Nasser Juli

Der deutsche Sommer schafft sich ab

Zuerst die extreme Dürre im Frühjahr – jetzt der nasseste und kälteste Juli seit zehn Jahren. Dahinter steckt mehr als nur schlechtes Wetter.

Ein weiteres kühl-nasses Sommerwochenende. "Herbstjacke statt Badehose", empfiehlt Meteorologe Christian Herold vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Und weitere Tiefdruckgebiete rücken an. Die Großwetterlage bleibt ähnlich wie jetzt: zu kühl und zu nass. "So richtig schöne heiße Tage sind nicht in Sicht", sagt Herold.

Die Wasserstandsmeldung war am 21. Juli schon bei 115 Prozent des monatlichen Niederschlags angekommen – und es wird noch mehr werden. Besonders betroffen ist Deutschlands Osten – "da sind wir teilweise schon bei 200 bis 250 Prozent".

Es ist das Jahr der Extreme. Der nasseste und kälteste Juli seit mindestens zehn Jahren – und seit 1983 hat es keinen so trockenen Frühling mehr gegeben wie diesen.

In den Monaten März, April und Mai wurde so viel Sonnenschein gemessen wie in noch keinem Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Im Juni dann ging eine viermonatige Dürre zu Ende. Ist das einfach nur das Wetter? Mal nass, mal trocken? Mal kalt, mal heiß? Oder gerät das Klima aus den Fugen?

In dieser Frage sind die Wissenschaftler sich nicht einig, die meisten antworten mit einem vorsichtigen "nicht auszuschließen". Aber eben auch nicht zu beweisen. Einzelne trockene oder heiße Jahre oder Jahreszeiten gebe es immer wieder, einzelne nasse und kalte ebenso.

Erst der Blick auf mehrere Jahrzehnte enthüllt die Klimarealität. Aber es sei ebenso möglich, dass die ungewöhnlich warmen und der übermäßig nasse Monat ein Indiz der Klimaveränderung sind.

Acht schwere Naturkatastrophen in Deutschland seit 1999

Extreme Wetterphänomene treten offenbar seit einigen Jahren vermehrt auf. So listet das Bundesministerium des Innern für die Jahre zwischen 1999 und 2008 acht schwere Naturkatastrophen in Deutschland auf.

Angefangen mit Orkan "Lothar", der am 26. Dezember 1999 allein in Deutschland zehn Menschen das Leben kostete, in Gesamteuropa gab es 110 Todesopfer. Drei Jahre später folgte das Elbe-Hochwasser, das in Deutschland einen Schaden von 13 Milliarden Euro verursachte.

An zwei Tagen im Oktober desselben Jahres starben in Europa 47 Menschen durch den Orkan "Jeanett", 2007 folgte "Kyrill" (47 Todesopfer, 13 in Deutschland), ein Jahr später Orkan "Emma" (14 Tote, sechs in Deutschland).

Die meisten Opfer forderte jedoch der extrem trockene, heiße Sommer 2003, der sogenannte Jahrhundertsommer. An den Folgen der Hitzewelle, vor allem in der ersten Augusthälfte, starben europaweit 23.000 Menschen, in Deutschland waren es 3500.

In den kommenden Jahren muss sich Deutschland auf deutlich mehr Wetterextreme einstellen, prognostizieren Klimaforscher – nicht nur auf Dürre, sondern auch auf Sintfluten.

"Im Winter, also den Monaten Dezember, Januar und Februar, erwarten wir bis zum Jahr 2100 in weiten Teilen Deutschlands mehr Starkniederschläge", sagt Paul Becker, Vizepräsident des DWD. Meteorologen seines Instituts haben zusammen mit Statistikern und Katastrophenschützern berechnet, welches Wetter Deutschland in den nächsten 100 Jahren bevorsteht.

Vor allem ab dem Jahr 2040 rechnen die Meteorologen mit mehr extremen Regengüssen in Deutschland. Das betrifft nicht alle Regionen gleichermaßen. An den Küsten könnte sich die Anzahl starker Niederschläge – verglichen mit dem Zeitraum 1960 bis 2000 – verdoppeln.

Während die Alpenbewohner Regen wie immer erleben werden, müssen sich die Bewohner zwischen Küste und Alpen auf Starkregen einstellen – "wir erwarten eine Zunahme von bis zu 50 Prozent", in Teilen des Nordostens dagegen werde es etwas weniger starke Niederschläge geben.

Unwetter-Schäden belaufen sich auf mehrere Hundert Millionen Euro

Einen Vorgeschmack auf die Wetterextreme, die Deutschland erwarten, lieferten die vergangenen beiden Jahre. Das Jahr 2010: Der Winter ist in vielen Regionen extrem kalt. Anfang Februar ist die Ostseeinsel Hiddensee durch Frost und Schnee abgeschnitten. Am 24. Mai zerstört eine Serie von Tornados 3000 Gebäude in Brandenburg und Sachsen. Ein Mensch stirbt, etwa 50 werden verletzt. Der Sachschaden beläuft sich auf mehr als 100 Millionen Euro.

Das Jahr 2011 bislang: Ein Sandsturm fegt am 8. April in der Nähe von Rostock über die Autobahn A19, richtet vor den Autofahrern eine undurchdringliche Wand auf. Die Sichtweite liegt plötzlich unter zehn Metern. Es kommt zur Massenkarambolage, 80 Autos verkeilen sich ineinander.

Acht Menschen sterben bei den Massenunfällen. Ursache des Sandsturms ist die extreme Trockenheit, die im Frühling herrschte. Zwei Monate später herrscht Hochwasseralarm in Ostdeutschland. Starker Regen überflutet Campingplätze in Mecklenburg-Vorpommern.

Der Dauerregen lässt die Spree in Brandenburg so stark anschwellen, dass das Wasser mit einem Stand von 3,41 Metern doppelt so hoch steht wie sonst um diese Jahreszeit. Auch an der Lausitzer Neiße wird eine Hochwasserwelle aus Sachsen erwartet, dort könnte am Wochenende die zweithöchste Alarmstufe ausgerufen werden.

Leidtragende sind vor allem die Bauern. Im Norden, so teilte das Statistikamt jetzt mit, werde mit knapp acht Prozent weniger Getreide gerechnet als im Vorjahr.

Die Bauern, so sagte der Präsident der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, Claus Heller, hofften auf gutes, stabiles Erntewetter, um eine mengenmäßig und qualitativ wenigstens noch "befriedigende Ernte" einbringen zu können. Besonders schlecht sind die Aussichten beim Raps – die Preise werden steigen.

Ernten sind womöglich nicht mehr zu retten

Mit 278.000 Tonnen wird die Erntemenge fast nur die Hälfte dessen betragen, was im Vorjahr von den Feldern kam. Wegen des feuchten Wetters hat die Rapsernte noch gar nicht begonnen. "Bei einer weiteren Verzögerung muss mit Verlusten und Qualitätseinbußen beim Ölgehalt gerechnet werden", sagte Heller.

Landesweit werde der Durchschnittsertrag pro Hektar nur 30 bis 35 Dezitonnen erreichen, in den vergangenen Jahren lag er bei rund 42 Dezitonnen je Hektar.

Beim Winterweizen schätzen Experten den Ausfall derzeit auf mindestens 20 Prozent, in einigen Gebieten sind es 30 Prozent und mehr.

Auch bei Raps dürften die Erntemengen um 20 bis 30 Prozent geringer ausfallen – die Preise werden steigen. Schlecht verliefen auch die Ernten von Gras und Klee aus. Anfang bis Mitte Mai brachten die Landwirte nach dem ersten und wichtigsten Schnitt auf den Wiesen weit weniger ein als in normalen Jahren. In den kommenden Monaten und im Winter dürfte deshalb Grünfutter, Heu und Silage knapp werden.

Vor allem die Bauern im Osten hat das Wetter hart getroffen, sie befürchten hohe Ertragseinbußen bei Gerste und Raps. "Das Jahr hat schon verrückt angefangen mit extremen Kahlfrösten", sagte Bauernverbandspräsident Rainer Tietböhl diese Woche. Dann kam der Frühling – für viele Landwirte noch schlimmer "als im extremen Jahr 1976", wie Bernd Weber vom Hessischen Bauernverband erklärt.

Und wann kommt der Sommer endlich zurück? Herold: "Bis Ende nächster Woche ist kein Sommer in Sicht. Ende kommender Woche wird es erst mal ein bisschen besser, aber auch das wird wahrscheinlich bloß vorübergehend sein.

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