Angebliches DSK-Opfer

"Sie werden den Job nicht verlieren, Sie sind schön"

Zimmermädchen Nafissatou Diallo packt über ihre angebliche Vergewaltigung durch Dominique Strauss-Kahn aus. Doch ihre Glaubwürdigkeit ist schwer angekratzt.

Sie ließ ihr Bankkonto von einem Landsmann für dubiose Geschäfte nutzen, sie log gegenüber den Behörden über die Höhe ihres Einkommens und sie sagte Unwahrheiten im Asylverfahren. Aber Nafissatou Diallo, das Zimmermädchen aus dem New Yorker "Sofitel", bekräftigt ihren Vorwurf, dass Dominique Strauss-Kahn sie am 14. Mai vergewaltigt habe.

Im Magazin "Newsweek" und im TV-Sender ABC verbreitet die Westafrikanerin erstmals öffentlich ihre Version der Begegnung im Zimmer 2806 des Luxushotels in der 44. Straße in Manhattan. Sie führte zum Rücktritt des damaligen Chefs des Internationalen Währungsfonds (IWF) und stoppte die Karriere des designierten Präsidentschaftskandidaten der französischen Sozialisten für 2012 jäh.

Doch ob es auch zu einem Gerichtsverfahren gegen "DSK" kommen wird, hat die Staatsanwaltschaft noch nicht entschieden. Zwar gilt als unstrittig, dass es an jenem Samstag wenige Minuten nach 12 Uhr mittags in der Hotelsuite zu einem sexuellen Kontakt zwischen dem 62-jährigen Franzosen und der 32-jährigen Frau aus Guinea kam. Aber die Anwälte von "DSK" verbreiten, diese knapp 15 Minuten lange Begegnung sei "einvernehmlich" erfolgt. Sie sprechen Diallo jede Glaubwürdigkeit ab.

"Ich möchte, dass er ins Gefängnis kommt ", sagt hingegen die Mutter eines 15-jährigen Mädchens, die sich nach dem weltweite Schlagzeilen diktierenden Vorfall bei einem Verwandten versteckte.

Plötzlich tauchte der nackte DSK auf

"Hallo? Zimmerservice", habe Diallo damals vom Flur aus in die Suite hineingerufen, mindestens dreimal. Ein Kollege hatte ihr zuvor gesagt, das Zimmer sei frei. Die Angestellte, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren im "Sofitel" arbeitete, betrat den Raum. Plötzlich sei ein nackter Mann aufgetaucht. "Oh, mein Gott", habe das Zimmermädchen gesagt und sich zur Tür gedreht, um den Raum zu verlassen. "Das tut mir sehr leid."

Der Mann habe geantwortet: "Das muss Ihnen nicht leid tun." Er habe der Frau, die ein Stück größer ist als er selbst, an die Brüste gegriffen und die Tür zum Flur zugeschlagen. "Stoppen Sie, Sir, stoppen Sie", habe sie gebeten. "Ich will meine Arbeit nicht verlieren." Er antwortete: "Sie werden Ihren Job nicht verlieren." Und: "Sie sind schön."

Der Mann habe sie zum Bett gezogen und versucht, seinen Penis in ihren Mund zu stecken. Sie habe sich gewehrt und ihn zurückgestoßen. Aber sie stieß Strauss-Kahn, so ihre Darstellung, nicht zu stark, weil sie ihn nicht verletzen wollte. "Ich wollte meine Arbeit nicht verlieren."

Die Rangelei setzte sich fort. Strauss-Kahn riss ihr den Rock ihrer Hoteluniform herunter, Knöpfe sprangen dabei ab, und schließlich die Strumpfhose. In der Nähe des Badezimmers habe er sie trotz ihres Widerstands zum Oralsex gezwungen. Endlich habe sie die Suite verlassen können.

Diallo: Strauss-Kahn hatte Zahnpasta-Spuren am Mund

Sie sei völlig durcheinander gewesen, habe ausgespuckt und sich übergeben wollen. Sie ging ins Zimmer nebenan, das sie vorher gesäubert hatte. Als sie, keine zehn Minuten später auf dem Flur stand, sah sie den Gast aus 2806 die Suite verlassen. Sie sei erstaunt gewesen, wie schnell er sich angezogen und die Koffer gepackt habe. Der Mann habe ihr einen Blick zugeworfen, aber nichts gesagt. Die Angestellten an der Rezeption gaben später an, Strauss-Kahn habe beim Auschecken Zahnpasta-Spuren um den Mund gehabt.

Die verstörte Diallo geht zurück in die Suite, in der die Vergewaltigung stattgefunden haben soll. Sie überlegt, die Zimmerreinigung fortzusetzen. Eine Vorgesetzte findet die aufgelöste Frau kurz darauf auf dem Flur. Diallo erzählte ihr den Vorfall. Die Frauen gingen zum Sicherheitsdienst des Hotels. "Wenn ich Sie wäre, würde ich die Polizei anrufen", rief der Sicherheitsmann. Gegen zwei Uhr treffen Polizisten am "Sofitel" ein.

Strauss-Kahn wird am Nachmittag auf dem John F. Kennedy Airport verhaftet. Er hatte sich nach Verlassen des Hotels mit seiner in New York lebenden Tochter zum Essen getroffen. Vom Flughafen aus rief er im Hotel an, weil er glaubte, ein Handy dort vergessen zu haben. Ein Angestellter sagte dem Franzosen in Absprache mit der Polizei, das Telefon sei gefunden worden, und ein Bote bringe es zum Flughafen. Dort wurde Strauss-Kahn um 16.40 Uhr festgenommen.

"Ich dachte: Oh, sie werden mich töten"

Wie glaubwürdig ist Nafissatou Diallo? Ihre Anwälte prozessieren gegen ein Boulevardblatt, das behauptet, die junge Frau habe als Gelegenheitsprostituierte gearbeitet. Die "New York Times" berichtete von einem Telefonat, das Diallo am 15. Mai, dem Tag danach, mit einem zwielichtigen Freund in ihrer Muttersprache Fulani geführt habe. "Mach dir keine Sorge, dieser Kerl hat viel Geld. Ich weiß, was ich tue."

Diallo bestreitet das. Sie habe überhaupt erst am Morgen nach der Begegnung aus den Fernsehnachrichten erfahren, dass es sich bei dem Hotelgast "um den nächsten Präsidenten von Frankreich handelte, und ich dachte: Oh, sie werden mich töten."

Unstimmigkeiten in Diallos Asylantrag und die falsche Angabe von Freibeträgen für zwei statt nur einem Kind in ihrer Steuererklärung sind hingegen aktenkundig. Einer ihrer Freunde ist kriminell, und er durfte ihr Bankkonto nutzen. Kann die Staatsanwaltschaft auf eine solche Frau als einzige Belastungszeugin bauen? Nach Darstellung von Strauss-Kahns Anwälten ist sie nur auf das Geld ihres Mandanten aus.

Vielleicht wird es zu gar keiner Anklage kommen. Diallo aber versichert: "Ich sage die Wahrheit. Gott sieht das."