Vergewaltigungsvorwurf

Strauss-Kahn und das vorläufige Ende einer Affäre

Die Anwälte der Hotel-Angestellten glauben nicht mehr an den Erfolg eines Verfahrens. Sie wollen die Einstellung empfehlen. Strauss-Kahn könnte bald freikommen.

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Dominique Strauss-Kahn könnte bald wieder ein halbwegs freier Mann sein. Vorausgesetzt, sein bislang an unerwarteten Wendungen nicht armer Fall erlebt nicht in letzter Minute eine neue überraschende Volte.

Amerikanische Medien berichteten übereinstimmend, der Staatsanwalt Cyrus Vance jr. plane, dem New Yorker Richter Michael Obus bei der für Dienstag angesetzten Anhörung zu empfehlen, dass Ermittlungsverfahren gegen Strauss Kahn einzustellen. Zuvor hatte das Büro des Staatsanwaltes das Zimmermädchen Nafissatou Diallo vorgeladen, die Strauss-Kahn beschuldigt, sie am 14. Mai in einer Suite des Sofitel in Manhattan zum Oralsex gezwungen zu haben.

Beobachter der Ermittlungen gingen davon aus, dass Vance die 33 Jahre alte Frau bei dieser Gelegenheit über seine Entscheidung informieren würde. Auch die Anwälte Diallos scheinen die Hoffnung verloren zu haben, dass es noch zu einem Strafprozess kommen könnte: „Wir hoffen immer noch, dass der Staatsanwalt sich auf die Beweise stützen wird, die zeigen, dass Frau Diallo Opfer eines sexuellen Angriffs geworden ist“, sagte ihr Anwalt Douglas Wigdor, „aber wir sind nicht zuversichtlich.“

Noch mehr Enthüllungen über das mutmaßliche Opfer

Der New Yorker Staatsanwalt Cyrus Vance jr. scheint es für wenig aussichtsreich zu halten, eine Geschworenen-Jury „über jeden vernünftigen Zweifel hinaus“ davon überzeugen zu können, dass Strauss- Kahn Nafissatou Diallo zum Sex gezwungen haben soll.

Auch der zweite Anwalt des Zimmermädchens, Kenneth P. Thompson, scheint davon auszugehen, dass der Richter keine Klage gegen Strauss-Kahn erheben wird. Er erwägt inzwischen die Einsetzung eines Sonderstaatsanwaltes zu beantragen, der die Ermittlungen fortführen soll. Amerikanische Rechtsexperten halten einen solchen Schritt jedoch für wenig aussichtsreich.

Die „ New York Post “ berichtete, die Begründung des Staatsanwaltes für die Empfehlung, das Verfahren einzustellen, enthalte mehrere „Bomben“. Gemeint sind damit neue Enthüllungen , welche die Glaubwürdigkeit der Klägerin zusätzlich in Zweifel zögen.

Zum einen soll sie gegenüber über das Telefonat gelogen haben, bei dem sie am Tag nach dem Vorfall im Sofitel mit einem inhaftierten Freund über die Möglichkeit sprach, aus dem Fall finanziellen Nutzen zu ziehen. Außerdem hat sie anscheinend zunächst abgestritten, dass sie am Abend vor der mutmaßlichen Tat Sex hatte. Darauf könnte die Verteidigung sich aber berufen, um die Rötungen im Genitalbereich des mutmaßlichen Opfers zu erklären.

Dem Opfer mangelt es an Glaubwürdigkeit

Das Büro des Staatsanwaltes hatte bereits Ende Juni in einem ungewöhnlichen Schritt, die Verteidiger Strauss Kahns darüber informiert, dass Nafisatou Diallo in den Vernehmungen mehrmals die Unwahrheit gesagt hatte. So hatte sie falsche Angaben zu einer zurückliegenden Vergewaltigung in ihrem Heimatland Guinea gemacht.

Zudem waren suspekte Bewegungen größerer Summen auf ihrem Konto festgestellt worden, von dem Diallo behauptete, sie habe es einem Freund zur Verfügung überlassen.

Mit diesem Freund, der wegen Drogenhandels in einer Haftanstalt in Arizona einsitzt, führte sie am Tag nach dem Vorfall im Sofitel ein Telefonat in ihrer Muttersprache Ful. Angeblich sagte sie dabei sinngemäß so etwas wie: „Der Typ hat viel Geld. Ich weiß was ich tue.“ Die Übersetzung des abgehörten Gesprächs ist allerdings umstritten.

Opfer würde im Kreuzverhör nicht standhalten

Nun zeichnet sich ab, dass die Ermittler, die Hoffnung, ihre Hauptbelastungszeugin könnte das Kreuzverhör der Verteidigung unbeschadet überstehen, aufgegeben haben. Das Verhältnis zwischen Diallo, ihren Anwälten und der Staatsanwaltschaft hatte sich im Lauf der Ermittlungen zusehends verschlechtert.

Da Diallos Anwalt Kenneth P. Thompson die Einstellung des Verfahrens seit Wochen befürchtete, entschied er sich zu zwei ungewöhnlichen Schritten: Anfang August gab seine Mandantin dem Sender ABC und dem Magazin Newsweek Interviews , in denen sie ihre Vorwürfe bekräftigte.

Zudem reichte Thompson am 9. August eine Zivilklage mit Entschädigungsforderungen gegen Strauss-Kahn ein. Eine solche Klage folgt in der Regel erst nach einem Strafprozess. Sollte der Richter Michael Obus der Empfehlung des Staatsanwaltes folgen – wovon die meisten Beobachter ausgehen – dann könnte Dominique Strauss-Kahn theoretisch das nächste Flugzeug nach Paris nehmen.

Dort hat seine Partei inzwischen ohne ihn mit dem Präsidentschaftswahlkampf begonnen. Außerdem erwartet ihn in der Heimat ein weiteres Verfahren wegen versuchter Vergewaltigung. Rosige Aussichten sind das nicht.