Vergewaltigungsprozess

Staatsanwalt nennt mutmaßliches Opfer Lügnerin

Es wird wohl vorerst keinen Prozess gegen Dominique Strauss-Kahn geben. Der New Yorker Staatsanwalt Vance beantragte am Montag, alle Anklagepunkte fallenzulassen. Grund für die Entscheidung seien die wiederholten Widersprüche und Lügen der Zeugin.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Die New Yorker Staatsanwaltschaft hat offenbar das Vertrauen in ihre Hauptzeugin verloren.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Dem ehemaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn bleibt ein Strafprozess in den USA wegen Vergewaltigungsvorwürfen aller Voraussicht nach erspart. Staatsanwalt Cyrus Vance beantragte am Montag bei Richter Michael Obus, alle Anklagepunkte fallenzulassen und das Verfahren einzustellen. Es wird damit gerechnet, dass der Richter der Empfehlung der Staatsanwaltschaft bei einer für Dienstag angesetzten Anhörung folgen wird.

Grund für die Entscheidung des Staatsanwalts waren laut dem Antrag die wiederholten Widersprüche und Lügen der Zeugin, die ihre Glaubwürdigkeit erschüttert hatten. Sie habe „in fast allen Gesprächen“ mit der Staatsanwaltschaft die Unwahrheit gesagt. Diese Lügen hätten bei einem Prozess „verheerende Wirkung“ gehabt, erklärte Vance.

In dem 25-seitigen Antrag bestätigte die Staatsanwaltschaft, dass es zwischen Strauss-Kahn und dem Zimmermädchen, das ihm Vergewaltigung vorwirft, einen „kurzen sexuellen Kontakt“ von sieben- bis neunminütiger Dauer gegeben habe. Einige Indizien sprächen auch dafür, dass dieser Kontakt „nicht-einvernehmlich“ gewesen sein könnte. Doch gebe es dafür keine eindeutigen Beweise. So habe die 32-Jährige keine Verletzungen gehabt, die eindeutig auf eine versuchte Vergewaltigung hinwiesen. Leichte Schäden an ihrer Unterwäsche könnten auch von normalem „Verschleiß“ herrühren. Ein Blutfleck auf dem Bett in Strauss-Kahns Hotelsuite stamme von dem ehemaligen IWF-Direktor, der unter einer Hautallergie an seinen Händen leide.

Strauss-Kahn war am 14. Mai kurz vor seinem Abflug nach Frankreich im Flugzeug verhaftet worden. Das 32-jährige Zimmermädchen beschuldigte ihn, sie zuvor in seiner Suite im New Yorker Sofitel-Hotel unter anderem zum Oralsex gezwungen zu haben. In der Folge kamen jedoch Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit auf. Die aus Guinea stammende Einwanderin hatte etwa bei ihrem Aufenthaltsantrag für die USA unter Eid gelogen. Zudem sprach sie am Tag nach dem angeblichen Übergriff am Telefon mit einem inhaftierten Freund über das Vermögen des IWF-Chefs.

Am schwersten wogen offensichtlich ihre falschen Angaben in ihrem Asylantrag, wonach sie schon einmal in Guinea Opfer einer Vergewaltigung geworden sei. In einer Sitzung mit den Ermittlern wirkte sie bei der Nacherzählung dieser Geschichte so überwältigt, dass sie selbst die Staatsanwälte zu Mitleid rührte. Später dann habe sie zugegeben, dass sie den „Angriff frei erfunden“ habe. Diese „Fähigkeit, diese erfundene Geschichte mit völliger Überzeugung als wahr auszugeben“, hätte die Verteidigung in einem Prozess erfolgreich ausschlachten können.

Die Entscheidung des Staatsanwalts stieß bei den Anwälten des Zimmermädchens auf scharfen Protest, Strauss-Kahns Anwälte begrüßten sie. In Paris reagierten führende Vertreter von Strauss-Kahns Sozialistischer Partei erleichtert auf die dramatische Wende in dem Drama. „Ich bin sehr glücklich“, sagte Parteichefin Martine Aubry. „Ich freue mich“, sagte ihr Mitbewerber um die sozialistische Präsidentschaftskandidatur, François Hollande. Über die politische Zukunft Strauss-Kahns, dem vor dem Skandal ein Sieg bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr zugetraut worden war, wollten sich die meisten Vertreter nicht äußern.

Sollte das Verfahren wie erwartet eingestellt werden, könnte Strauss-Kahn noch in dieser Woche die USA verlassen und nach Frankreich zurückkehren. Dort allerdings muss er mit einer weiteren Anklage wegen sexueller Übergriffe rechnen. Zudem hat Diallo eine Zivilklage gegen Strauss-Kahn eingereicht und fordert finanzielle Entschädigung von ihm.