Folterknast-Museum in Ankara

Wenn Besucher die Nacht in Isolationshaft verbringen

Bis 2006 wurden im berüchtigten türkischen Gefängnis "Ulucanlar" Oppositionelle gefoltert. Jetzt ist es wiedereröffnet – als Museum mit Schockeffekten.

Foto: dpa / dpa/DPA

Check-in im „Hilton“: Der Putz schält sich von der Wand, raue Wolldecken modern auf den zwei eisernen Stockbetten, die Luft ist feucht. So stellt sich wohl kein Gast seinen Aufenthalt im Luxushotel vor. Doch beim „Hilton“ handelt es sich nicht um eine Edelunterkunft.

Der Schriftsteller Ahmet Kardam „besucht“ den trostlosen Raum nicht zum ersten Mal. Kardam saß zweimal im Foltergefängnis „Ulucanlar“ in Ankara ein, davon monatelang in dem kleineren Sektor, den die Gefangenen aufgrund seines Komforts „Hilton“ nannten.

Jüngst öffnete die Türkei das Gefängnis als Erstes dieser Art für die Öffentlichkeit und wagt damit den Blick zurück in seine weitgehend unaufgearbeitete Vergangenheit der Militärdiktaturen.

Kardam hat „gemischte Gefühle“, als er das erste Mal seit 21 Jahren wieder durch die schmalen, dunklen Gänge des Gefängnisses geht. Viele seiner Bekannten – Oppositionelle, Künstler, Intellektuelle – saßen mit ihm ein, nicht alle überlebten den Aufenthalt. Seinen Freund Deniz Gezmis, Kommunist und Mitbegründer der Volksbefreiungsarmee der Türkei, verurteilte die Militärjunta 1971 zum Tod.

Der Galgen, an dem Gezmis und andere Inhaftierte ihr Leben ließen, steht heute im Gefängnishof. Die Schriftsteller Yasar Kemal, Nâz?m Hikmet, der ehemalige Ministerpräsident Bülent Ecevit und der Regisseur Yilmaz Güney, der 1982 für seinen Film „Yol – Der Weg“ die Goldene Palme in Cannes erhielt, zählen zu den berühmtesten Inhaftierten.

Die Ursprünge des Gefängnisses reichen bis nach Berlin, genauer: bis nach Berlin-Charlottenburg. Von dort kam der Architekt Carl Christopher Lörcher, der 1925 für Republikgründer Atatürk den Entwurf der Haftanstalt anfertigte. Vor allem die Militärregierungen, die sich 1960, 1971 und 1980 an die Macht putschten, nutzten die Einrichtung, um ihre Widersacher festzusetzen.

Noch heute sieht sich das Militär als Wächter der Demokratie

Dreimal griffen die Streitkräfte brutal in die Politik ein, um ihre Forderungen durchzusetzen. Sie erließen neue Verfassungen, setzten neue Regierungen ein. Noch heute sieht sich das Militär als Wächter der Demokratie, sein Einfluss ist intransparent, aber fast unumstritten. In Ankara symbolisiert das Stadtbild die Nähe von Politik und Militär: Das Generalstabsgebäude befindet sich direkt neben den entscheidenden Ministerien.

Bis 2006 wurden in „Ulucanlar“ Oppositionelle unter Androhung oder Einsatz von Folter verhört. Ursprünglich sollte ein Supermarkt an dem geschichtsträchtigen Ort erbaut werden. Schließlich wurde das Gefängnis unter Denkmalschutz gestellt und kürzlich als Museum und Kulturzentrum wiedereröffnet.

Ahmet Kardam erinnert sich sehr genau an seine Zeit in der Haftanstalt 1968. „Einmal in der Woche durften wir uns im Hamam waschen, da war die Zeit immer viel zu kurz“, sagt er und deutet auf die schmalen Becken im Waschraum. Nach dem Putsch 1980 floh Kardam mit seiner Familie nach Berlin, wo er als Journalist arbeitete. 1989 kehrte er zurück, um die Kommunistische Partei der Türkei (TKP) zu legalisieren. Schon an der Grenze wurde er verhaftet und ins „Ulucanlar“-Gefängnis gesperrt.

Der Alltag in der Haftanstalt war für ihn nur durch seine Kameraden erträglich, mit denen er Karten spielte oder konspirative Ideen für die Partei entwickelte. Erst nach dem Fall der Mauer kam Kardam frei.

Einige der Ausstellungsstücke erzählen von dem Leben in Unfreiheit: „Trage keine Worte nach außen“ steht über dem Rundbogen einer der Zellen geschrieben. An der Wand hängt ein vergilbtes Poster des deutschen Fußballtorwarts Toni Schumacher. Die meisten der 1500 Insassen fristeten ihr Dasein in Sammelunterkünften, teilten sich zu zweit ein Bett.

„Jetzt versteht man, warum wir die Viererzelle ,Hilton‘ nannten, oder?“, sagt Kardam. Physische Folter und qualvolle Verhörmethoden hat er selbst nicht im Gefängnis erlebt, aber sehr wohl davon gehört. Auch davon zeugen manche Ausstellungsstücke: In Glasvitrinen liegen persönliche Utensilien der Gefangenen wie Uhren, Briefe, Schuhe und mittendrin – ein Morgenstern.

Schwarze Dornen ragen aus der Eisenkugel, die an einer Kette mit Holzgriff hängt. Als Folterinstrument ist sie nicht gesondert gekennzeichnet.

Demnächst sollen Besucher eine Nacht in Haft verbringen können

Die Türkei ist noch unerfahren in der Aufarbeitung der dunklen Seiten ihrer Geschichte. Statt auf Hintergrundinformationen, übersichtliche Beschriftungen oder Quellenangaben setzt das Gefängnismuseum auf Effekte. Aus Lautsprechern singen türkische Sänger über das Leid und Leben der Inhaftierten. Wasser, das von der Decke tropft, wird tonal verstärkt.

Nachgestellte Selbstgespräche und Schreie sollen Einsamkeit und Verzweiflung in Isolationshaft verdeutlichen. In den Zellen sitzen 22 verblüffend echt anmutende Wachsfiguren auf den Betten, spielen Laute, trinken Tee oder lesen Zeitung. In Einzelhaft lehnt eine Figur mit verzweifeltem Gesichtsausdruck an der Wand, um ihren Fuß hängt eine schwere Kette.

Vergangenheitsbewältigung als Wachsfigurenkabinett. Wer den abseitigen Nervenkitzel liebt, soll in Zukunft gegen Bezahlung sogar eine Nacht im Foltergefängnis verbringen dürfen – in der Isolationszelle versteht sich.

Recep Tayyip Erdogans AKP unterstützte die Musealisierung des Gefängnisses im Stadtteil Altindag mit Geldern. 2004 schaffte seine Partei die Todesstrafe in der Türkei ab. Die letzte Hinrichtung vollzog das Land 20 Jahre früher.

Der Präsident wollte das Museum ursprünglich selbst eröffnen, sagte den Termin aber kurzfristig ab. Er hatte dann doch anderes zu tun.