Entlaufenes Vieh

Yvonne und die Freiluftspiele mit Kasperl und Kalb

Fladen waren bislang die einzigen Lebenszeichen. Doch jetzt ist die entlaufene Kuh Yvonne aus einem Hubschrauber heraus gesichtet worden.

Foto: dpa / dpa/dpa/Josef Enzinger

Es reicht. Gerhard Hamburger hat nun wirklich genug. Gerade hatte er sich sogar zwischendurch mal hingelegt. Am helllichten Tag. „Das ist doch ein Kasperltheater, was die hier veranstalten “, sagt der Landwirt. Und der Kasper, das ist Ernst, der als Stier angepriesene Ochse, der seit vergangener Woche auf Hamburgers Wiese, die an den Wald grenzt, steht und den Casanova geben soll. „Die sollen den einpacken und wieder mit nach Deggendorf nehmen, ist doch wahr“, sagt Hamburger. 66 Jahre sei er alt, aber so etwas habe er noch nie erlebt.

In der Gemeinde Zangberg, Kreis Mühldorf am Inn, werden derzeit die bekanntesten Freiluftspiele der Welt gegeben. Vergessen Sie Bayreuth und Salzburg, um die 25 Hektar Wald in Oberbayern spielt sich ein viel größeres Drama ab, an dessen Entwicklung man sich live beteiligen kann: Die Suche nach Yvonne , der anthropomorphisierten Kuh.

Es braucht Hubschrauber, sie zu finden

Die Tierschützer von Gut Aiderbichl, die sich der Rettung der Flüchtigen verschrieben haben, lassen seit Wochen nichts unversucht, die am 24. Mai entlaufene Kuh Yvonne wieder einzufangen. Dabei überbieten sie sich in ihren Aktionen ständig selbst.

Am Montag flog schließlich ein Hubschrauber mit einer Wärmebildkamera über das Waldstück und die angrenzenden Felder. Und tatsächlich: Aus einem Hubschrauber heraus sichtete der Geschäftsführer von Gut Aiderbichl, Dieter Ehrengruber, das Tier, als es in den Wald zurücklief. „Es ging alles so schnell, zu schnell für ein Foto“, sagt er. Immerhin sei aber nun der neue Aufenthaltsort der Kuh bekannt und man könne sicher sein, dass es ihr gut gehe. Verraten werde der Ort vorerst nicht.

Mit der Sichtung hat sich die Dringlichkeit der letzten Tage etwas gelegt: Nachdem Yvonne ausgerechnet mit einem Polizeiauto fast kollidiert wäre, war sie zum Abschuss freigegeben worden. Die Verordnung wurde jedoch inzwischen bis zum 26. August ausgesetzt, die Tierschützer haben also noch etwas Zeit.

Sollte Yvonne allerdings bis dahin nicht gefunden werden, dann könnten die Gegner des Kuh-Theaters auf den Plan treten. Schon jetzt sind viele Jäger verärgert. Die Frau des Pächters der Jagd bestätigt Gerhard Hamburgers Verdacht: Tatsächlich seien durch die groß angelegten Suchaktionen alle anderen Tiere aus dem 25 Hektar großen Waldstück verschwunden.

„Morgens im Tau kann man keine Spuren mehr sehen wegen all dem Remmidemmi“, sagt sie.

Zuerst wusste die Welt nicht viel mehr von dem Rind als die Farbe und das Geschlecht und eben die Tatsache, dass es seinem Besitzer entlaufen war und sich in einem Wald versteckt hielt. Laut Experten verwildert so eine Kuh im Wald schon nach kürzester Zeit. Yvonne, die nun über zwei Monate keinen Kontakt mehr zu Menschen hatte, ist also auf gar keinen Fall „die Kuh, die wie ein Reh“ lebt – das Label, unter dem sie berühmt wurde.

Im Gegenteil: Yvonnes früherer Besitzer aus Kärnten, wo die Milchkuh aufwuchs, warnte bei Bild.de sogar vor dem reizbaren Temperament des Tieres: „Das war eine ganz nervöse Kuh, deshalb hab’ ich sie auch verkauft.“ Yvonne werde sehr gefährlich, wenn sie bedrängt werde. Den Medienrummel, der bundesweit und international um die Kuh herrscht, versteht er nicht.

Nun soll Yvonnes Kalb "Friesi" seine Mutter suchen

Aber Michael Aufhauser ließ nicht locker und recherchierte die Lebensgeschichte des Rindes: Dabei stellte sich heraus, dass die Kuh eigentlich Angie heißt und aus Kärnten stammt. Aufhauser kaufte das Tier für 700 Euro seinem Besitzer ab, später erstand er auch ihre „Freundin“ Waldtraud und das Kalb Waldi, er organisierte ihr einen Verehrer, in dem oben genannten Ochsen Ernst, und zuletzt fand er noch durch einen Zufall Yvonne-Angies Kalb, einen Mastbullen, den er auf den Namen Friesi taufte.

Friesi erholt sich jetzt im Stall der Deggendorfer Dependance von Gut Aiderbichl von seinem monotonen Leben in Österreich als Mastbulle. „Der ist im Stall zusammen mit den Kühen Herzblume, Gabi und Gitti, die drei bringen ihn schon ins Leben zurück“, erklärt Michael Aufhauser. „Momentan ist er noch etwas tollpatschig.“

Nach so viel Zeit auf engem Raum habe er seine Instinkte zurückentwickelt. Am Ende der Woche aber soll Friesi so fit sein, dass er zu Ernst auf die Weide darf, von wo aus er dann seine Mutter Yvonne anlocken soll.