Winterzeit

Warum wir die Uhren umstellen müssen

| Lesedauer: 12 Minuten

Foto: dvb/top / DDP

In der Nacht zum Sonntag endet in Deutschland die Sommerzeit. Zeitgleich mit allen anderen EU-Staaten und den meisten anderen europäischen Nachbarn wurden die Uhren um drei Uhr morgens um eine Stunde zurückgestellt. Geschaffen wurden die Grundlagen für diese "Weltzeit"-Ordnung vor genau 125 Jahren.

In der Dämmerung leuchtet er als grellblaues Neonlicht, aus dem Inneren der Erde heraus. Ein Strich, schnurgerade. Wie die Linie einer Glut, der planetare Kraft innewohnt. Wären wir im Kino, würden wir uns nicht wundern, wenn er im nächsten Moment sich weiten würde, immer weiter, und schließlich die Erde in zwei Teile spalten.

Ein bisschen Realität steckt hinter dieser Vision. Der Nullmeridian, mitten durch das königliche Observatorium von Greenwich bei London verlaufend in Szene gesetzt, trennt die ganze Welt in zwei Teile: In Ost und West, seit nunmehr genau 125 Jahren, auf einer Strecke von insgesamt rund 20.000 Kilometern, von Pol zu Pol. So wie der Äquator den Globus in Nord und Süd teilt.

Die Neonlinie ist das Einzige, was modern anmutet in den altehrwürdigen Gemäuern oben auf dem Hügel, im Park über der Themse. Alles zusammen führt die Unesco in ihrer Liste des Weltkulturerbes. Auch den dunkelroten Ball oben auf dem Dach des Klinkergebäudes, der jeden Mittag an einer Stange ein paar Meter hinabfällt, pünktlich um 13 Uhr.

Der Ball fällt dort seit 1833 und gab den Kapitänen der auslaufenden Schiffe unten an der Themse die letzte Chance, ihre Uhren nach der heimatlichen Zeit zu stellen. Seit ebenfalls genau 125 Jahren gibt dieser Ball auch dem Globus den Zeittakt vor: Die Ende Oktober 1884 eingeführte Weltzeit, "Greenwich Mean Time", wie sie früher hieß und in neuer Sprache "Universal Time" (UTC), hat Ordnung geschaffen auf den Zifferblättern der Welt.

So akkurat, dass das, was heute Nacht wieder passiert ist, eine leichte Übung ist: In vielen Ländern wird gleichzeitig von , die Uhr um eine Stunde zurückgedreht. Wir alle, so kann man es auch ausdrücken, rücken gemeinsam zeitlich von Ost nach West vor, um eine Zeitzone, um eine Stunde. Im Frühjahr geht es wieder anders herum: Die Uhr eine Stunde vorstellen – oder eben von West nach Ost zurückwandern.

Man darf hoffen, dass die gestrenge Welterbe-Kommission der Unesco in Greenwich nicht allzu genau hinsieht, sonst könnte das Zertifikat wieder aberkannt werden wie in Dresden bei der Waldschlösschenbrücke. Ist doch dem Observatorium das berühmteste Element verloren gegangen. Nach neuesten Berechnungen der Geodäten, der Erdvermesser, verläuft der Nullmeridian gar nicht mehr auf dem Lichtstrang, ja nicht mal mehr durch das Observatorium. Der Spalt zwischen Ost und West ist gut 100 Meter weiter nach Osten gewandert, schon halb den Hügel hinunter.

Die Erde ist alles andere als perfekt rund

Der Grund: Die heute so minutiöse Satellitennavigation, auch die Atomuhren, welche die Erdrotation milliardstelsekundengenau stoppen – all dies macht auf der Erde, die ja alles andere als ein perfekter, geometrischer Ball ist und zum Beispiel auch Ozeane mit bis zu 200 Metern Unterschied in der Meereshöhe trägt, solche Anpassungen nötig. Auch der Nullmeridian durfte da nicht unantastbar sein. Er musste wandern. Man sieht ihn nicht mehr. Irgendwo dort unten, im sattgrünen, edlen Rasen, unter den prächtigen Walnussbäumen verläuft er jetzt – genau genommen. Aber so genau nehmen wollen wir es ja nicht. Lassen wir ihn einfach oben, wie gehabt auf der Neonlinie. Es redet ja auch keiner darüber.

Schließlich markiert nicht nur der Lichtstreifen den Nullmeridian dort oben. Auch ein altes, gusseisernes Rohr im Haus dahinter, einer Schiffskanone gleich, durch das man hindurchschauen kann und dann bis zum Horizont alle Luft sieht, die gerade über dem nullten Längengrad steht. Das Rohr, der Blick ins Nichts, sie waren lange Jahre oberste Instanz der Erdvermessung, seit 125 Jahren.

Wie viele Menschen mögen da in den vergangenen eineinviertel Jahrhunderten wohl die Versuchung verspürt haben, die Welt aus den Angeln zu heben, das Gitternetz, das sie umspannt, einfach mal zu versetzen? Hier, und nur hier wäre es gegangen. Ein 21er-Maulschlüssel dürfte passen auf die sechs schwarz gelackten Schrauben, die das Rohr festhalten.

Das Tau, welches das Ganze zusätzlich sichert, wäre problemlos gelockert. Anschließend hätten wohl vier durchtrainierte Männer ausgereicht für das Versetzen der "Kanone" im unbewachten Augenblick, und die Welt hätte, rein geometrisch, eine Unwucht bekommen. Wann es wohl bemerkt worden wäre? Vielleicht nie, so wie es ja, bislang jedenfalls, offenbar ohne Konsequenzen blieb, dass der Nullmeridian um gut 100 Meter weitergewandert ist. Aber das wollten wir ja ignorieren. Es ist schließlich schwer genug gewesen, die Linie dort oben zu installieren und für alle Welt verbindlich zu erklären.

So wichtig waren die Längengrade

Den ganzen Oktober 1884 tagten in Washington 41 Delegierte aus 25 Staaten, um Ordnung zu schaffen im weltweiten Chaos der Uhrzeiten. Um dies zu erreichen, war es allerdings erst mal nötig, den gesamten Globus mit allseits anerkannten Linien zu überziehen. So trug die Tagung denn auch den Namen "Internationale Meridian-Konferenz". Es galt, Raum und Zeit zu koordinieren.

Es ging um die Längengrade, eben weil der große Taktgeber, die Sonne, auf ewig über sie hinwegwandert und uns damit die Tageszeit vorgibt, die damit allerdings noch nicht in Uhrzeiten gefasst ist. Während die Seefahrer seit dem 15. Jahrhundert die Breitengrade zur Navigation nutzten – sie mussten zu ihrer Ermittlung schließlich nur den täglichen Sonnenhöchststand messen –, so war die genaue Bestimmung der Längengrade bis ins 18. Jahrhundert ein fast unlösbares Problem.

Denn wie uns bei der Findung der Uhrzeit die Längengrade behilflich sind, setzte die Ermittlung dieser bei den Seefahrern eine hochgenaue Uhr voraus, um anhand des Sonnenstandes und der Uhrzeit die Ost-West-Distanz von der Heimat feststellen zu können. Der Sonnenhöchststand zu Mittag allein half da nicht weiter. Die notwendige Exaktheit schaffte erst der englische Uhrmacher John Harrison im Jahre 1763 mit seinem Chronometer "H4". Natürlich ist diese Uhr auch im Observatorium von Greenwich zu sehen, wie die drei Vorläufermodelle. In ihrem Buch "Längengrad" hat Dava Sobel all diese Bewandtnisse in wunderbarer Weise niedergeschrieben.

Die Voraussetzungen waren also 120 Jahre lang vorhanden, doch bis 1884 fehlte der Welt jegliche Koordination ihrer Uhrzeiten. Ja auch innerhalb der Länder hatte fast jeder Ort seine eigene Zeit. Deshalb auch der Begriff "Ortszeit", oder "Local Time", niemand sagt "Landeszeit". Je nach Sonnenstand war in erster Linie die gefühlte Zeit ausschlaggebend bei dem, der den Zeiger in die Position brachte.

Und das konnten selbst in einem einzigen Städtchen verschiedene Instanzen sein. Hier der Bürgermeister, der mit der Rathausuhr seine Mitbürger täglich schon fünf Minuten früher aufstehen lassen wollte; da der Pfarrer, der auf der Kirchturmuhr seinen Schäfchen die fünf Minuten morgens lieber schenkte, damit mehr in die Frühmesse kamen. Doch alle beide, weltliche wie kirchliche Macht rund um den großen Marktplatz, verloren ihre Herrschaft über die Zeit, als dann etwas weiter draußen ein anderes Bauwerk hochgezogen wurde: der Bahnhof. Natürlich auch mit einer Uhr, einer riesigen, mitten auf der Fassade.

Die Eisenbahn verlangte Pünktlichkeit

Die Koordination, die Pünktlichkeit des Eisenbahnverkehrs, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über Europa ausbreitete, war nur noch zu gewährleisten mit einer wenn schon nicht einheitlichen, so doch aufeinander abgestimmten Zeit. Das erforderte auch im Deutschen Reich nach und nach Kompromisse. Immerhin ging damals die Sonne am östlichsten Punkt des Landes eine Stunde früher auf als am westlichsten. Die Bahnzeit bekam in den 70er- und 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts nach und nach die größte Akzeptanz. Was aber die Bahn im Kleinen, war der immer schnellere Dampferverkehr über die Ozeane, waren die Transatlantikkabel für den Geschäftsverkehr im Großen. Die Räume rückten näher zusammen, die Zeit musste folgen.

Mehrere Optionen hatte die Internationale Meridian-Konferenz 1984 in Washington. Der nun gesuchte Nullmeridian könnte große Bedeutung erlangen, wollten doch viele Delegierte auf Basis dieses Meridians eine Welteinheitszeit. Steht die Sonne über diesem Nullmeridian am höchsten, so sollte es nach dieser Lesart überall 12 Uhr mittags sein, in Hamburg, Haiti, Honolulu und Hongkong. Aber wo sollte er verlaufen?

Von Anfang an hatte Greenwich als bestimmender Schnittpunkt gute Karten, vor allem, weil damals bereits drei Viertel der Ozeanschifffahrt mit Karten navigierte, in denen der Längengrad Null durch Greenwich verlief. Doch es gab auch andere Kandidaten. Paris etwa, weil auch dort ein berühmtes Observatorium stand, was als eine Voraussetzung angesehen wurde.

Ab und zu wollte man an den Sternen kontrollieren, ob der Nullmeridian noch korrekt sitzt. Doch die Pariser Sternwarte hatte einen Nachteil. Sie lag, anders als Greenwich, mitten in der Hauptstadt, was den Astronomen Lichtverschmutzung bescherte, in ein paar Jahren würde man umziehen müssen. Den neuen Welt-Koordinaten wollte man aber nicht zumuten, schon bald mit umziehen zu müssen.

Chancen hatte auch der in früheren Jahrhunderten gebräuchliche "Ferro-Meridian", der unmittelbar vor der Westküste der westlichsten Kanareninsel Hierro verlief – früher der westlichste Punkt der bekannten Welt. Hier läge der Vorteil darin, dass weder Europa noch Afrika in Ost und West geteilt wären. Ursprünglich auch im Rennen, aber dann nicht mal mehr im Gespräch war Berlin mit seiner durchaus anerkannten, aber auch im Stadtinnern gelegenen Sternwarte sowie Jerusalem, das in älteren Karten oft als Mittelpunkt der Welt dargestellt war.

Die neue "Weltzeit"

Viel hätte nicht gefehlt, und der Nullmeridian wäre genau auf die andere Seite von Greenwich verlegt worden, von Nord nach Süd durch den Pazifik, dorthin, wo heute der 180. Längengrad Ost und der 180. Längengrad West zusammenliegen, auf der Datumsgrenze, die gestern von heute scheidet. Vertreter dieser Lösung favorisierten auch ein System mit 360 Längengraden – anders als die heutigen zwei Hemisphären, einer östlichen und einer westlichen, mit jeweils 180 Meridianen.

Als die Delegierten am 1. November zur Abschlusssitzung zusammentraten, hatten sie sich auf das System geeinigt, das im Großen und Ganzen bis heute seine Gültigkeit behielt. Der Nullmeridian wurde durch Greenwich verlegt; "Greenwich Meantime" wurde "Weltzeit", allerdings mit weltweit 24 Zeitzonen für den örtlichen Bedarf, damit Mittag die Tagesmitte bleibt. Theoretisch sollten die Zonen jeweils 15 Längengrade auseinanderliegen, wobei Ländergrenzen zu vielerlei Abweichungen führten.

Nur zwei Neuerungen kamen seit 1884 hinzu: Die Einführung der Sommerzeit in vielen Ländern. Und die heimliche, leise Abwanderung des Nullmeridians. Aber darüber wollten wir ja nicht reden.

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