitzen auf dem Turm beschädigt; „das spirituelle Zentrum der Nation“ dürfte fürs Erste geschlossen bleiben. Ebenso das Washington Monument, an dem Risse auftauchten.

Minerals, Virginia, ein Minenstädtchen mit 450 Einwohnern nahe Richmond, genoss notgedrungen die 15 Minuten Ruhm als Epizentrum und Nabel der Ostküste. Die beiden Reaktoren des AKW North Anna, knapp 16 Kilometer von Minerals entfernt, schalten planmäßig ab.

Obskure, glücklich wirkende TV-Erdbebenspezialisten

Spätestens als CNN, aufgeschreckt zu Massenmobilmachung seiner Reporter und Ressourcen, mit Eilmeldung 55 Minuten nach dem Beben mitteilte: „Doppelter Wasserrohrbruch im Pentagon“, dürften Amerikas Katastrophenschützer sich entspannt haben.

Andere Breaking News waren kaum spannender. Gott sei Dank. Jeder Vergleich mit dem Grauen vom 11. März in Ostjapan verbot sich. Das 60.000-fache an Energie, so erklärte ein US-Seismologe, sei dort entfesselt worden. Eine Gewalt, die nach der harmlosen Erfahrung des Mittags noch unvorstellbarer wurde.

Überhaupt schlug die Stunde obskurer, glücklich wirkender Erdbebenspezialisten in den US-Kabelsendern. Sie erinnerten an das Beben in New York von 1944, an das gewaltige Beben von 1912 im Südosten Missouris, das eine (später) geschätzte Stärke von 7,7 Punkten erreichte und den Lauf des Mississippi veränderte:

Der Strom floss für eine Weile nordwärts. Heute, meinte einer der Geologen mit etwas irritierender Begeisterung, würde ein solcher Erdstoß in dem dicht besiedelten Gebiet Millionen das Leben kosten.

Endlich lernte man Nützliches: Die Erd- und Felsschichten der Ostküste seien älter und viel kühler als der Boden an der Westküste. Was dort, im weichen Grund, lokal bleibe, setze sich im Osten viel weiter „wie eine klingende Glocke fort“. Naturgemäß spotteten Westküstler innerhalb von Sekunden über die panischen Narren am Atlantik:

„Euer 5,8-Beben haben wir hier jeden Tag zum Frühstück“, schrieb einer. Dafür drehe er sich nicht mal im Bett um, ein anderer. Und natürlich hätten die Ostküstler alles fasch gemacht: „Nicht aus Gebäuden zu fliehen versuchen, sondern unter Tische oder in kleine Räume kriechen und ausharren: „Duck, Cover and Hold on.“

Kein Notfallpläne für Erdbeben

Wahr ist, dass die Notfallpläne im Osten keine Erdbeben vorsehen. Allerdings auch keinen Angriff mit chemischen oder biologischen Waffen, von einer „schmutzigen Bombe“ zu schweigen. Hier wird Wehrhaftigkeit zwar stramm simuliert. Doch die Erfahrung des Dienstags, als in Washington sofort der Verkehr auf Stunden zusammenbrach und die U-Bahnen durch die Tunnel schlichen, gibt wenig Anlass zu Optimismus.

Selbst zwei Zentimeter Neuschnee lähmt regelmäßig die Hauptstadt. New York ist da cooler , wenn auch nicht besser organisiert. Bürgermeister Michael Bloomberg gab um 16.15 Uhr eine entwarnende Pressekonferenz, die in ihrem gelangweilten Ton an Unverschämtheit grenzte.

Erst leierte Bloomberg die Namen seines Notfallteams herunter, dann gab er bekannt, dass es nichts bekannt zu geben gebe außer einem „stressigen Nachmittag für manche“. Wer auch immer ihn gedrängt hatte, seine Stadt selbst zu beruhigen, tat weder New York noch dem Bürgermeister einen Gefallen.

Die ersten Lehren: für mindestens drei Tage Notproviant und Wasser, einen Notfallplan für Familien, um nicht auf Telefonnetze angewiesen zu sein; Dokumente und Bargeld an einem zentralen Ort verwahren. Oder so ähnlich. Die Aussicht, dass ab sofort auch an der Ostküste erdbebengeschmeidig gebaut wird (wie an der Westküste vorgeschrieben) gehen gegen null. Es wird wohl wenig bleiben als eine sonderbare Erinnerung.

Barack Obama, zur Zeit des Bebens gerade beim Golfspielen auf seiner Ferieninsel Martha’s Vineyard nahe Boston, soll nichts mitbekommen haben. Typisch, werden seine republikanischen Herausforderer sagen: Die Ostküste wäre fast in Schutt und Asche gefallen und der Präsident spielt seelenruhig Golf. Und das nicht einmal gut.

Der Beweis, dass Obama Amerika nicht liebt, sondern ihm alles Schlechte wünscht, ist abermals erbracht.