Ostseeküste

Die natürliche Schwindsucht der Rügener Kreidefelsen

Wieder ist ein Stück von Rügens Kreideküste abgebrochen. Experten befürchten einen größeren Erdrutsch. Schritte zur Rettung der Felsen sind weder möglich noch gewollt.

Eigentlich hätte er längst aufgetaucht sein müssen aus Rügens zerbröselnder Kreide: Störtebekers Schatz. Irgendwo in der allzu flüchtigen hohen Kante von Deutschlands größter Insel soll der berühmte Pirat ihn vergraben haben. Doch auch der jüngste Hangrutsch am "Kieler Ufer“ zwischen Sassnitz und dem Königsstuhl hat außer Steinbrocken nichts zu Tage gefördert.

Etwa tausend Kubikmeter Kreide sind am Wochenende wieder einmal hinabgerutscht, mehr als 20 Meter in die Ostsee hinein.

Die Geologen Mecklenburg-Vorpommerns und auch die Mitarbeiter im Nationalpark Jasmund sind hellhörig geworden, wollen weitere, auch größere Abbrüche in den nächsten Tagen nicht ausschließen, weil der starke Regen die Kreide in unstabilen Matsch umgewandelt hat, der entweder durch sein immenses Gewicht in die Tiefe rauscht – oder irgendwann einfach wieder trocknet.

„Kreide kann bis zur Hälfte seines Volumens an Wasser aufnehmen“, sagt Karsten Schütze vom Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie.

Ein leicht erhöhtes Risiko trägt also wieder derjenige, der als Rügenurlauber es nicht missen will, sich der größten Attraktion der Insel anzunähern, der Kreideküste.

Dabei bewegt sie, seit der Ära der Romantik, auf ganz besondere Weise das Gemüt der Spaziergänger: Sei es von erhabener Warte, bis über 100 Meter hoch, auf das Meer zu schauen, das einst Europas Zentrum ausmachte, und am Horizont die dänische Insel Bornholm zu ahnen; sei es von unten, vom Kiesstrand aus, die gewagte Statik des Steilhangs zu bestaunen, sich zu wundern, wie sich ganz oben, an der Kante, ausgewachsene Buchen halten, deren Wurzeln Meter weit durch die Luft in Richtung Finnland zeigen.

Unten liegende Bäume und Büsche zeigen indes, dass an diesem Ufer nichts auf ewig hält.

Im Jahre 2005 wurde eine Spaziergängerin am Strand von herabstürzendem Geröll getötet. Es war das Jahr, in dem insgesamt über 100.000 Kubikmeter Kreide abgingen. Eine Größenordnung freilich, die auch aus früheren Jahrzehnten bekannt war, aus dem Jahr 1981 etwa, oder 1953, als sogar knapp die doppelte Menge verloren ging.

Fast in jedem Jahr stürzen Brocken hinab, mehr oder weniger große Mengen. Die Behörden warnen, aber sperren den Strand nur selten, das begrenzte Risiko muss jeder selbst tragen.

Schon gar nicht hegen sie Pläne, Abbrüche zu verhindern. "Das ist nicht beabsichtigt, und das wäre auch unmöglich“, sagt Katrin Bärwald vom Nationalparkamt Vorpommern. Es sei der Lauf der Natur. "Und nur dadurch, dass immer wieder Kreide hinunter kommt, leuchten die Felsen doch so schön weiß ins Meer hinaus“, freut sie sich.

Am trefflichsten sei es, wenn Wind und Wetter nur eine kleine Schicht von der Wand abtragen, ohne große Verluste wird sie so weiß gewaschen. Jeder Streit über Abhilfe wäre unnötig, alle Technik der Welt könnte nicht verhindern, dass die Wellen von unten und der Regen von oben immer wieder für Abbrüche sorgen.

Allenfalls im Bereich gefährdeter Ortschaften wie Sassnitz oder Lohme versucht man, durch Dränagen die Überfeuchtung der Kreide zu lindern. Eine Maßnahme hat man bereits 1906 ergriffen. Laut polizeilicher Anordnung ist es seither verboten, Findlinge am Strand zu entfernen. Sie sollen als natürliche Wellenbrecher an Ort und Stelle bleiben.

Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa einem Meter alle drei Jahre ziehe sich die Küste zurück, sagt der Geologe Karsten Schütze. Eines ist ihm dabei wichtig: „Es gibt keinen Trend hin zu einem schnelleren Abbruch gegenüber früheren Jahrzehnten.“

Über größere Zeiträume gerechnet könnte sich der Prozess unter Umständen sogar verlangsamt haben, die Eiszeit hat die Kreide stärker zusammengepresst.

Allerdings: "Die Gletscher haben die Küste steil gestellt und verschuppt“, sagt Schütze, wodurch sie angreifbarer geworden sei. Zwischen sechs und zehn Kilometer ins Land hinein besteht das Jasmunder Gebiet aus einem Hochland aus Kreide, dahinter, im Binnensee des Jasmunder Bodden, wurde sie von den tektonischen Kräften in tiefere Schichten gedrückt.

Bei der derzeitigen Geschwindigkeit der Abbrüche dürfte die Kreide also so schnell nicht verschwinden.

Viele bedauern heute vor allem, dass die Wissower Klinken, ganz besondere Kliffs an der Kreideküste, bei einem größeren Abbruch im Jahre 2005 verschwunden sind, weil sie doch als Motiv des berühmten Gemäldes von Caspar David Friedrich "Kreidefelsen auf Rügen“ gelten.

Dem liegt allerdings ein weit verbreiteter Irrtum zugrunde. Jene berühmten Zinnen gab es zu Friedrichs Zeiten noch gar nicht, sie entstanden erst in späteren Jahren bei einem Abbruch, der Romantiker brachte eine Phantasielandschaft auf die Leinwand.

Die Elemente zerstören die natürlichen Kunstwerke an Rügens Küste, aber sie schaffen eben auch immer wieder neue, allzu viel Wehmut ist unnötig.

Auf eines sollte der Rügenurlauber verzichten: Störtebekers Schatz in der Kreide zu suchen. Es wäre in diesen bewegten Tagen denn doch zu gefährlich.