Lingerie League

Knallharter Football in BH und Spitzenhöschen

Bei den Spielen der US-Lingerie-Football-League treten leicht bekleidete Frauen gegeneinander an. Ein Trend, der auch nach Deutschland schwappt.

Saige Steinmetz wollte immer schon fort aus der Kleinstadt in Pennsylvania, in der sie aufgewachsen war. Obwohl sie ihre Familie liebt, ihre Eltern, ihren Bruder, ihren kleinen Neffen. Aber: "Heiraten, Haus kaufen, Kinder kriegen, da hab ich erst mal andere Pläne", sagt Steinmetz, 23 Jahre alt, groß, schlank und blond.

So ging sie nach Tampa im Bundesstaat Florida, studierte Kriminologie und spielte in der College-Auswahl Soccer, das also, was in Deutschland Fußball genannt wird. Sie spielte gut, eine Profilaufbahn schien möglich. Vielleicht wäre sie heute sogar Mitglied im Team der gefeierten US-Fußballfrauen, des Vizeweltmeisters.

Doch Saige Steinmetz wollte lieber American Football spielen. Nicht in einem der kaum beachteten Frauenteams, die sich im Schatten der National Football League (NFL), der Mega-Männer-Liga, um Anerkennung bemühen. Sondern im Team von Tampa Breeze in der Lingerie Football League, kurz: LFL, der ebenso schillernden wie berüchtigten amerikanischen Unterwäsche-Liga.

Dort tragen die Spielerinnen zwar auch Schulterpolster, Knieschoner und Helme – aber statt Trikots bunte BHs, knappe Höschen und Strumpfband. Ruppig geht es dennoch zu. „Ich mag am Football, dass ich meine Gegner so hart anrempeln kann, wie ich will,“ sagt Steinmetz mit ihrem trägem Stimmchen, das so gar nicht zu der toughen jungen Frau zu passen scheint. Beim Soccer, sagt sie, habe sie für solche Aktionen immer die Rote Karte bekommen.

Sport in Unterwäsche als Marketing-Gag

Die LFL ist eine Erfindung – viele sagen: ein Marketing-Coup – des kalifornischen Promoters Mitchell Mortaza. Der wollte TV-Zuschauern zunächst „eine etwas derbere Alternative“ zu den Halbzeitshows des Super Bowl anbieten, des Endspiels um die amerikanische Football-Meisterschaft. In der Super-Bowl-Pause tritt traditionell die Elite aus Pop und Rock auf, die Rolling Stones etwa, Bon Jovi oder Black Eyed Peas.

Seit 2004 lässt Mortaza seine Spielerinnen in der Halbzeitpause im Bezahlfernsehen zum „Lingerie Bowl“ auflaufen. 65 Millionen Zuschauer verfolgten das Dessousspektakel im vergangenen Jahr – das ist die zweithöchste Einschaltquote nach dem Super Bowl selbst, den 150 Millionen am Bildschirm verfolgen. Das Football-Finale gilt als teuerster Werbeplatz der Welt: Bis zu drei Millionen Dollar kostet eine Minute Sendezeit.

Da lohnt sich das Geschäft des Trittbrettfahrers: Auch für den Lingerie Bowl fallen Jahr für Jahr hochkarätige Werbekunden ab, darunter Autobauer Chrysler, Filmgigant Universal Pictures und Bierbrauer MillerCoors.

Aus dem florierenden Pausen-Bowl entstand schließlich die Idee einer kompletten Liga. Die geht Ende August in ihre dritte Saison. Zehn Mannschaften, alle im Besitz der LFL, treten von August bis Februar zu einem Wettstreit an. Die Teams tragen klingende Namen wie Philadelphia Passion, Las Vegas Sin, Los Angeles Temptation oder – für den Wagnerianer unter den Fans: Minnesota Valkyrie. Leidenschaft, Verführung, Sünde.

All das präsentiert Mortaza seinen Kunden im Kabelkanal MTV 2. Der wirbt mit dem Slogan: „Man’s best friend“. Die Spiele werden am Freitagabend zur Hauptsendezeit übertragen und landeten schon ein paar Mal auf Platz zwei in der Zuschauergunst der Amerikaner.

Zu den Spielen selbst kommen 1500 bis 1800 Besucher im Durchschnitt in Vorstadtarenen. Tickets kosten zwischen 15 und 85 Dollar. „Unsere Klientel sind wohlsituierte junge Männer und auch Frauen“, betont Mortaza. Seine LFL sei von Beginn an profitabel gewesen und schneller gewachsen als die schrillen Schaukämpfe des Wrestling-Veranstalters WWE: „Und das in der schwersten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression“.

Mittlerweile hat Mortaza globale Ambitionen: 2013 startet ein LFL-Ableger in Australien, ab 2014 will er Europa mit Dessous-Ligen beglücken. In Deutschland soll es LFL-Teams in Frankfurt und Düsseldorf geben.

Hier hofft Mortaza auf einen sanfteren Start als in den USA. Dort rief die Lingerie-Liga zu Beginn heftige Kritik aus feministischen Kreisen hervor. Die fanden die Football-Show „sexistisch“ und „entwürdigend“. Mortaza ficht das nicht an: „Schlechte Presse ist besser als keine Presse.“

Kommerziell sehr erfolgreiches Projekt

Tatsächlich unterscheide ihr kommerzieller Erfolg die LFL von anderen Frauenligen. Die müssten stets um Zuschauer und Sponsoren ringen. „Frauensport muss man anders vermarkten als Männersport.“ Sprich: mit mehr Sex-Appeal. „Sex und Sport sind Geschwister“, befindet Mortaza. „Und die LFL liegt genau in der Schnittmenge.“ Sex sells, heißt seine Devise.

Mary Jo Kane kann da nur bedingt zustimmen. „Sex verkauft ... Sex“, sagt die Professorin für Sportsoziologie an der Universität von Minnesota, „aber Sex verkauft nicht den Sport.“ Sie findet es „schon ein bisschen ironisch und sehr entlarvend“, dass die Debatte über Sport und Sex jetzt wieder geführt werde, wo der Frauensport bei der Fußball-WM in Deutschland einen so großen Triumph gefeiert habe: „Dort sind echte Sportlerinnen in einem echten Wettkampf auf einer echten Bühne gegeneinander angetreten.“ Ohne Strumpfband und trotzdem vor vollen Zuschauerrängen.

Mary Jo Kane liegt es fern, den moralischen Zeigefinger zu heben. „Ich habe kein Problem mit der Lingerie-Liga“, sagt sie und lacht. Als naiv will sie sich auch nicht abtun lassen: „Mir ist schon klar, dass eine Sportlerin im knappen Badeanzug auf dem Titel von ,Sports Illustrated‘ oder eine Fotostrecke mit den deutschen Fußballdamen im ,Playboy‘ den Verkauf dieser Hochglanzmagazine ? in die Höhe treibt.“ Die eigentliche Frage sei aber doch: „Gehen deshalb mehr Menschen in die Stadien?“ Kanes Antwort darauf lautet klar: Nein.

Aus diesem Grund mag sie den Lingerie Football nicht wirklich als „Sport“ bezeichnen, sie sieht die Liga eher als Nischen-Entertainment – wie Schlamm-Catchen oder Roller Derby. „Ich verurteile die Frauen nicht, die sich entscheiden, in der Lingerie-Liga zu spielen“, sagt die Soziologin. Vielleicht suchten sie eine Bühne, um sich als Model oder Cheerleader zu empfehlen.

Allerdings werde die LFL wohl kaum dazu beitragen, den Respekt vor Frauen im Sport zu stärken. „Ich fürchte, dass die Spielerinnen der Lingerie-Liga eher als Sex-Häschen verspottet und nicht als Athletinnen anerkannt werden.“

Spielerin Saige Steinmetz sieht sich nicht als Model und bestimmt nicht als Sex-Häschen. „Ich treibe Sport, seit ich Kind bin“, sagt sie. „Gymnastik, Ballett, Schwimmen, Hockey, Softball, Soccer, ich hatte vor keinem Sport Angst.“ Sie besitze keine High Heels, und Make-up benutze sie erst, seit sie in der LFL spiele: „Eine Teamkameradin musste mir helfen, für das erste Fotoshooting falsche Wimpern anzukleben.“

Spielerinnen bekommen kein Honorar

Auch LFL-Gründer Mortaza wehrt sich gegen das Stereotyp der Softporno-Barbie. „Unter unseren Spielerinnen sind Soldatinnen, Ärztinnen, Anwältinnen, Mütter und Hausfrauen. Die Mädchen haben nur zwei Dinge gemeinsam: Sie sind schön, und sie sind sportlich.“ Und außerdem ziemlich schlau: 84 Prozent hätten einen College-Abschluss, betont Mortaza. „Das sollen ihnen die Männer erst mal nachmachen.“ Tatsächlich haben die meisten NFL-Stars nur einen Highschool-Abschluss.

Obwohl die LFL bislang eine Amateurliga ist und die Spielerinnen kein Honorar bekommen, haben viele der Lingerie-Footballerinnen ihren Beruf zurückgestellt. Trotz Hochschulabschluss jobbt Saige Steinmetz derzeit als Nanny, viele ihrer Kolleginnen kellnern.

Promoter Mortaza findet es bigott, wenn politisch korrekte Medien und Funktionäre den Zusammenhang zwischen Sex und Sport leugnen. Gerne führt er Beachvolleyballerinnen als Beispiel an: „Deren Outfits sind noch knapper als unsere, und niemand beschwert sich.“ Oder Tennisstars wie Anna Kurnikowa und Maria Sharapova. „Kurnikowa hat nie einen Grand-Slam-Titel gewonnen, landet aber bis heute üppige Werbeverträge“, sagt Mortaza. „Warum wohl? Weil sie ihren Sex Appeal einsetzt.“ Das sei übrigens nicht nur im Frauensport so, stellt der Vermarkter fest.

Wenn Fußballprofis wie David Beckham und Cristiano Ronaldo sich in knappen Slips für das italienische Modelabel Emporio Armani rekeln oder NFL-Star Tom Brady für das Wellness-Wasser Smartwater seine schweißglänzenden Bizeps spielen lässt: „Dann soll doch niemand behaupten, dass das nicht den Einschaltquoten und den Ticketverkäufen dient.“

Das will Sportsoziologin Mary Jo Kane nicht bestreiten. Aber langfristig verkaufe sich auch im Frauensport am besten, was sich im Big Business des Männersport schon lange bewährt habe: „Kompetenz, Kampfgeist, Kraft, Zähigkeit, Fairness und Anmut unter Druck – eben all das, was großen und vor allem authentischen Sport ausmacht“.

Sport hin oder her; Saige Steinmetz will einfach nur Football spielen – „bis mein Körper sagt, es ist vorbei“. Dann will sie als Bewährungshelferin für Jugendliche arbeiten und später in den Strafvollzug gehen. Dass es dort öfter mal hart zur Sache geht, schreckt sie nicht ab: „Wozu spiele ich Football?“