Aus für "News of the World"

Wenn Journalisten unvorstellbares Leid ausbeuten

Die Reporter der britischen Zeitung "News of the World" verletzten moralische und rechtliche Grenzen. Der Abhörskandal bringt auch Premier Cameron in Bedrängnis.

Foto: Getty Images, AP / Getty Images, AP/Dan Kitwood, Matt Dunham

Der Mann, dessen Lächeln Bridget Jones und Millionen andere Frauen an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt, hat keine gute Laune. Hugh Grant schürzt spöttisch die Lippen, als er einer Talkrunde des Senders BBC erklärt, wie Reporter der größten Sonntagszeitung „ News of the World “ tief in sein Privatleben eindrangen – indem sie sein Mobiltelefon abhörten. „Was Interesse der Öffentlichkeit ist, ist noch lange nicht im öffentlichen Interesse“, schließt der weltbekannte Schauspieler säuerlich.

Hugh Grant war nicht der einzige Prominente, auch das Handy seiner Kollegin Sienna Miller „hackten“ Journalisten mit Hilfe eines eigens engagierten Privatdetektivs, der Ex-Fußballstar Paul Gascoigne soll ebenfalls eines der Opfer sein. Prinz William war es bereits Ende 2005. Diese Angriffe auf das Intimleben taten Politik und Bürger des Vereinigten Königreichs bisher mit einem Schulterzucken ab.

Wer so viel Geld und ein solches Leben hat, der muss das gnadenlose Auge und Ohr des Volkes ertragen, lautet die Meinung der Briten, für die Datenschutz ohnehin ein eher geringes Gut ist. Doch nun hat der „hacking scandal“ eine Dimension erreicht, die das von großer gegenseitiger Abhängigkeit geprägte Verhältnis zwischen Politik und Medien bis ins Mark erschüttert.

Saftige Geschichten für die Sensationsgierigen

Denn Glenn Mulcaire, besagter Privatermittler, besaß nicht nur Zugang zu den Daten zahlloser Prominenter, sondern auch von Angehörigen britischer Soldaten, die im Auslandseinsatz im Irak oder Afghanistan getötet worden waren . Das berichtete die Zeitung „Daily Telegraph“.

Der neueste Vorwurf lautet mithin, dass Mitarbeiter von „News of the World“ unter der damaligen Chefredakteurin Rebekah Brooks die privaten Gespräche von Ehefrauen, Eltern und Geschwistern Getöteter angezapft hatten, um aus dem unvorstellbaren Leid saftige Geschichten für die sensationsgierige Leserschaft aufzubreiten. Außerdem sollen die Journalisten regelmäßig Polizisten für Ermittlungsdetails bestochen haben.

Ein weiteres Kapitel des Abhörskandals, das aber seitens der Zeitungsmacher das letzte bleiben soll: Am Donnerstagnachmittag ließ Rupert Murdoch, Besitzer der Zeitung und bekannter Medienmogul, erklären, dass das Blatt am Sonntag zum letzten Mal erscheint . „Dies sind harte Maßnahmen. Aber sie gründen auf Respekt und sind die richtige Entscheidung“, teilte Sohn James Murdoch der geschockten Belegschaft mit.

Politik wird Murdoch-Blätter weiterhin fürchten

„News of the World“ gehört zur Gruppe News International. Murdoch, gebürtiger Australier mit amerikanischen Pass, hatte schon in den Siebzigern begonnen, das verkrustete britische Mediensystem aufzubrechen, mit ihm zog ein harter Wettbewerb auf der Insel ein, der in Europa seinesgleichen sucht. Schon Margaret Thatcher, konservative Premierministerin von 1979 bis 1990, wusste, dass sie ohne das Murdoch-Imperium keine Politik machen konnte.

Täglich erscheinen in Großbritannien neben dem Boulevardblatt „Sun“ mindestens fünf andere Erzeugnisse der „yellow press“. Am Wochenende sind es fünf weitere, und alle kämpfen auf einem ständig kleiner werdenden Markt mit Schlagzeilen um Profit, die bei den allermeisten deutschen Lesern Schockstarre auslösen würden.

Die Politik wird die Murdoch-Blätter dennoch weiter fürchten. Wen die „Sun“ im Wahlkampf unterstützt, der kann auf das Büro in Downing Street Nummer 10 hoffen. Lange Jahre wurde Tony Blair dies zuteil, bis einige Monate vor den letzten Wahlen im Mai 2010, als der Tory David Cameron den Vorzug bekam und auch die Macht übernahm.

"News of the World"-Affäre bereitet Regierungschef Ärger

Genau diese Verbindung aber bringt den Regierungschef jetzt in die Bredouille. Zum einen arbeitet Murdoch seit Jahren daran, seine Anteile am Sender BSkyB, zu dem der Nachrichtenkanal Sky News gehört, von 39 auf hundert Prozent zu erhöhen. Wegen seiner großen Medienmacht brauchte der Australier dafür das Plazet der Regierung, was er Anfang März trotz großer Proteste der Opposition auch provisorisch bekam.

Nachdem die verwerflichen Praktiken der Murdoch-Leute nun ruchbar geworden sind, ist dieser Zuschlag für Cameron kaum mehr zu verteidigen. Die „Financial Times“ meldete bereits, dass Kulturminister Jeremy Hunt die politische Entscheidung über die Komplettübernahme auf September vertagen will.

Die Beziehungen des jungen Premiers zu News International gehen aber noch viel weiter. Cameron hatte zu Beginn seiner Amtszeit den Ex-Chefredakteur von „News of the World“, Andy Coulson, als seinen persönlichen Medienberater eingestellt.

Ex-Chefredakteur war Camerons Berater

Coulson hatte die Verantwortung für das Blatt, als der Skandal um die angezapfte Mailbox von Prinz William ausbrach. Die Zeitung hatte seinerzeit berichtet, William leide an einer Knieverletzung. Und er habe seinem Bruder Harry zum Scherz mit verstellter Frauenstimme eine Nachricht hinterlassen, dessen Freundin Chelsy sei sauer, weil er „einer Tänzerin zu nah gekommen“ sei.

Details, die niemand wissen konnte, woraufhin das Königshaus Scotland Yard einschaltete und „News of the World“ erstmals verurteilt wurde. Coulson machte den Richtern seinerzeit glaubhaft, dass er vom Vorgehen seines Mitarbeiters nichts wusste. Letzterer musste ins Gefängnis, Coulson gab seinen Job auf.

Kurz darauf klopfte Cameron an, Coulson managte ihn in seinem erfolgreichen Wahlkampf und zog mit in die Downing Street ein. Wie einst der legendäre „Spin Doctor“ von Tony Blair, Alastair Campbell, sollte der ehemalige Murdoch-Mann das enge „Geben und Nehmen“ zwischen Politik und Medien im Sinne der Torys kontrollieren und ausbauen.

Im vergangenen Januar aber trat Coulson von seinem Amt zurück, nachdem News International den Behörden, die nach fortdauernden Medienberichten über die „Hacking“-Methoden der Murdoch-Blätter weiter ermittelt hatten, neues Material übergeben hatte. Viele sahen sich bestätigt, dass Cameron bei der Personalwahl von Coulson einem falschen Instinkt gefolgt war.

Reporter löschten Mailbox von toter Jugendlicher

Zumindest hat der Regierungschef nun angekündigt, eine Untersuchung der Vorwürfe einläuten zu wollen. Angesichts der Anschuldigungen gegen die Murdoch-Gruppe, die mit jedem Tag mehr bestürzen, wird er zur Eile drängen müssen. So war kurz vor der Enthüllung über die angezapften Telefone von Soldaten-Familien bekannt geworden, dass „News of the World“ auch Zugang zum Handy eines getöteten Mädchens hatte.

Die damals 13-jährige Milly D. war 2002 entführt, ihre Leiche ein halbes Jahr später gefunden worden. Die verzweifelten Angehörigen hinterließen Nachrichten auf ihrer Mailbox; da diese nicht voll wurde, war die Hoffnung groß, Milly sei noch am Leben.

In Wirklichkeit löschten die Reporter die Mailbox , um mehr Material für ihre Artikel zu bekommen.

Hugh Grant wettert gegen skrupellose Journalisten

Nicht nur Cameron wird diese Medienaffäre auf absehbare Zeit beschäftigen. Auch Hugh Grant lässt den „hacking scandal“ nicht im Treibsand der täglichen Nachrichtenschwemme untergehen. Reporter von „News of the World“ hätten „keine Skrupel, keine Moral, so lange sie Profit machen können“, warf er in der BBC-Sendung Paul McMullen vor, der heute einen Pub in Dover betreibt, aber bis vor eigen Jahren für Murdochs Blätter arbeitete und sich ebenfalls ohne Gewissensbisse der „Hacker“ bediente.

Grant hatte McMullen vor einigen Monaten zufällig kennen gelernt, und der Ex-Reporter hatte ihm treuselig beim Bier von den „Hacker“-Praktiken berichtet. Grant kehrte daraufhin nach Dover zurück und verwickelte den Journalisten erneut in ein Gespräch, das der Schauspieler mit einem versteckten Mikrophon aufzeichnete, um es danach in einem Politikmagazin Wort für Wort aufzuschreiben.

Am Ende der Talkshow konnte es sich Hugh Grant nicht verkneifen, dem Ex-Pressemann einen Ratschlag zu geben: „Du bist kein Idiot, Paul, Du solltest es mal mit richtigem Journalismus probieren. Das würdest Du wahrscheinlich sogar schaffen.“