Brunft-Zeit

Testosteron-Böcke sind eine Gefahr für Autofahrer

Bei den Rehen ist jetzt Brunft: Im Hormonrausch vergessen sie alle Vorsicht. Das ist nicht nur für Autofahrer gefährlich.

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Liebe hat schon viele das Leben gekostet. So grundlegend sie für die Arterhaltung ist, so gefährlich kann sie für den Einzelnen werden. Wäre es anderes, bräuchten wir weder Romane zu lesen noch ins Kino zu gehen. Es gibt keinen Stoff, der es mit Liebeslust und Liebesgefahr aufnehmen kann. Auch die Rehe könnten ein Lied davon singen, wenn sie denn singen könnten. Sie fiepen aber nur und lassen manchmal ein bellendes Schrecken hören. Das allerdings hört man jetzt oft. Wir nähern uns dem Höhepunkt der Rehbrunft.

In den Wochen zwischen Mitte Juli und Mitte August herrscht Hochzeitsstimmung bei der kleinsten Hirschart. Wald und Flur sind in Aufruhr. Mancher Spaziergänger ist schon von einem plötzlich aus dem Wald heranfegenden roten Blitz über den Haufen gerannt worden, was nicht ohne Blessuren abgeht, obwohl ein Reh nicht größer ist als ein mittelgroßer Hund.

Meistens trifft es aber die Rehe, vor allem die Böcke, die im Liebeswahn jede Vorsicht verlieren. Sie geraten leicht unter ein Auto, wenn sie mit der Nase auf dem Boden der Duftspur einer brunftigen Geiß folgen oder einen Konkurrenten durch die Botanik jagen. Der Straßenverkehr fordert unter den Rehen während der Brunftzeit einen besonders hohen Tribut, auch weil die Tiere jetzt zu allen Tageszeiten unterwegs sind. Und eben das, die besonders gute Sichtbarkeit und Präsenz der Rehe, nutzen auch die Jäger aus. Während der Brunft kommt es fast nie vor, dass sie ohne „Anblick“, ohne ein Stück Rehwild zu sehen, wieder nach Hause gehen.

Wenn von Brunft die Rede ist, denken die meisten an den Rothirsch. Die Hirschbrunft fand in Form von Gemälden früher in jedem zweiten bürgerlichen Wohnzimmer statt. Der röhrende Platzhirsch hält auf einer schon herbstlichen Waldlichtung sein Rudel zusammen und Konkurrenten fern, manchmal kommt es zu Kämpfen, bei denen die Gegner krachend ihre Geweihe ineinanderschlagen – das ist der Inbegriff von Brunft. Bei den Rehen ist das alles weniger spektakulär, dafür aber überall zu beobachten. Rehe sind nun einmal Allerweltstiere, die in Wald und Feld in großer Zahl vorkommen. Jeder hat die Chance, etwas von der Rehbrunft mitzubekommen. Er muss nur die Augen aufmachen.

Wenn man jetzt im Hochsommer Rehe wild durch die Gegend rennen sieht, heißt das meistens nicht, dass sie vor irgendeinem Feind flüchten. Sie sind im Liebesspiel. Das Jahr über leben die Rehe nebeneinander her und interessieren sich nicht sonderlich für einander. Sie bleiben in ihrem Territorium, das sie oft ihr ganzes Leben nicht verlassen.

Die meisten Rehe kommen in einem Umkreis von etwa einem Kilometer um ihren Geburtsort auch zu Tode. Böcke markieren ihr Territorium und verteidigen es aggressiv. Nur im Winter kommt es in der offenen Feldflur zur Bildung größerer Rudel, die man beim Reh Sprünge nennt. Eine hierarchische Sozialstruktur mit einem Leittier an der Spitze wie beim Rotwild gibt es bei ihnen nicht.

Wenn im Juli bei den Geißen – in Norddeutschland sagt man Ricken – die Eier reifen, ist es vorbei mit der Ruhe im Revier. Erst wenn die Damen brunftig geworden sind, entdecken die Herren ihre Männlichkeit, allerdings mit so durchschlagender Wirkung, dass sie von nun an für etwa vier Wochen nichts anderes mehr im Kopf haben. Es ist kein Jägerlatein, wenn erzählt wird, dass selbst angeschossene Böcke nicht von ihrer Auserwählten lassen.

Rehe leben in einer sehr kurz getakteten seriellen Monogamie. Die Böcke scharen keinen Harem um sich, sondern widmen sich für zwei, drei Tage nur einer Geiß, bis sie zum Erfolg gekommen sind. Dann suchen sie sich die nächste. Das Paarungsritual kann sich in die Länge ziehen. Auch hier wieder führt der weibliche Teil Regie.

Die Geiß lockt den Bock durch verführerische Düfte und sehnsüchtiges Fiepen. Ist er erst einmal in ihrem Bannkreis, gibt sie ihn nicht mehr her. Zunächst entzieht sie sich seinen Annäherungsversuchen durch weite Fluchten. Das ergibt dann die wilde Jagd mit lautem Keuchen, die manchen Wanderer erschreckt.

Mit der Zeit wird der Radius des koketten Fang-mich-Spiels kleiner, bis Bock und Geiß nur noch enge Kreise drehen, wieder und wieder. Die Spuren, die dabei auf Wiesen oder Getreidefeldern entstehen, sehen aus wie Ufo-Landeplätze. Man nennt sie Hexenringe. Der eigentliche Liebesakt gestaltet sich weniger umständlich und ausgedehnt. Der Bock bespringt die Geiß und macht dabei wirklich einen Sprung. Etwa zehn Monate nach diesem Akt bringt die Rehgeiß in der Regel zwei Kitze zur Welt, manchmal auch drei.

Obwohl die Brunft zwei bis drei Monate früher stattfindet als bei den anderen Hirscharten, kommt also der Nachwuchs bei den Rehen wie bei den anderen Arten im Mai. Das hängt mit der sogenannten Eiruhe zusammen, einer hormonellen Sperre, die das Einnisten des befruchteten Eis in der Gebärmutter verzögert.

Die Brunft ist die Zeit der Lockjagd. Bei den Rothirschen versuchen Jäger durch Nachahmung des Röhrens, einen Hirsch vor die Büchse zu bekommen. Sie bedienen sich dabei der unterschiedlichsten Hilfsmittel, von der Gießkanne bis zum Spezialschlauch. Den Rehbock lockt man durch das Fiepen der Ricke oder das des Kitzes, das die Ricke herbeiruft und automatisch den in ihrem Gefolge befindlichen Bock.

Könner ahmen diese unterschiedlichen Fieptöne mit einem zwischen die Daumen gespannten Buchenblatt oder Grashalm nach. Deshalb wird die Rehbrunft auch Blattzeit genannt. Besonders Erfolg versprechend ist diese Jagdmethode gegen Ende der Brunft, wenn noch nicht gedeckte Geißen selten werden, die Böcke aber noch vom Testosteron überschwemmt sind.

Sie sind dann übrigens nicht allzu kritisch dem künstlichen Fiepen gegenüber. Auch quietschende Autotüren können ihre Aufmerksamkeit erregen. Es besteht also gar kein Anlass, aus dem „Blatten“ eine Geheimwissenschaft zu machen. Das Wichtigste ist, dass der Jäger den sich nähernden Bock bemerkt, bevor der ihn bemerkt. Neuerdings nutzen immer mehr Jäger Tarnkleidung, eine Art Camouflage-Burka, die nur noch Augenschlitze frei lässt. Das erhöht möglicherweise die Jagdchancen, kann aber Unbeteiligte leicht in Panik versetzen. Wer rechnet schon damit, im deutschen Wald einem Dschungelkrieger zu begegnen? Jäger, die ihr Handwerk verstehen, brauchen solche Aufrüstung nicht.

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