Entführung

Der letzte Tag im Leben der Maria Bögerl

Wer tötete Maria Bögerl? Recherchen von Morgenpost Online enthüllen neue Details zur Lösegeldübergabe – und des Täterprofils.

Der Mann mit dem Pferdeschwanz ist überall und nirgends. Sein Phantombild hängt an jedem Schwarzen Brett im schwäbischen Städtchen Heidenheim, in Hotels, Schulen und Imbissbuden. „Die Polizei bittet um Ihre Mithilfe“, steht auf den Fahndungszetteln, darunter die Beschreibung des geheimnisvollen Zeugen, von dem sich die Ermittler so viel versprechen in diesem rätselhaften Mordfall. Aber der Mann konnte bisher nicht identifiziert werden, obwohl zu seiner Person Hunderte Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen sind.

Bereits 67 Tage sind verstrichen, seitdem Maria Bögerl entführt worden ist. Das Schicksal der Gattin des Heidenheimer Sparkassendirektors Thomas Bögerl hielt das Land in Atem – und liegt noch immer größtenteils im Dunkeln. Die 54-Jährige wurde morgens aus ihrem Wohnhaus entführt. Nach einer missglückten Lösegeldübergabe und drei Wochen voller Ungewissheit fand man die Leiche der durch mehrere Messerstiche getöteten und mit Handschellen gefesselten Bankiersfrau in einem Waldstück. Was geschah an jenem 12.Mai, dem Tag der Entführung?

Nach Recherchen von Morgenpost Online können nun die dramatischen Stunden zwischen dem einzigen Entführeranruf und der Geldübergabe detailgenau rekonstruiert werden. Demnach ist die Beschaffung des Lösegelds anders abgelaufen als bisher bekannt: Der Entführer hatte unrealistische Vorstellungen. Er verlangte von Thomas Bögerl, das Geld binnen anderthalb Stunden aufzutreiben und zu übergeben. Bögerl sollte die 300.000 Euro bereits um 13 Uhr hinterlegen. Ihm gelang es, in seinem einzigen Telefonat mit dem Entführer eine Verlängerung bis 14 Uhr durchzusetzen. Auch die neue Frist war zu knapp bemessen.

Falsch sind zudem Berichte, wonach Bögerl den geforderten Betrag über seine Sparkasse besorgt hat. Vielmehr kam das Geld nach Informationen von Morgenpost Online von der Ulmer Filiale der Deutschen Bundesbank. Recherchen ergaben außerdem, dass die Ermittler im Haus der Bögerls Spuren eines Kampfes gesichert haben. Allerdings ist Maria Bögerl dort offenbar nicht getötet worden. Und die Tatwaffe, vermutlich ein Küchenmesser, stammt ebenso wenig aus dem Haushalt der Familie wie die Handschellen an den Handgelenken der Toten.

Das Protokoll des Entführungstages:

Vormittags um zehn Uhr bekommt der Bürgermeister von Niederstotzingen im Landkreis Heidenheim Besuch in seinem Amtszimmer im ersten Stock des Rathauses. Sparkassendirektor Bögerl ist mit einem Mitarbeiter gekommen, um mit Stadtoberhaupt Gerhard Kieninger über Kreditkonditionen der Stadtverwaltung zu sprechen. Es ist ein Routinetermin. Bis um 11.23 Uhr Bögerls Handy klingelt. Er erkennt die Mobilnummer seiner Frau, entschuldigt sich und verlässt das Zimmer. Kurz darauf kommt er zurück und erzählt, dass seine Frau entführt wurde.

Die drei Männer beraten, was zu tun ist. Nach nicht einmal zehn Minuten beschließen sie, die Polizei einzuschalten – obwohl der Anrufer, der sich als „Schmid“ ausgab, dies verboten hat. Um kein Aufsehen zu erregen, weist Bürgermeister Kieninger seine Sekretärin an, eine Verbindung zur Polizeidirektion Heidenheim herzustellen, zu einem ihm persönlich bekannten Beamten. Die Mitarbeiterin, die nicht eingeweiht wird, soll der Polizei sagen, der Bürgermeister wolle seinen Bekannten „in einer Angelegenheit allgemeiner Natur“ sprechen. Als sich der Polizist meldet, wird das Gespräch ins Amtszimmer des Rathauschefs durchgestellt. Thomas Bögerl nimmt den Hörer in die Hand und setzt den Beamten ins Bild. Da ist es kurz nach halb zwölf.

Im Wettlauf gegen die Zeit fassen die Männer im Rathaus den Plan, die 300.000 Euro selbst zu beschaffen – getarnt als städtische Investition. Kieninger veranlasst eine ungewöhnliche Transaktion, er lässt bei der Ulmer Bundesbank-Filiale einen Blitzkredit beantragen. Niederstotzingen renoviert seinen Stadtkern, da sind spontane Geldgeschäfte nichts Ungewöhnliches. Den Staatsbankern wird mitgeteilt, man stehe in einer wichtigen Verhandlung und benötige Bargeld.

Gegen 13.45 Uhr liegen die Scheine in der gewünschten Stückelung bereit und werden von Bögerls Mitarbeiter sowie einer unterschriftsbefugten Rathausangestellten in Ulm abgeholt. Entfernung: 33 Kilometer. Die Kuriere haben in der Eile keinen Koffer mitgenommen, die Banknoten packen sie in eine Plastiktüte. Obwohl alles reibungslos klappt, ist die Frist des Entführers verstrichen, als die Geldbündel gegen 14.20 Uhr in Niederstotzingen eintreffen, abgepackt in Klarsichtfolie. Der Entführer will das Geld in einem blauen Müllsack entgegennehmen – im Rathaus werden aber nur grüne benutzt. Im Keller findet sich schließlich ein ausrangierter blauer Sack.

Die Polizei, die längst mit Zivilbeamten im Rathaus präsent ist, steht vor schwierigen Entscheidungen. Wartet der Entführer überhaupt noch auf das Geld? Gerät Thomas Bögerl in Gefahr, wenn er ohne Schutz zum Übergabeort fährt? Telefonate und Funksprüche gehen hin und her: zwischen dem Rathaus, der Polizeidirektion Heidenheim und der LKA-Zentrale in Stuttgart. Dann die Entscheidung: Die Polizei lässt Bögerl nicht allein fahren, zudem observiert sie den Übergabeort.

Etwa um 15.27 Uhr kommt der Sparkassendirektor an der Betriebsausfahrt der Autobahn A7 an, wo eine Stelle mit einer Deutschlandfahne markiert ist. Bögerl wirft den Müllsack mit dem Geld hinaus. Aber niemand holt es ab.

Das sind die beiden Profile der möglichen Täter

So weit die Chronologie – sie lässt Schlüsse zu, welches Täterprofil die Soko „Flagge“ entworfen hat. Das Handeln des Mörders spricht für einen unprofessionellen Kleinkriminellen, der überfordert war, als er merkte, dass sein Plan mit der extrem knappen Frist unrealistisch war. Allerdings wird auch von einem zweiten Täterbild ausgegangen – einem Sparkassenkunden, dem möglicherweise ein Kredit verweigert wurde. Offiziell äußert sich die Polizei dazu nicht.

Unterdessen sorgt der ungelöste Fall an den Stammtischen für wilde Gerüchte. Sogar über eine Verstrickung der Familie in das Verbrechen wird diskutiert. Allerdings gibt es für eine direkte Tatbeteiligung der Bögerls keinerlei Indizien – erst recht nicht in Anbetracht der nun enthüllten Geschehnisse am Entführungstag. Die Spekulationen werden wohl erst enden, wenn der Schuldige für Maria Bögerls Tod gefunden wurde. Das kann dauern, der Sprecher der Staatsanwaltschaft sagt: „Eine heiße Spur haben wir immer noch nicht.“