Zella-Mehlis

Bürger fordern harte Strafe für Mary-Janes Mörder

Der Mord an der siebenjährigen Mary-Jane aus dem thüringischen Zella-Mehlis ist aufgeklärt. Ein 37-jähriger Bekannter der Mutter gestand, das Mädchen sexuell missbraucht und dann getötet zu haben. Die Menschen sind erleichtert – und voller Wut.

Die Anspannung schien sich nur allmählich zu lösen an diesem Sonnabend in Zella-Mehlis. Erst als am späten Nachmittag auf allen Radiosendern und im Fernsehen die Nachricht vom Geständnis des Mörders der kleinen Mary-Jane vermeldet wird, will man der guten Nachricht auch glauben. "Gestern waren wir noch skeptisch. Jetzt kann man nur sagen: Gott sei Dank, dass die den Kerl haben", sagt ein Rentner am Sonntag vor dem Supermarkt in Struth - jenem Stadtviertel von Zella-Mehlis, in dem Mary-Jane neben ihrem späteren Mörder aufwuchs.

Man könnte fast sagen, dass Mary-Jane und ihr Mörder Nachbarn waren. Denn es sind nur knapp 100 Meter von Haus zu Haus. Ein kleiner Fußweg führt von der Wohnung, in der Mary-Jane mit ihrer Mutter lebte, zu dem Haus, in dem die Siebenjährige schreckliche Stunden durchleben musste. Vor dem Eingang des Plattenbaus im thüringischen Zella-Mehlis stehen am Tag nach der Verhaftung von Tino L. zahlreiche Polizeiwagen. Ermittler sichern Spuren, durchsuchen die Wohnung des mutmaßlichen Kinderschänders. Vor Mary-Janes Haus ist es ruhiger. Kerzen, Briefe von Freunden und Bekannten sowie Bilder der Siebenjährigen erinnern dort an das zierliche Mädchen.

Mary-Jane, die heute 11. Juli acht Jahre alt geworden wäre, wird als zutrauliches Kind beschrieben. "Die ist mit jedem mitgegangen", sagt ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Das nutzte Tino L. offensichtlich kaltblütig aus. Er kannte das Mädchen und seine 28 Jahre alte Mutter, war sogar schon mehrmals in der Wohnung der Familie gewesen. Mutter und Tochter hätten ihn aber wohl nicht sonderlich gemocht, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Warum sie ihn dennoch in ihre Wohnung einließ, werden die Ermittlungen klären müsse.

Ihr gutmütiges und zutrauliches Wesen wurde Mary-Jane zum Verhängnis. Obwohl sie den Mann nicht gemocht hatte, folgte das kleine Mädchen ihm am 24. Juni nach dem Schulhort in seine Wohnung. Was dann geschah, darüber äußeren sich die Ermittler nur vage: Nach dem Missbrauch sei das Mädchen noch lebend mit ihm in den nahen Wald gegangen. Dort würgte Tino L. die Siebenjährige und legte sie dann in den Bach. "Das Kind ist ertrunken", sagt Ermittler Beez zwei Wochen später.

Die Nachricht vom Geständnis des Tino L. wirkt in Zella-Mehlis wie "eine Erlösung", sagte eine Nachbarin am Sonntag. Dennoch, überschwänglich ist trotz der Aufklärung des Verbrechens zwei Wochen nach der schrecklichen Tat niemand. "Einerseits beruhigt es, andererseits macht das die Kleine ja auch nicht wieder lebendig", sagte Andre Zeidler, Vater einer gleichaltrigen Tochter. Auch dass der Täter jahrelang unter ihnen lebte, mache die Sache nicht leichter, so der 40-Jährige: "Man kannte ihn ja, hat ihm sogar mal die Hand gegeben. Schrecklich ist das."

Ein zurückhaltender Typ

Den Täter, einen gelernten Fleischer aus dem südthüringischen Sonneberg, kannten sie im Mehliser Plattenbauviertel Struth fast alle. "Der ging meist am Vormittag in den Supermarkt und hat sich seine Bierchen geholt. Ein sehr zurückhaltender, unscheinbarer Typ war das", sagte Zeidler.

Wegen seiner ruhigen Art hatte Tino L. auch niemand im Viertel auf der Liste möglicher Täter gehabt. "Die Gerüchteküche brodelte ja gewaltig, aber der gehörte nicht dazu", sagte eine Angestellte des Supermarkts. Eine junge Mutter, die die Gerüchte um den möglichen Täter in den vergangenen zwei Wochen nicht mitverfolgt hatte, ist nun umso geschockter über die Identität des Täters. "Jetzt wo ich weiß, wer der ist, geht es mir kalt den Rücken runter. Der saß öfters am Spielplatz und hat unsere Kinder beobachtet", sagte die Frau.

"Das war mal so ein ruhiges Wohngebiet hier", sagt Nachbar Karl Nehring. "Aber damit ist es vorbei." Seit zwei Wochen belagern Fotografen und Kamerateams das Wohngebiet unweit des Thüringer Waldes. Wie fühlen Sie sich? "Wir sind sehr erleichtert, dass der Täter gefasst ist."

Seit dem Verbrechen lebten viele Menschen der Kleinstadt in Angst. Vor der Schiller-Schule stauten sich seit der Tat morgens die Autos besorgter Eltern, die ihre Kinder jetzt nicht mehr allein in die Schule laufen ließen.

In die Erleichterung mischen sich aber auch andere Gefühle. "Es ist schlimm, dass der von hier kommt", sagt Nehring, ohne aus seiner Wut ein Hehl zu machen. Seine Frau ergänzt: "Das war eigentlich ein ganz unauffälliger Typ."

Das sah offenbar nicht jeder der Nachbarn so: Zeugen haben Tino L. dabei gesehen, wie er von seinem Balkon aus heimlich spielende Kinder beobachtete. Der Mann sei ein Sonderling gewesen, erzählen andere.

Bürgermeister Kai-Uwe Panse zeigte sich indes erleichtert über den schnellen Fahndungserfolg der Beamten. "Ich bin sehr, sehr froh, dass die Tat aufgeklärt ist. Das bringt ein wenig Ruhe in die Stadt", sagte Panse. Er hoffe nun auf ein schnelles Verfahren und eine hohe Haftstrafe für den 37-Jährigen. "Der Mann hat große Schande über die Stadt gebracht. Hoffentlich wird er sehr lange weggesperrt und kommt nie wieder hier her", sagte Panse.

Den Umstand, dass der Täter nicht aus Zella-Mehlis stammt, sondern erst vor zwei Jahren aus dem südthüringischen Sonneberg in die Kleinstadt am Rennsteig gezogen war, will Panse als Chance auf eine Erholung der Kleinstadt gedeutet wissen. "Er stammte nicht aus unserer Mitte, das wird uns schon sehr helfen", sagt Panse. Gleichwohl ist auch er überzeugt, dass "das schreckliche Verbrechen an Mary-Jane noch sehr lange nachwirken" werde.

Auch Ermittler schockiert

Betroffen sind auch die Ermittler, die am Samstagnachmittag die Nachricht von der Aufklärung des Falls verkündeten. Sie standen noch voll unter dem Eindruck der vergangenen zwei Wochen mit der Suche nach dem Täter. "Sie sehen einen betroffenen, aber auch sehr erleichterten Beamten vor sich", eröffnete Kriminalhauptkommissar Andreas Beez mit stockender Stimme die Pressekonferenz. Zwei Wochen mit fast "24 Stunden Einsatz" lagen hinter den Fahndern. Spur 130 brachte die Ermittler schließlich zum Täter.