Mordprozess

"Dunkelheit machte Mirco Angst"

Sie wollte dem Mörder ihres Sohnes in die Augen sehen, es für ihren Sohn schaffen. Die Mutter des getöteten Mirco sagte am Donnerstag vor dem Landgericht Krefeld aus – beherrscht und mit fester Stimme.

Die Mutter des kleinen Mirco hat am Donnerstag im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder ihres Sohnes ausgesagt. Die 35-jährige Frau beschrieb den Jungen vor dem Landgericht Krefeld mit ruhiger und gefasster Stimme als zuverlässiges und selbstbewusstes Kind. Sie trat sehr beherrscht auf und antwortete etwa 20 Minuten lang auf die Fragen des Gerichts. Mircos Mutter erzählt, dass ihr Sohn lebhaft und offenherzig war. „Er hat sehr direkt ins Gesicht gesagt, was ihm passt und was nicht.“ Das Fahrrad sei das ein und alles für ihren Sohn gewesen. Er hätte es nie irgendwo liegen gelassen – aber es war nach seinem Verschwinden herrenlos gefunden worden.

Dass Mirco am Tatabend in der Dunkelheit noch unterwegs war, sei eine Ausnahme gewesen: „Im Dunkeln war ihm unheimlich. Eigentlich war er immer vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause.“ Mit einem Anruf auf seinem Handy mahnte die Mutter am Abend seines Verschwindens zur Eile. Wenn er sich ausgezogen habe, habe er seine Kleidung ordentlich auf einen Stuhl gelegt, so dass er am nächsten Tag wieder schnell hineinschlüpfen konnte. „Nicht auf links gedreht“, sagt die Mutter. So war seine Kleidung aber gefunden worden. Und Olaf H. hatte in einer seiner vielen Geständnis-Versionen behauptet, der Junge habe sich selbst ausgezogen.

Mircos Vater sitzt derweil schwarz gekleidet als Nebenkläger neben den Staatsanwältinnen. Er hat die Hände gefaltet und vermeidet den Blickkontakt mit dem Angeklagten. Wenn er ihn kurz verstohlen anschaut, gefrieren seine Gesichtszüge. „Die Eltern sind sehr stark im Glauben verankert. Das gibt ihnen die Kraft“, sagte die Anwältin von Mircos Eltern, Gabriele Reinartz.

Reinartz sagte im Anschluss der Verhandlung, der Auftritt sei wichtig für die Mutter gewesen: „Sie hatte den Anspruch, dem Täter ins Angesicht zu sehen. Sie musste es für ihren Sohn schaffen.“ Wie oft die Eltern die Kraft aufbringen, an den weiteren Verhandlungstagen in den Gerichtssaal zu kommen, sei noch offen, so die Anwältin. Der Angeklagte hörte schweigend zu und blickte meist vor sich hin. Sein Verteidiger Gerd Meister erklärte, sein Mandant habe „große Angst“ vor der Begegnung mit den Eltern gehabt und sei nachher in seiner Zelle emotional zusammengebrochen. „Er weint sehr, sehr viel. Für mich ist das ein gutes Zeichen“, sagte Meister.

Der 45 Jahre alte Olaf H. steht wegen Mordes an dem Jungen vor Gericht. Der Familienvater hatte am ersten Prozesstag gestanden, den zehn Jahre alten Mirco am 3. September 2010 abends entführt, sexuell missbraucht und erdrosselt zu haben. Bei der Polizei hatte der gelernte Fernmeldehandwerker, der zuvor völlig unbescholten war, mehrere Versionen der Tat aufgetischt. Nach Ansicht des Gerichts sind viele Fragen noch ungeklärt – etwa ob Olaf H. an diesem Abend nicht doch gezielt auf der Suche nach einem Jungen gewesen sei. Richter Herbert Luczak legte dem Angeklagten erneut nahe, sein Geständnis zu ergänzen und sich dem Psychiater zu offenbaren.

Mircos Mutter kam in Jeans und geblümter halbärmeliger Bluse in den Zeugenstand. Die Frau, die als Verkäuferin arbeitet, erzählte, wie wichtig das Rad für ihren Jungen gewesen sei. Mirco hatte es erst drei Monate vor seinem Verschwinden bekommen und selbst gespartes Geld zum Kaufpreis dazugegeben. Mirco habe Angst im Dunkeln gehabt, sagte sie. Das Kind war abends auf dem Heimweg von einer Skaterbahn in seinem Heimatort verschwunden. Die Eltern des Jungen, die sehr gläubig sind, treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. Der Vater saß am Donnerstag schon zu Beginn im Saal, die Hände übereinandergelegt.

Olaf H. versteckte beim Betreten des Schwurgerichtssaals sein Gesicht wiederum hinter einer Sonnenbrille und einem Schreibheft. Dass er inzwischen von seiner dritten Frau geschieden ist, erfuhr der 45-Jährige vom vor Gericht. „Nach unserer Kenntnis ist die Scheidung bereits ausgesprochen“, teilt ihm der Vorsitzende Richter Herbert Luczak mit. Der Angeklagte quittierte die Nachricht mit einem verlegenen Grinsen und Schulterzucken. Der ehemalige Telekom-Mitarbeiter hat sein ganzes Leben lang am Niederrhein gewohnt, er heiratete dreimal und hat vier Kinder.

Knapp einen Monat nach Mircos Verschwinden war Olaf H. in die Konzernzentrale nach Bonn versetzt worden. Dabei bekam er eine neue Handynummer und einen anderen Dienstwagen. Die Polizei hat aber den alten Dienstwagen von Olaf H. aufgespürt und als Tatwagen ausgemacht. Das Gericht hörte auch die beiden Zeugen, die vom Handballtraining kamen und vermutlich zum Zeitpunkt der Entführung Mircos am 3. September zufällig am Tatort vorbeigefahren waren. Einer von ihnen erkannte einen geparkten VW Passat Kombi an den Rückleuchten.

Die 20 und 28 Jahre alten Zeugen hatten außerdem noch aus der Ferne ein kurz hell aufscheinendes Licht gesehen, aber im Vorbeifahren nichts erkannt. Vermutlich kam das Licht von Mircos Fahrrad. „Die beiden Zeugen waren entscheidend für die Aufklärung“, sagte die Anwältin von Mircos Eltern, Gabriele Reinartz, und lobte deren „fantastische Wahrnehmungsgabe“.

Bis zu seiner Festnahme wohnte Olaf H. unauffällig in einer Eigenheim-Siedlung in Schwalmtal bei Mönchengladbach, 17 Kilometer südlich von Mircos Wohnort. Mit der Vernehmung von 40 Zeugen überwiegend aus dem Umfeld des Angeklagten hofft das Gericht, dessen Persönlichkeit zu ergründen. Der Prozess soll bis Ende September dauern.

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