Krimineller Boulevard

Hacker-Angriff auf totes Mädchen entsetzt England

Im großen Stil hackte das britische Boulevard-Blatt "News of the World" Handys. Auch das einer toten 13-Jährigen. Der Chefredakteur wurde später Regierungssprecher.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Wenn der britische Premier im fernen Kabul zu einem innenpolitischen Thema seines Landes Stellung bezieht, muss etwas Dramatisches passiert sein. David Cameron sprach in Afghanistan vor Journalisten von einem „wahrhaft schrecklichen Vorgang“, den die Polizei „mit höchster Energie“ verfolgen müsse.

Nicht nur der Premier – das ganze Land ist entsetzt über die jüngste Enthüllung zur Telefonabhör-Affäre, in die Englands auflagenstärkste Boulevard-Sonntagszeitung, „News of the World“, Teil von Rupert Murdochs News Corporation, seit Jahren verstrickt ist.

Ausgelöst wurde die aktuelle Diskussion von der Zeitung „Guardian“, die am Unglaubliches zusammengetragen hatte.

Bislang war „News of the World“ vor allem das Anzapfen von Mobiltelefonen von Berühmtheiten vorgeworfen worden. Auch die Prinzen William und Harry hatten Verdacht geschöpft. Denn das Blatt kam immer öfter mit Geschichten auf den Markt, die nur durch illegale Informationsbeschaffung erklärbar waren.

Zwei Beteiligte bereits 2007 zu Haftstrafen verurteilt

Überführt wurden schließlich 2007 der für das Königshaus zuständige Reporter der Zeitung, Clive Goodman, und der angeheuerte Privatdetektiv Glenn Mulcaire: Sie erhielten vier beziehungsweise sechs Monate Haft wegen Verletzung der Privatsphäre der Royals.

Im vorigen Jahr sprach man bereits von 7000 Personen, in deren Handys „News of the World“ eingedrungen war. Das Mutterhaus, zunehmend in Bedrängnis, ging schließlich dazu über, außergerichtliche Einigungen anzustreben, um seine Praktiken der öffentlichen Empörung so weit wie möglich zu entziehen. So erhielt die Schauspielerin Sienna Miller ein Schmerzensgeld von 100.000 Pfund.

Dass ausgerechnet ein Murdoch-Flaggschiff derart in Verruf geriet, ist von höchster politischer Relevanz. Immerhin gilt das Print-Imperium des Australiers, zu dem auch die „Times“-Titel und die Boulevardzeitung „The Sun“ gehören, als Wetterhahn der öffentlichen Meinung, nach dem man sich in Westminster auszurichten beliebt.

Tony Blair warf man ein allzu enges Verhältnis zu Murdoch vor, fast unterwürfig in dem Bestreben, sich den Medienzar und seine Titel gewogen zu halten.

Journalisten kamen durch Bestechung an Handynummern und Codes

Für Entsetzen sorgt nun die Erkenntnis, dass die Zeitung nicht nur Berühmtheiten jeglicher Couleur ausspionieren ließ. Wie jetzt bekannt wurde, griff Detektiv Mulcaire vor neun Jahren auch in einen Kriminalfall ein , der erst vor zwei Wochen seinen Abschluss fand und die Gemüter noch immer aufwühlt.

Damals, im März 2002, wurde in einem Ort in Sussex die 13 Jahre alte Milly Dowler entführt. Sechs Monate später fand man sie ermordet in einem Wald verscharrt. Der Täter bekam jetzt lebenslänglich. Die Suche nach dem Mädchen hielt seinerzeit das ganze Land in Atem, man vermutete einen Missbrauch, die Familie schwankte zwischen Hoffen und böser Ahnung.

Da griffen, so hat der Guardian recherchiert, Mulcaire und seine Handlanger, mit gutem Geld gedungen, zu. Sie fanden nicht nur die Adressen aller in Sussex lebenden Familien mit Namen „Dowler“ heraus, was noch erlaubt ist. Sie brachten sich auch durch Bestechung von Mitarbeitern der British Telecom in den Besitz von drei relevanten Handynummern und deren Geheimcodes, von denen eine zu Millys Mobiltelefon gehörte.

In den Tagen nach dem Verschwinden des Teenagers konnten die Hacker laufend die Voicemail des Mädchens abhören, mithin sämtliche Botschaften von besorgten Freunden und Verwandten, die Bitten an das Mädchen, sich doch zu melden.

Dann das Problem: Die Voicemail-Kapazität war erschöpft, nahm keine weiteren Botschaften mehr auf. Doch die Zeitung, in ihrem zynischen Bedürfnis nach weiteren Botschaften der Verzweiflung, erlaubte den Zuarbeitern um Glenn Mulcaire, bereits registrierte Nachrichten zu löschen, um Platz zu schaffen für neue.

Das war ein direkter Eingriff in die Ermittlungen, denn mit dem gelöschten Material verschwanden auch mögliche Indizien für die fieberhaft suchenden Kriminalisten.

Das Löschen machte Dowler-Familie Hoffnung, Milly lebe noch

Schlimmer noch: Das Löschen stiftete bei der Dowler-Familie die Hoffnung, ihr Kind lebe noch und bediene weiterhin sein Handy. Ja, die Zeitung führte in der Woche nach dem Verschwinden des Mädchens gar ein Gespräch mit der Mutter, ohne der Frau zu erklären, warum die Mailbox immer wieder geleert wurde.

Jetzt gerät die damalige Chefredakteurin Rebecca Wade, verheiratete Brooks (sie ist heute Vorstandschefin von Murdochs britischem Ableger „News International“) ins Fadenkreuz der Ermittler – was wusste sie, was duldete sie, was stiftete sie an?

Der damalige stellvertretende Chefredakteur Andy Coulson trat schon 2007 zurück, gab an, von nichts gewusst zu haben, und wurde zeitweise sogar Pressechef von David Cameron, eher er auch von diesem Amt Anfang 2011 zurück trat.

Und die Polizei? Wie ungenau waren ihre Ermittlungen bei den „News of the World“? Warum erfährt man erst jetzt dank des „Guardian“ von den 11.000 Seiten Notizen Mulcaires, wo sich auch der Hinweis auf den Dowler-Fall fand?

Ein Abgrund tut sich auf, der nicht nur das Ende der Sonderbeziehung zwischen Murdoch und der britischen Politik einläuten könnte, sondern vor allem einen tiefen Schatten wirft auf die Praktiken des britischen Boulevard und seine Enthüllungsgeschichten, die oft Futter sind für den weltweiten Nachrichten-Markt.