Kreative Kriminelle

Die etwas andere Bastelstunde in der JVA Tegel

In der Justizvollzugsanstalt Tegel haben die Häftlinge vor allem eins: sehr viel Zeit. Und die nutzen die Gefängnisinsassen um mit Improvisationstalent Werkzeuge und Waffen zu bastelen – aus den abwägigsten Materialien.

Hinter der zweiten Presslufttür, die ächzend ins Schloss fällt, herrscht Ruhe. Der Blick streift die Backsteinkirche mit den zwei Giebeln auf der anderen Seite des Hofes. Ein idyllischer Schein. Die Welt, die sich hinter den Presslufttüren öffnet, ist ein kleines eigenes Universum, das von einer 1465 Meter langen Mauer umgeben ist.

Die Justizvollzugsanstalt Tegel ist das größte Gefängnis Deutschlands und gleichzeitig eines der ältesten. Insgesamt 1350 Häftlinge aus 65 Staaten sind hier untergebracht. Dazu kommen 860 Beschäftigte, die in den verschiedenen Einrichtungen arbeiten.

1898 wurde es eröffnet und hat seitdem Hunderttausende Bewohner erlebt. Karl May hat hier ebenso eingesessen wie Hans Fallada, der RAF-Terrorist Andreas Baader oder Erich Honecker. Den Alltag prägen aber die vielen Namenlosen, die für eine bestimmte Zeit oder im schlimmsten Fall ihr Leben lang hier ihre Strafen verbüßen.

Rund um das alte Gemäuer und das Leben hinter Gittern ranken sich zahllose Geschichten. Udo Schwarze kann viele davon erzählen. Seit 1978 arbeitet der 59-Jährige in der JVA Tegel und war von Anfang an mit Sicherheitsfragen des riesigen Gebäudekomplexes in der Seidelstraße nahe der Stadtautobahn betraut. Schwarze hat in den vergangenen drei Jahrzehnten Gegenstände gesammelt, die Häftlinge heimlich in ihren Zellen angefertigt und versteckt haben.

Gefängnisinsassen haben vor allem eines – Zeit

„Es gibt keinen Gegenstand, den Insassen nicht für einen anderen Zweck umfunktionieren können“, hat Schwarze die Lebenserfahrung hinter Gittern gelehrt. Und es gibt keine Ecke in den neun Quadratmeter großen Zellen, die nicht ein Versteck (Gefängnisjargon: Bunker) verbergen könnte. Denn Gefängnisinsassen haben vor allem eines: Zeit.

In den Stunden des Einschlusses, allein in der Zelle, können sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Jedes Stuhl- oder Tischbein könnte ausgehöhlt, der Schrank mit einem doppelten Boden oder einer doppelten Rückwand ausgestattet sein, jede Shampooflasche könnte als Depot dienen und jede Zeitschrift – zwischen zwei Seiten versteckt – Drogen enthalten. Hinter den Toilettenkacheln lassen sich gut unerlaubte Dinge verstauen.

Natürlich versuchen es die Eingesperrten auch immer wieder mit den Klassikern unter den Verstecken: Ausgehöhlten Büchern oder manipulierten Dosen. Handys gelangen in der Regel durch Würfe über die Mauer in das Gefängnis. Dahinter werden sie von Hofarbeitern eingesammelt, die durch Gewaltandrohung gefügig gemacht wurden und sie anschließend an die Empfänger weitergeben.

„Die Kontrolle beginnt beim Öffnen der Tür“, sagt Schwarze. Auch in den Einsparungen des Türschlosses der Zellen wurden die Beamten schon fündig. Acht bis zehn Stunden dauert eine gründliche Zellendurchsuchung, sagt Schwarze. Er hat im Verwaltungstrakt der JVA eine eigene Musterzelle einrichten lassen, in der die Auszubildenden das richtige Vorgehen bei einer Kontrolle lernen.

Haschisch im Rasierpinsel, Handys in ausgehöhlten Büchern, Waffen, die in Gesellenstücken aus der Schlosserei verstaut wurden – wenn Sicherheitschef Schwarze die Exponate seiner Sammlung zeigt, kann er zu jedem einzelnen Gegenstand eine Geschichte erzählen. Eine Freundin hatte einem Insassen Kekse geschickt. Zuvor hatte sie den Schokoladenüberzug mit einem Fön erhitzt und die Füllung gegen Heroin eingetauscht, die Kekse danach wieder verschlossen und mit dem Fön die Bruchnaht unsichtbar gemacht. Mittlerweile sind die Vitrinen seiner Sammlung gut gefüllt. Immer wieder entdecken er und seine Kollegen in den Zellen oder Werkstätten der Anstalt neue Verstecke und neue illegale Gegenstände.

Die Akribie der Gefangenen kennt keine Grenzen – genau wie die Akribie der Beamten.

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