Ausflugsschiff "Bulgaria"

110 Menschen ertrinken qualvoll im Wolga-Strom

Der Untergang der "Bulgaria" auf der Wolga ist das schlimmste Schiffsunglück in Russland seit mehr als 20 Jahren. Bei der Tragödie starben viele Kinder.

Der Tod im tiefen Wolga-Strom kam für die mehr als 110 Menschen auf dem alten Ausflugsschiff "Bulgaria"rasend schnell. Vor allem für viele Kinder gab es kein Entrinnen aus dem mehr als 55 Jahre alten Dampfer.

Sie ertranken qualvoll, während beim Untergang am Sonntag noch die Musik an Bord lief, berichteten Augenzeugen. Auf der völlig maroden "Bulgaria", die ohne Lizenz schipperte, gab es demnach nicht einmal SOS-Signale. In Russland herrschte Trauer und Wut nach der größten Schiffskatastrophe seit mehr als 20 Jahren.

Beinahe jedes Jahr im Sommer steht das größte Land der Erde vor großen Katastrophen – zuletzt waren das die schlimmsten Waldbrände in der russischen Geschichte mit vielen Toten. Und beinahe jedes Mal geht es darum, dass elementarste Sicherheitsvorkehrungen nicht eingehalten werden. "Wenn Vorschriften befolgt werden, darf so etwas einfach nicht passieren", sagte Kremlchef Dmitri Medwedew am Montag bestürzt im Staatsfernsehen.

Der Präsident ordnete an, dass nach der Katastrophe vom Sonntag nun alle Schiffe im Land überprüft werden müssten. Einmmal mehr mussten jedoch viele Russen mit ansehen, dass die zentral in Moskau gesteuerte Politik erst im Katastrophenfall Probleme anpacken will. Dabei hat auch Medwedew angekündigt, den Regionen wieder mehr Eigenverantwortung zu übertragen.

"Wolga-Tragödie" weckt die Wut vieler Bürger

Mitten in die Bergung der Leichen aus dem 20 Meter tiefen Fluss platzte die Nachricht von der Bruchlandung eines Antonow-Flugzeuges An-24. Dabei starben mindestens sechs der mehr als 30 Insassen. Hier mahnte Medwedew ebenfalls, dass Sicherheit vorgehe und solche alten Maschinen ausgemustert werden müssten.

Besonders der Kremlchef fordert immer wieder, den aus Sowjetzeiten erhaltenen sozialistischen Schlendrian abzulegen. Er verlangt Modernisieurng, Verantwortungsbewusstsein und Zivilcourage. Doch viele russische Bürger sehen sich angesichts der "Wolga-Tragödie"ihrer Wut über die Zustände im eigenen Land hilflos ausgeliefert, wie die Überlebenden der "Bulgaria"weinend deutlich machten.

Die "Bulgaria", 1955 in der damaligen Tschechoslowakai gebaut, fuhr nicht nur ohne Lizenz für den Personenverkehr. Sie hatte nach Angaben von Ermittlern einen kaputten Motor, lag schon beim Ablegen schief im Wasser und war mit mehr als 200 Menschen an Bord völlig überladen.

Zwei Frachter schipperten während des Untergangs vorbei

Der Kapitän, der vermisst ist, ignorierte Ermittlern zufolge nicht nur die Ankündigung eines schweren Unwetters. Er ließ auch nur lückenhafte Passagierlisten führen. Besonders tragisch: Als der Dampfer bei dem Unwetter etwa drei Kilometer vom Ufer entfernt sank, schipperten zwei Frachter vorbei, ohne den Ertrinkenden zu helfen. Etwa 80 Menschen fanden allerdings auf dem nachfolgenden Kreuzfahrtschiff "Arabella"Rettung.

In Russland entbrennt nach der schwersten Katastrophe seit den 80er Jahren nun eine Debatte um den Zustand der Schifffahrt. Nach offiziellen Angaben müssten in den kommenden fünf bis zehn Jahren etwa 90 Prozent der Binnenflotte – 9000 Schiffe – ausgemustert werden. Die Zahl der alten Schiffe auf russischen Gewässern, schimpfte Medwedew, sei unverantwortlich und "astronomisch hoch".