Hollywood

Frank Welker, der 12.500.000.000-Dollar-Mann

Er hat Hollywood die meisten Einnahmen beschert. Aber wer ist eigentlich Frank Welker? Sie haben ihn noch nie gesehen. Aber bestimmt gehört.

Neulich hat das amerikanische „Forbes“-Magazin die neue Liste von Hollywoods 100 größten Stars veröffentlicht. Aufgeführt wird, wie viel ein Schauspieler in seinem Leben verdient hat und in wie vielen Filmen wir den Menschen bewundern dürfen. Cate Blanchett ist Nummer 99, Julia Roberts Nummer 35. Tom Cruise ist Nummer 8, Tom Hanks Nummer 3. Auf Platz 1 steht, mit einem Einkommen von 77 Millionen Dollar im letzten Jahr: Leonardo DiCaprio. Damit hat er seinen Vorgänger Johnny Depp um 27 Millionen Dollar getopt.

Und dann gibt es da noch diese andere Liste, die „Forbes“ Jahr für Jahr veröffentlicht, die Liste jener Schauspieler, die in Hollywood am meisten Geld eingespielt haben. Nummer 1 ist, halten Sie sich fest, Frank Welker. Wer bitte? Nein, graben Sie nicht in Ihrem Gedächtnis herum, den Typen haben Sie noch nie gesehen.

Es sei denn, Sie verfügten über eine furchterregend gut eingerichtete Videothek in Ihrem Gehirn: Dann würden Sie in dem Film „The Trouble with Girls“ von 1969, in dem Elvis Presley die Hauptrolle spielt, eine kurze Szene mit Frank Welker wiedererkennen.

Der King ist tot - Frank Welker lebt

Frank Welker gibt dort eine Ente. Genauer gesagt, er spielt einen blutjungen Studenten (Welker war damals gerade mal 24 Jahre alt), der eine Ente nachmacht. „Watch this“, sagt er, dann führt er eine Hand vor seinem Gesicht vorbei, und schon steht er mit Hängeschultern und Plattfüßen und Glotzaugen da: wirklich, eine Ente. Vielleicht keiner Naturente, eher eine Zeichentrickfigur, sagen wir: Duffy Duck, aber jedenfalls unverkennbar.

Und dann holt Frank Welker hinten aus seiner Kehle, aus dem Inneren seiner Existenz, irgendwoher – es ist ein echtes Mysterium – die Stimme der Ente, jenen Klang, der mit „Schnattern“ nur lächerlich unvollkommen bezeichnet ist, eine ansteigende Kadenz von singenden Krächztönen, und die ist nun absolut naturgetreu. Elvis Presley ist zu jenem Zeitpunkt längst weitergegangen (die Episode dauert im Ganzen weniger als eine halbe Minute). Elvis ist längst tot, gestorben am Ruhm und den Tabletten. Frank Welker aber lebt.

Frank Welker ist kein Körper, er ist eine Stimme. Er hat schon auf dem kurzen Ausschnitt von 1969 eines jener Gesichter, die man sofort wieder vergisst.

Mittlerweile ist er älter geworden, und sein Gesicht ist noch mehr zum Vergessen: Hamsterbacken, schwaches Kinn etc. Man kann sich aber gut vorstellen, dass er früher in der Schule der Klassenclown war: dass er vielleicht großartige Lehrerparodien geliefert hat; dass seine Mitschüler vor Lachen auf dem Boden lagen, wenn er den kleinen Kläffer nachahmte, dem sie auf dem Schulweg begegneten. Er wurde 1946 geboren, aufgewachsen ist er in Denver (Colorado). Er will nicht, dass wir mehr über ihn wissen. Es ist aber auch nicht notwendig, dass wir mehr über ihn wissen.

Er war die Stimme von Kermit dem Frosch

Wichtig sind nämlich nur diese Details: Kermit, der Frosch aus der „Muppets“-Show. Slimer, der freundliche, wenn auch etwas eklige Geist aus „Ghostbusters“. Megatron, der dunkle Bösewicht in „Transformers“, dem Film über Maschinenlebewesen aus dem All, die sich in Autos verwandeln können. Scooby-Doo, die dänische Dogge, die vier Teenagern hilft, Verbrechen aufzuklären.

Fred Jones, der leicht behämmerte Inhaber besagter Dogge. Alle Pinguine in dem neuen Film „Mr. Popper’s Penguins“ mit Jim Carrey. Und nicht zuletzt Scharfzahn „In einem Land vor unserer Zeit“, den bösartigen T-Rex, der die friedlichen Dinosaurier das Fürchten lehrt.

All diesen merkwürdigen Kreaturen – Geschöpfen nicht Gottes, sondern der menschlichen Fantasie (also irgendwie doch Gottesgeschöpfe) – hat der Mann mit dem unauffälligen Gesicht eine Stimme gegeben. Nicht seine Stimme, notabene, das wäre ja witzlos – sondern immer just die Stimme, die der Gestalt, die er darstellte, und der jeweiligen Situation angemessen war.

All seine Intelligenz und seine Spielfreude hat Frank Welker dafür eingesetzt. Wir gönnen Hollywood jeden Cent von den 12.480.138.742 Dollar, die er durch seine Mitarbeit in 96 Filmen in seinem Leben weltweit eingespielt hat.

Keine Angst vor Lächerlichkeiten

Auf YouTube kann man einen kurzen Film ansehen, der Frank Welker zeigt, wie er einen Affen für ein Videospiel nachmacht. Der Film ist vor allem lehrreich, weil ihm der Kontext fehlt: Wir wissen nicht, wie genau das Tier aussieht, das Welker hier darstellt, wir wissen nicht, in welche Situationen es gerät.

Wir sehen (und hören) nur, was er macht. Wir sehen also: Der Mann hat, wenn er seinen Beruf ausübt, überhaupt keine Angst vor Lächerlichkeit. Er rudert mit den Armen, er hält sich ängstlich zwei Finger vor den Mund, er macht Glubschaugen.

Und die Töne, die er von sich gibt? Welker gurrt, er schreit, er lacht, er kichert, er seufzt, er macht „Aiaiai“, er triumphiert äffisch, er grunzt, er röhrt, er frisst, er schmatzt, er niest, er quatscht ohne Worte.

Am Schluss bittet ihn jemand, eine Schallplatte nachzumachen, die einen Sprung hat. Frank Welker gestaltet das zu einer wunderbaren kleinen Nummer, die Schallplatte wird vor- und zurückgedreht, sie sagt so etwas wie „Worger, worger, worger“; ja, sie müht sich redlich, die kleine Platte, aber irgendwann kommt leider immer das „Krschrscht“ des Risses in dem Vinyl. Wer dabei nicht Tränen lacht, dem ist auf Erden nicht mehr zu helfen.

Der bekannteste unbekannte Schauspieler wird ohne Zweifel weitermachen, bis er eines Tages im Himmel den Allmächtigen parodiert („Es werde Licht, mua ha ha ha“). Freuen wir uns in der Zwischenzeit, dass wir ihn bei uns haben.