Fünf Monate danach

Japan hat sich von der Katastrophe noch nicht erholt

Die Erde bebt, das BIP bricht ein, viele Regionen sind nur noch Ruinengebiete: Fast ein halbes Jahr nach der Tsunami-Katastrophe leidet Japan immer noch.

Fünf Monate nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami kämpft Japan immer noch mit den Folgen der Katastrophe. Die japanische Wirtschaft hat sich im zweiten Quartal von April bis Juni nicht aus der Rezession herausarbeiten können – die Regierung hofft aber auf eine Rückkehr zum Wachstum von Juli bis September.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist nicht so stark eingebrochen wie befürchtet. Aber es schrumpfte wegen der Naturkatastrophe im zweiten Quartal um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie die Regierung in Tokio mitteilte. Finanzminister Yoshihiko Noda sagte, es gebe eine „hohe Wahrscheinlichkeit“, dass die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal wieder zulegen werde.

Das Beben und der Tsunami im Norden Japans am 11. März hatten zahlreiche Fabriken teilweise oder ganz zerstört. Betroffen waren vor allem Zulieferer der Autoindustrie. Zudem mussten neben dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima Eins zahlreiche weitere AKW abgeschaltet werden, was zu Problemen bei der Stromversorgung führte. Im ersten Quartal von Januar bis Ende März schrumpfte das BIP daher um 0,9 Prozent. Bereits das Quartal davor war das japanische BIP gesunken.

Verantwortlich für die sinkende Wirtschaftsleistung waren im zweiten Quartal vor allem die Exporte, die im Vergleich zum Vorquartal um 4,9 Prozent zurückgingen. Die Verbraucher gaben 0,1 Prozent weniger für ihren Konsum aus. Die öffentlichen Investitionen dagegen – vor allem durch die nötigen Hilfs- und Wiederaufbauprojekte nach dem Beben – legten mit 3,0 Prozent kräftig zu und glichen die negativen Daten daher fast aus.

Japan schreckt selbst vor Produkten aus der Region rund um das durch Beben havarierte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zurück. Die Behörden von Kyoto haben aus Angst vor atomarer Strahlung ein Geschenk aus der Region des Unglückskraftwerks abgelehnt: Weil in den Scheiten von Pinienholz, welche die Stadt Rikuzentakata für Feuer zum Abschluss eines buddhistischen Festen spenden wollte, eine leicht erhöhte Radioaktivität gemessen worden sei, habe Kyoto das Angebot nicht annehmen können, sagte Bürgermeister Daisaku Kadokawa.

Der Entschluss sei „herzzerreißend“ gewesen, aber die Stadt habe „keine andere Wahl“ gehabt. „Ich entschuldige mich bei den Katastrophengegenden aus tiefstem Herzen“, sagte Kadokawa.

Das nordöstliche Rikuzentakata war durch das schwere Erdbeben und den anschließenden Tsunami am 11. März stark zerstört worden und leidet außerdem unter den Folgen des Atomunglücks in Fukushima. Fast 2150 Einwohner der Stadt, etwa zehn Prozent der Bevölkerung, starben durch die Naturkatastrophe oder gelten noch immer als vermisst.

Entlang der nahen Pazifikküste wurden zehntausende Pinienbäume entwurzelt, deren Holz nun nach Kyoto geschickt werden sollte. Auf die Holzscheite hatten Überlebende Botschaften an Verstorbene geschrieben, mit denen sie durch die rituelle Verbrennung in Kontakt treten wollten. Das Holz wurde nach der Ablehnung aus Kyoto in Rikuzen Takata bei rituellen Feuern geopfert.

Ein neues schweress Erdbeben hatte den Nordosten Japans am Wochenende erschüttert. Der japanischen Erdbebenwarte zufolge ereignete sich der Erdstoß der Stärke 6,0 in einer Tiefe von 50 Kilometern.

Das Epizentrum lag demnach vor der Küste der Präfektur Fukushima, die im März von dem verheerenden Beben der Stärke 9,0 und einem anschließendem Tsunami getroffen worden war. Berichte über Todesopfer oder mögliche Schäden nach dem jüngsten Beben lagen zunächst nicht vor, auch wurde keine Tsunami-Warnung ausgegeben.

Die US-Erdbebenwarte gab das Beben, das noch in der 220 Kilometer entfernten Hauptstadt Tokio Häuser schwanken ließ, mit einer Stärke von 5,9 an. Der Betreiber des von dem Beben im März schwer beschädigten Atomkraftwerks Fukushima, Tepco , erklärte, nach dem erneuten Erdstoß keine zusätzlichen Schäden an der Anlage festgestellt zu haben.

Japan liegt auf vier aneinanderstoßenden Erdplatten und wird jedes Jahr von 20 Prozent der weltweit stärksten Erdbeben erschüttert. Durch das Erdbeben im März kamen mehr als 20.000 Menschen ums Leben. Die dadurch ausgelöste Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima war der schwerste Atomunfall seit der Katastrophe in Tschernobyl vor 25 Jahren.