Alles Adrenalin

Freddy Nock ungesichert auf dem Seil am Abgrund

Der Schweizer Hochseilartist will völlig ohne Sicherung auf einem Drahtseil 995 Meter weit zur Zugspitze laufen – er sagt, er wisse, was er tue.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Am Samstag will der Schweizer Hochseilartist Freddy Nock auf dem Tragseil der Gletscherbahn zur Zugspitze laufen, eine Strecke von 995 Metern auf einem fünf Zentimeter dicken Stahlseil bei einer Steigung von bis zu 56 Prozent – ungesichert und zum ersten Mal ohne Balancierstange. Es ist der Auftakt einer Tour, bei der Nock sieben Weltrekorde in sieben Tagen brechen will. Michael Bee sprach mit dem 46-Jährigen über Angst, Adrenalin und attraktive Ablenkungen.

Morgenpost Online: Grüß Gott, Herr Nock. Sind Sie verrückt?

Freddy Nock: Verrückt? Nee, nee. Ich denke nicht, dass ich verrückt bin. Das höre ich zwar immer wieder, aber sehr viele Leute stehen hinter mir und glauben an mich. Ich bin ein Profi, ich weiß, was ich mache.

Morgenpost Online: Was geht einem durch den Kopf, wenn man über den Abgrund läuft?

Nock: Ich mache das schon jahrelang. Da hat man nur seine Arbeit im Kopf, ich mache nun mal meinen Job, das läuft automatisch. Wenn ich eine Balancierstange dabei habe, fühle ich mich absolut sicher, da kann ich auch schon mal das Panorama genießen. Oder ich überlege mir, welche Projekte ich als Nächstes in Angriff nehme. Ohne Stange muss ich mich auf jede Bewegung konzentrieren, die Schwingungen des Seils ausgleichen, den Wind spüren.

Morgenpost Online: Wie kommt man überhaupt auf die Idee, auf dem Tragseil einer Bergbahn zu laufen?

Nock: Den Traum hatte ich schon als Kind. Ich bin mit meinen Eltern die Zugspitze raufgefahren und hab gesagt: Da will ich drüberlaufen. Und meine Eltern antworteten: Das geht nicht. Aber vor zwei Jahren hab ich’s dann mit Stange geschafft. Ich hab’s allen gezeigt.

Morgenpost Online: Wenn man Sie bei Ihren Seilläufen beobachtet, sieht das eigentlich aus wie ein lockerer Spaziergang.

Nock: Das täuscht, es ist sehr anstrengend. Aber das kommt auch immer auf mein Gefühl an. Als ich das erste Mal die Zugspitze hochgelaufen bin, hab ich mir gedacht: Die Strecke könnte ich direkt noch einmal laufen.

Morgenpost Online: Sie nennen sich selbst Extremartist. Was muss man als Extremartist mitbringen?

Nock: Als kleiner Junge habe ich schon mit Gefahren gearbeitet. Mittlerweile mache ich nur noch extreme Sachen: in der Motorradkugel oder meine Wilhelm-Tell-Nummer, bei der ich mit der Armbrust auf einen Apfel schieße, der auf dem Kopf meines Partners liegt. Das sind alles Dinge, die nur durch jahrelange Erfahrung möglich sind. Ich muss mir ständig zu 100 Prozent sicher sein, das ich das schaffe.

Morgenpost Online: Wie bereitet man sich auf so ein Wagnis vor?

Nock: Ich gehe die Bewegungen im Kopf durch und bereite mich auf den Adrenalinschub vor, der einsetzt, sobald ich auf dem Seil bin. Das sind wahnsinnige Energien, auf die man sich mental einstellen muss.

Morgenpost Online: Ihre Töchter Stefanie und Kimmy stehen auch auf dem Seil. Keine Angst um den eigenen Nachwuchs?

Nock: Nein, nein. Ich habe riesiges Vertrauen in meine Kinder, da kommt keine Angst auf. Ich bringe ihnen bei, dass man Respekt vor den Gefahren haben muss. Dass man nicht übermütig werden darf. Das wichtigste aber ist, dass sie ihre Fehler nicht wiederholen.

Morgenpost Online: Wenn Sie schon keine Angst vor dem Absturz haben: Gibt es etwas, was Sie fürchten?

Nock: Ich habe Angst vor Haien, wenn ich im Meer schwimmen gehe. Und vorm Flugzeugfliegen oder einer Fahrt mit dem Zug. Dinge, über die ich keine Kontrolle habe, die ich nicht beeinflussen kann, die machen mir Angst.

Morgenpost Online: Mit 18 stürzten Sie vom Seil und brachen sich beide Handgelenke. Was haben Sie damals falsch gemacht?

Nock: Ich war dumm. Ich hab gedacht, ich bin der Beste, ich kann alles. Eine hübsche, blonde Frau saß in der Loge, ich wollte ihr imponieren. Durch den Sturz habe ich gelernt, vorsichtiger zu sein, noch härter zu trainieren, mich nicht ablenken zu lassen. Eigentlich müsste ich der blonden Frau dankbar sein: Der Sturz hat mir geholfen, zu werden, was ich bin.

Morgenpost Online: Welche Herausforderung ist noch offen? Wie wollen Sie sich künftig noch überbieten?

Nock: Ich habe ständig was in meinem Kopf, die Niagarafälle zum Beispiel, den Grand Canyon. Früher war es technisch nicht möglich, ein Seil über einen See zu spannen. Mittlerweile geht das. So was kann nicht jeder machen. Weil es niemand anderen auf der Welt gibt, der meine Technik hat. Und ich würde niemandem raten, das nachzumachen.

Morgenpost Online: Sie stammen aus einer traditionsreichen Zirkusfamilie. Wo balancieren Sie denn lieber? In der Manege oder über den Alpen?

Nock: Vor einem Zirkuspublikum seine Nummern zu zeigen, ist wunderschön. Aber mich reizen jetzt mehr die extremen Sachen, Berge bezwingen, Schluchten überwinden, über einen See laufen. Und ich kann damit etwas Gutes tun. Mit meiner Rekord-Tour unterstütze ich Bildungsprojekte der Unesco, das macht große Freude.

Morgenpost Online: Sie sind 46 Jahre alt. Wie lange kann man auf so hohem Niveau übers Seil laufen?

Nock: Ich fühl mich wie 20. Und ich werde auch noch mit 80 auf dem Seil stehen und verrückte Dinge machen. Erst vor zwei Jahren habe ich die Weltmeisterschaft in Korea gewonnen. Da bin ich einen Kilometer in 10 Minuten und 18 Sekunden auf dem Seil gelaufen. Die Jüngeren, die 18- oder 20-Jährigen, haben eine Minute länger gebraucht. Ich habe alle überboten.