Tod mit 84

Leo Kirch – Wie der Medienpionier zu hoch pokerte

In den 90er Jahren herrschte Leo Kirch über ein Medienimperium, das in Deutschland seinesgleichen suchte. Bei Sat.1 war er als Investor ein Mann der ersten Stunde. Doch dann pokerte er zu hoch und wurde zum Feindbild der linken Medienkritik.

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Der Medienunternehmer Leo Kirch starb nach Informationen seiner Familie am Donnerstag im Alter von 84 Jahren.

Video: Reuters
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Am Ende hatte Leo Kirch einfach kein Glück. Der früher so erfolgsverwöhnte Medienmogul wollte 2007 noch einmal auf die ganz große Bühne zurück, gemeinsam mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) hatte er ein neues TV-Vermarktungsmodell für die Bundesliga ersonnen. Der damals 81-Jährige sollte als Zwischenhändler fungieren und der Liga Einnahmen von 500 Millionen Euro pro Jahr garantieren. Doch das Bundeskartellamt lehnte die Pläne ab, und Kirch war aus dem Spiel. Es blieb ihm seine Firma KF 15, die Anteile am Konzern Constantin Medien hält. Am Donnerstag bestätigte KF 15 seinen Tod.

Seit dem Zusammenbruch seines Imperiums im Jahr 2002 war Kirch überwiegend durch Rechtsstreitigkeiten mit der Deutschen Bank aufgefallen. Sein Vorgehen mutete zuweilen wie ein Rachefeldzug an. Kirch machte den früheren Vorstandschef der Bank, Rolf Breuer, für die Insolvenz seines Konzerns mitverantwortlich. Breuer hatte 2002 in einem TV-Interview die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe in Zweifel gezogen. Doch die juristischen Bemühungen blieben weitestgehend erfolglos: Im Februar dieses Jahres wies das Landgericht München eine Schadenersatzklage über 1,3 Milliarden Euro gegen die Deutsche Bank ab.

Kirch, der am 21. Oktober 1926 in Würzburg geboren wurde, hatte eine steile Karriere als Medienpionier hingelegt. Der studierte Betriebswirt und Mathematiker gründete 1955 seine erste Firma mit Namen Sirius-Film und kaufte Rechte an Kinofilmen, die für eine Ausstrahlung im Fernsehen geeignet schienen. Ein lukratives Geschäft, das Kirch bis hin zu einer Monopolstellung ausbaute. Zeitweilig stammte jeder zweite Film im deutschen Fernsehen aus Kirchs Archiv.

Prominent wurde Kirch mit der Einführung des Privatfernsehens in den 80er Jahren. Bei Sat.1 war er als Investor ein Mann der ersten Stunde, weitere Sender wie ProSieben oder der Bezahlkanal Premiere folgten. Da er außerdem in die Filmproduktion eingestiegen war, kontrollierte der Unternehmer bald die ganze Verwertungskette von Medieninhalten: Herstellung, Vertrieb, Senderechte, Synchronisation, Verleih, Video, Merchandising und Ausstrahlung. Die komplizierte Firmenstruktur mit Schachtel- und Überkreuzbeteiligungen war immer wieder Gegenstand teils bewundernder, teils skeptischer Betrachtungen.

Zum Feindbild der linken Medienkritik wurde der gläubige Katholik durch seine Beziehungen zur Politik und seinen Einstieg beim Axel-Springer-Verlag. Freunde fand Kirch vor allem in den Unionsparteien: Er pflegte enge Kontakte zum bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU) und Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), bei dessen zweiter Hochzeit im Jahr 2008 er Trauzeuge war. Nach der CDU-Spendenaffäre stellte Kirch auf Bitten Kohls eine Millionen Mark zur Verfügung, um Schaden von der Partei abzuwenden.

In den 90er Jahren herrschte Kirch dank seiner gut geölten Netzwerke über ein Medienimperium, das in Deutschland seinesgleichen suchte. Doch dann pokerte er zu hoch und lieferte sich vor allem mit der ARD einen Bieterwettkampf um Fußball-Rechte, der auf einem spektakulär überhöhten Preisniveau stattfand. Der Versuch Kirchs im Jahr 2001, mit späten Bundesliga-Sendeterminen auf Sat.1 die Zuschauer zu einem Premiere-Abo zu zwingen, missglückte gründlich. Kurze Zeit später, als die Krise der „New Economy“ voll durchschlug, waren seine Hauptunternehmen insolvent.

Kirch galt als öffentlichkeitsscheu. Mit seiner Frau Ruth lebte er zurückgezogen in München-Bogenhausen, Interviews gab er nur wenige. Durch eine schwere Zuckerkrankheit war Kirch so stark sehbehindert, dass er in seinen letzten Lebensjahren keine Texte mehr lesen konnte. Da private Details kaum bekannt waren, blieben die Ansichten zu seiner Person widersprüchlich. Einerseits erschien er als bodenständiger Unternehmer mit Strickjacke, als letzter Vertreter der Wirtschaftswunder-Generation, andererseits als Spieler, der mit riesigen Summen geliehenen Geldes jonglierte. Nach seinem Tod dürfte es eine Fülle weiterer Deutungsversuche geben.

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