Phantoms von Platz 18C

Spur in einzig ungelöster US-Flugzeugentführung

Vor 40 Jahren entführte ein Unbekannter ein US-Flugzeug, floh samt 200.000 Dollar Lösegeld per Fallschirm und blieb verschollen – als einziger erfolgreicher Hijacker in der US-Geschichte. Jetzt hat das FBI endlich eine heiße Spur.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Von Portland nach Seattle im Nordwesten der USA sind es knapp 300 Kilometer. Eine gute Autostrecke. Ein Mann, der sich Dan Cooper nannte, bezahlte im Jahr 1971 aber 20 Dollar für ein einfaches Flugticket der Northwest Orient Airlines. Er könnte zwischen 30 und 40 Jahre alt gewesen sein, trug einen schwarzen Anzug, weißes Hemd, eine schmale, schwarze Krawatte. Dazu Regenmantel und Sonnenbrille. Er rauchte Raleigh-Zigaretten, trank Whisky. Viel mehr weiß man nicht über ihn.

Am Abend vor Thanksgiving, am 24. November 1971, bestieg Cooper mit einer Aktentasche die Boeing 727 und kidnappte sie. Der ungelöste Fall beschäftigt seitdem immer wieder die Öffentlichkeit. Um D. B. Cooper – genannt nach einem Verdächtigen, den die Polizei befragte, aber für unschuldig erklärte – hat sich ein kleiner Kult entwickelt.

Es gibt bis jetzt 17 Bücher über den Entführer, dazu Filme und Lieder. Der Name und seine Geschichte taucht in den Fernsehserien „3 Engel für Charlie“ auf, in „Twin Peaks“, in „Prison Break“ und „Breaking Bad“. Das FBI nennt den Fall selbst „eines der großen ungelösten Rätsel“.

Kurz vor dem 40. Jahrestag des Vorfalls hegt die amerikanische Bundespolizei Hoffnungen auf eine Lösung. „Wir haben einen vielversprechenden Hinweis“, erklärt das FBI jetzt. Ein neuer Verdächtiger ist aufgetaucht, nachdem tausende Spuren sich als falsch erwiesen hatten.

Offenbar ist ein Gegenstand mit Fingerabdrücken gefunden worden, die jetzt untersucht werden und zu Cooper passen könnten. Es seien „die glaubwürdigsten Informationen, die wir in dieser Sache jemals hatten“, sagt eine FBI-Sprecherin. Von einer Lösung sei man aber noch entfernt.

Der einzige erfolgreiche Hijacker in der US-Geschichte

Es ist die einzige ungelöste Flugzeugentführung Amerikas. Cooper saß auf Platz 18c. Nach dem Start übergab er einer Stewardess einen Zettel. Darauf stand: „Ich habe eine Bombe in meiner Aktentasche. Falls nötig, werde ich von ihr Gebrauch machen. Ich möchte, dass Sie sich neben mich setzen. Das ist eine Entführung“.

Die Stewardess bekam die Tasche zu sehen, darin ein Gewirr aus Drähten und roten Stangen. D. B. Cooper verlangte 200.000 Dollar und vier Fallschirme für sich und die dreiköpfige Besatzung. Er bestellte einen zweiten Bourbon mit Wasser, bestand darauf, den Drink zu zahlen, und gab der Stewardess ein Trinkgeld.

Nach der Landung um kurz vor 18 Uhr in Seattle wurden Geld und Fallschirme geliefert, woraufhin die 36 Passagiere gehen konnten. Kurz vor 20 Uhr startete die Maschine erneut, flog in relativ niedriger Höhe von gut 3000 Metern mit gedrosselter Geschwindigkeit Richtung Mexiko.

Eine halbe Stunde später öffnete der Mann die Hecktreppe. Später, nach weiteren Entführungsversuchen, wurde bei diesen Flugzeugen ein Sicherungskeil eingebaut, die „Cooper Vane“. Im Cockpit meldete eine Lampe die geöffnete Klappe. Der Pilot fragte über den internen Sprechfunk beim Entführer nach. „Ist da hinten alles okay?“ D. B. Cooper antwortete „Nein“ und sprang mit dem Fallschirm ab, irgendwo über der Gebirgskette der Kaskaden.

Weil es regnete und stürmte, sahen die Piloten der zwei F-106-Kampfflugzeuge, die die Boeing begleiteten, keinen Absprung. Erst bei der Landung in Reno mit immer noch ausgefahrener Hecktreppe war klar, dass der Mann tatsächlich weg war.

Zurück geblieben waren die Krawatte, eine Perlmutt-Krawattennadel, acht Zigarettenkippen. Die Stewardess erzählte: „Er war nicht nervös. Er schien eher nett zu sein. Er war nie grausam oder gemein. Er war die ganze Zeit rücksichtsvoll und ruhig.“

Jahrzehntelange Suche und diverse Theorien

Damit begann die Suche. Es war enorm schlechtes Wetter im November 1971, für ein paar Tage konnte die Polizei nicht die Waldgebiete durchsuchen. Das FBI glaubte lange, Cooper sei vielleicht beim Absprung schon gestorben. Eisige Temperaturen erleichtern eine Landung in Regenmantel und Slippern plus knapp zehn Kilogramm Geld am Bauch nicht gerade.

Man nahm an, dass der Entführer die Gegend kannte. Möglicherweise sei er auch nahe der kleinen Stadt Ariel gelandet. Dort findet seit 1973 jährlich ein „D. B. Cooper Day“ statt. Die Polizei jedenfalls fand weder Cooper noch den Fallschirm oder das Geld.

Aber Kinder fanden etwas. Im Februar 1980 picknickte eine Familie am Ufer des Columbia River, einen Kilometer von Vancouver im Staat Washington und etwa 30 Kilometer von Ariel entfernt. Der achtjährige Brian grub drei Bündel mit 20-Dollar-Noten aus, deren Seriennummern passten.

Sofort kamen neue Theorien auf, mehrere Verdächtige wurden bis in die letzten Jahre eingehend befragt. Vergebens. Einige Männer gestanden sogar, Cooper zu sein, hatten aber Unsinn geredet. Die Seriennummern der Scheine von 1969 sind bis heute im Internet zu überprüfen .

2007 belebte das FBI den Fall mit dem Codenamen Norjak schon einmal neu. Von der zurückgebliebenen Krawatte waren Teile eines DNA-Profils erstellt worden. Auch das Flugticket und neue Phantomzeichnungen wurden veröffentlicht . Der Leiter der Untersuchung stöhnte damals: „Vielleicht erinnert sich einfach jemand an diesen merkwürdigen Onkel“.

Ob der Fall nun mit neuen Erkenntnissen aufgeklärt wird, ist offen. Gut möglich, dass auch die jetzige „Jubiläums“-Spur im Sand verläuft. Oder der Entführer schon tot ist. Auf jeden Fall wird der Thanksgiving-Tag im November wieder einmal im Zeichen D. B. Coopers stehen.

Vielleicht aber ging der Fallschirmabsprung ins Dunkle doch ganz anders weiter als gedacht. Der bekannte Comic-Strip „The Far Side“ von Gary Larson zeigte 1988 „Das unerzählte Ende von D. B. Cooper“. Der Mann landet mit seinem Fallschirm recht unbarmherzig inmitten einer Rottweiler-Farm.

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