Zella-Mehlis

Spur 130 überführt den Mörder der kleinen Mary-Jane

Morgen wäre Mary-Jane acht Jahre alt geworden. Wenn sie nicht auf Tino L. getroffen wäre, einem Bekannten ihrer Mutter. Er galt als "unauffälliger Typ".

Ein Bekannter der Familie hat die siebenjährige Mary-Jane aus Zella-Mehlis sexuell missbraucht und getötet. DNA-Spuren überführten den gelernten Metzger Tino L., der zunächst ein falsches Alibi für die Tatzeit angab. „Ich kann Ihnen sagen, dass er in seiner Vernehmung ein Geständnis abgelegt hat“, sagte der sichtlich erleichterte Kriminalhauptkommissar Andreas Beez im thüringischen Suhl. „Die Sonderkommission „Mary“ hat das Verbrechen aufgeklärt.“ Das Motiv des Mannes sei allerdings noch nicht zweifelsfrei geklärt.

Tino L. ist 37 Jahre alt, unverheiratet und bisher nicht als Kinderschänder polizeilich bekannt. Medienberichte, wonach der Mann selbst Vater von zwei Kindern ist, bestätigten die Ermittler nicht – aus Datenschutzgründen, wie ein Sprecher des Thüringer Innenministeriums sagte. Gegen den Mann aus Zella-Mehlis ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs und Mordes ergangen.

„Es besteht mittlerweile Klarheit über das Schicksal der kleinen Mary-Jane“, sagte Ermittler Beez. Das Mädchen war am 24. Juni nach dem Schulhort nicht nach Hause gekommen. Tino L. habe das Kind, das er seit Monaten kannte und das ihm wohl vertraute, auf dem Nachhauseweg abgepasst, sagte Beez. Gemeinsam sollen sie in die Wohnung des Mannes gegangen sein. Keine 100 Meter weiter wartete die verzweifelte Mutter (28) stundenlang auf ihr Kind – vergebens.

Wanderer fanden das Kind

„Die Missbrauchhandlungen haben in der Wohnung stattgefunden“, sagte der Kriminalhauptkommissar. Anschließend sei die zierliche Schülerin dem 37-Jährigen in den nahen Wald gefolgt. „Danach wurde Gewalt gegen den Hals des Kindes ausgeübt.“ Tino L. würgte Mary-Jane nach Überzeugung der Ermittler bis zur Bewusstlosigkeit. Dann soll er sie in einem Bachlauf abgelegt haben, wo sie ertrank. Einen Tag später, am 25. Juni um 9.58 Uhr, meldeten sich Wanderer per Notruf – sie hatten das tote Kind am Fuße des Ruppbergs gefunden.

Eine Sonderkommission hatte seither fieberhaft nach dem mutmaßlichen Mörder der Erstklässlerin gesucht. Die Polizei war mit einer 50-köpfigen Sonderkommission mehr als 1000 Hinweisen und 700 Spuren nachgegangen, , schnell geriet auch Tino L. ins Visier der Fahnder. Zeugen war aufgefallen, dass er von seinem Balkon aus spielende Kinder beobachtet hatte. Die Beamten hätten sieben Tage die Woche teilweise bis zu 16 Stunden täglich gearbeitet. Zum Erfolg habe schließlich „Spur 130“ geführt.

Wie Beez sagte, wurde Tino L. daraufhin befragt. Er gab freiwillig eine DNA-Probe ab. „Wir konnten durch intensive Ermittlungen bis Mitte dieser Woche feststellen, dass das Alibi, was diese Person angegeben hat, offensichtlich nicht stimmt“, berichtete Beetz weiter.

Zugleich habe die Rechtsmedizin festgestellt, dass die an dem toten Kind gefundenen DNA-Spuren mit denen des 37-Jährigen übereinstimmten. Seit Donnerstagabend sei der Mann deshalb von Polizisten observiert worden. Als das zuständige Amtsgericht Meiningen am Freitag Haftbefehl erlassen habe, sei der Mann nach seiner Arbeit in einer Reinigungsfirma in Suhl verhaftet worden, erklärte der Ermittler. Der seit zwei Wochen vermisste rote Schulranzen von Mary-Jane wurde im Wohnhaus des 37-Jährigen gefunden.

Vorbestraft wegen Drogendelikten

Die Bekanntschaft des mutmaßlichen Täters mit der alleinlebenden Mutter habe seit „vielen Monaten“ bestanden. Zuletzt sei der 37-Jährige Ende 2010 in der Wohnung der Familie gewesen. Tino L. sei vorbestraft – allerdings nicht wegen Sexualverbrechen, sondern wegen Drogen- und Straßenverkehrsdelikten. Er war zur Tatzeit auf Bewährung.

In die Erleichterung der Nachbarn, dass der Täter gefasst wurde, mischen sich aber auch andere Gefühle. „Es ist schlimm, dass der von hier kommt“, sagt Nachbar Karl Nehring. Seine Frau ergänzt: „Das war eigentlich ein ganz unauffälliger Typ.“ Das sah offenbar nicht jeder der Nachbarn so: Zeugen haben Tino L. dabei gesehen, wie er von seinem Balkon aus heimlich spielende Kinder beobachtete. Der Mann sei ein Sonderling gewesen, erzählen andere.

Die Polizeiarbeit ist noch längst nicht abgeschlossen. „Wir haben vage Ansatzpunkte zum Motiv“, sagte die Leitende Oberstaatsanwältin Bettina Keil. Es werde wohl noch Wochen dauern, bis die Ermittlungen beendet seien und Anklage gegen Tino L. erhoben werden könne.

Nach Worten von Beez wurden 700 klassische Spuren an Leiche und Tatort gefunden, die noch nicht alle ausgewertet sind. 650 freiwillige DNA-Abnahmen bei Einwohnern der Kleinstadt seien gemacht worden. Zum Erfolg geführt habe schließlich „Spur 130“. Tino L. sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft, allerdings besonders gesichert, „damit dort nichts passiert“, sagte Keil.