Böhse-Onkelz-Sänger

"Ausländerfeindlich, brutal und gewalttätig"

Der Sänger der Böhsen Onkelz soll einen schweren Unfall auf einer A66 bei Frankfurt verursacht haben und danach geflüchtet sein. Zwei junge Männer wurden dabei schwer verletzt. Gegen Kevin Russell wird ermittelt. Der Crash im Drogenrausch würde gut zu seinem selbstzerstörerischen Leben passen.

Foto: Böhse Onkelz / Böhse Onkelz/www.boehseonkelz.de

Als die Böhsen Onkelz 2005 auf dem Lausitzring vor 100.000 Fans ihr Abschiedsfestival gaben, lagen 25 Jahre seit der Gründung hinter ihnen, sechs Millionen verkaufte Platten, fünf Nummer-eins-Platzierungen, ausverkaufte Tourneen und eine Zeit voller Widerstände, Höhen und Tiefen. Die Band war für Sänger Kevin Russell Halt und Rettung. Immer wieder holte sie ihn aus seinen Alkohol- und Drogen-Exzessen zurück. Sie war eine Familie für ihn.

Verlorene Kindheit

Russells leibliche Familie war an der Alkoholsucht seiner Mutter zerbrochen. Der Vater, ein aus England stammender Lufthansapilot, war nie zu Hause. Das Trauma sollte sich im Laufe des Lebens in unreflektierten Gewaltausbrüchen und Autoaggression ausdrücken.

1980 gründet Russell, nach Abbruch der Realschule und einem gescheitertem Versuch die Hauptschule zu beenden, zusammen mit drei Frankfurter Schulfreunden im Alter von 16 Jahren die Böhsen Onkelz als Punkband. Unbestritten ist, dass die Onkelz in ihrer Anfangsphase ausländerfeindlich sind. Ihr Repertoire umfasst Lieder wie "Türken raus", "Bullenschwein", "Hinein in das schäumende Bier". Es sind Lieder mit aggressiven, verzerrten Gitarren-Riffs, jeder Takt ein wütender Schlag. Russell schreit seine Texte und schmeißt mit übelsten Schimpfwörtern nur so um sich. Die Platte "Der nette Mann" landet auf dem Index.

Gerade Kevin Russell wird dadurch zum Idol der rechten Skinhead-Szene: Während seiner Lehrzeit zum Schiffsmechaniker trinkt er übermäßig, prügelt sich fast täglich – und er sagt und singt, was er denkt. Scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste. Schon vor den Onkelz-Auftritten skandieren die anwesenden Skinheads einstimmig mit zum Hitlergruß erhobenen Armen. In den späten 80er-Jahren distanzieren sich die Onkelz offiziell von der rechten Szene.

Die Homepage der Band beschreibt den Russell jener Lebensphase so : "Seinen Äußerungen und seinem Handeln mangelt es an jeglichem intellektuellem oder ideologischem Hintergrund. Ausländerfeindlich, brutal und gewalttätig ist er. Seine Zerstörungswut drückt sich in seinen Schlägereien und seinen Tattoos aus, die er sich selber sticht.“

Endlose Exzesse

Das Tätowieren macht Russell 1986 zu seinem Beruf, da die Böhsen Onkelz zu dieser Zeit noch keinen kommerziellen Erfolg haben. Seine Exzesse inspirieren die Musiker zu düsteren Songs wie "Leiden", "Nekrophil" und "Hast du Sehnsucht nach der Nadel". Bei einem Benefiz-Auftritt für ein SOS-Kinderdorf fällt Russell betrunken ins Schlagzeug und kann nicht mehr allein aufstehen.

1990 kommt es zu einem tragischen Ereignis, an dem Russell zerbrechen sollte: In einer Kneipe stirbt sein bester Freund Andreas „Trimmi“ Trimborn bei einer Messerstecherei. Er verblutet in Russells Armen. Der Täter wird später freigesprochen.

Daraufhin stürzt der Sänger völlig ab. Er wird abhängig von Heroin, kann nur noch unter äußerster Anstrengung Konzerte geben, fast jeden Tag trinkt er zwei Liter Jägermeister – und arbeitet zielstrebig an seiner eigenen Vernichtung. Die Band befindet sich in ihrer größten Krise, aber das Schicksal schweißt sie zusammen. 1994 macht Russel eine Entziehungskur und zieht zu Bandleader Stephan Weidner, bei dem er seine Sucht in den Griff bekommt.

In den Folgejahren haben die Onkelz viele Nummer-Eins-Hits, gewinnen den Musikpreis Echo und treten mit den Rolling Stones auf. Doch das Verhältnis der Medien zu der Band bleibt wegen der ausländerfeindlichen Vergangenheit zwiespältig, ihr Erfolg findet wenig Nachhall in der Öffentlichkeit. Doch den Onkelz ist das sowieso egal, wie sie mit ihrem Lied "Keine Amnestie für MTV“ beweisen, in dem sie eine Doppelmoral anprangern: "Ich bin nicht euer Opfer/Ich bin euer Feind/Und ich hasse eure doof-naive B-e-l-i-e-b-i-g-k-e-i-t."

Das Ende der Band

Die Trennung der Band 2005 kommt nicht überraschend. Auf ihrer Internetseite geben sie an: „Die Onkelz hatten nie die Ambition, als Rockeremiten mit ergrautem Haar auf dem Rockolymp anzukommen, sondern wenn mit vollem Elan und nicht schon auf dem absteigenden Ast sitzend.“

Russell verkraftet das Ende der Band nicht. Nach einem Drogenrückfall wird er an seinem Geburtstag bewusstlos in einem Hotelzimmer gefunden und in ein künstliches Koma versetzt.

Nach dem Autounfall am vergangenen Wochenende auf der A66, an dem Russell mutmaßlich beteiligt war, schlug ein Drogentest der Polizei positiv an. Wie bekannt wurde, hatte der ehemalige Onkelz-Sänger bereits vor zwei Jahren wegen Gefährdung des Straßenverkehrs seinen Führerschein verloren. Er hätte also gar nicht fahren dürfen.

Ein DNA-Test mit dem Fahrer-Airbag soll nun Klarheit bringen, ob Russell tatsächlich am Steuer saß. Die Auswertung werde voraussichtlich noch bis nächste Woche dauern, sagte ein Polizeisprecher. Bei einem positiven Befund müsste sich Russell wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis sowie Fahrerflucht und anderer Delikte verantworten. Das konnte ihm eine langjährige Haftstrafe drohen.