Gedenkfeiern

Wie Lady Di Großbritannien veränderte

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Thomas Kielinger

Foto: kd/rh ax sei / DPA

Vor zehn Jahren starb die Prinzessin von Wales. Mit ihrem Tod veränderte sie Großbritannien mehr als sie es im Leben je gekonnt hätte. Diana stand nicht so sehr „da oben" als „auf Augenhöhe". Sie, Tony Blair und Harry Potter veränderten das Britische Empire nachhaltig.

Drei Figuren haben die britische Geschichte des vergangenen Jahrzehnts geprägt – Tony Blair, Harry Potter, Diana Spencer. Sie stehen für drei „Ressorts“, die diese Gesellschaft in ihrem Kern beschreiben: das Politische, die literarische Fantasie, der Zeitgeist. Alle drei übten und üben sie Macht aus – Blair mit seinem lange Zeit unwiderstehlichen Talent, gewinnend zu argumentieren; Harry Potter mit der Kraft seiner Wertewelt; Diana als Projektionsfigur der stillen Wünsche und Sehnsüchte des „gemeinen Mannes“.

Unter den Dreien existierte nur der Politiker in voller Realität. Der Romanheld wirkte aus seiner Virtualität heraus. Und die Prinzessin von Wales, „the people’s princess“? Sie ist fiktiv und real zugleich, verstorben und doch lebendig, vor zehn Jahren von der Bühne gegangen und doch weiter im Mittelpunkt eines populären Drehbuches. Diana hat im Tod ihre Dienstbeschreibung gefunden hat, nach der sie im Leben rastlos suchte. Sie ist ein Referenzwert, nach dem die Briten ihren Fortschritt beschreiben, im Guten und Schlechten. Man spricht vom Großbritannien prä-Diana und post-Diana, sie bildet eine Zäsur in der Moderne, an der man sich reiben und aufrichten kann; vorbeigehen kann man an ihr nicht.

Als Elvis Presley im Juli 1977 starb, soll ein Direktor des amerikanischen Unterhaltungsimperiums RCA spontan ausgerufen haben: „Welch ein Karrieresprung!“ In der Tat kommt der Tod in Lebensläufen, denen nicht mehr zu helfen ist, oft einer Erlösung gleich. Er verwandelt, was vom Scheitern bedroht ist, in den Ruhm gemeißelter Legende. Diese altert nicht, vererbt sich von Generation zu Generation, ist der Abnutzung entzogen. Das gleicht durchaus einer Geschichtsmanipulation. Wer Diana war, kommt in der Ikone, die sie durch den Tod geworden ist, nicht mehr recht zum Vorschein. Eine Denkschule bekämpft die andere um die Deutungshoheit an Dianas Person. Manipulativ, doppelzüngig, neurotisch sagen die einen, herzlich, mitfühlend, menschlich die anderen.

Dieser Zank ist kaum zu schlichten; allein, dass er andauert, spricht für die Faszination der Person. Wesentlicher als ein „Endergebnis“ der biografischen Deutungen ist die Bestandsaufnahme im Hier und Heute – die Frage, was Diana Spencer, Spross einer der ältesten Adelsfamilien der Insel, in der Zeitgeschichte Britanniens bedeutet und woran man erkennen kann, ob sich mit der von ihr hinterlassenen Spur etwas geändert hat. Dies heute nachzufragen, an Dianas zehntem Todestag, verheißt lohnende Aufschlüsse.

Tina Brown gibt Antworten

Die klügste Antwort auf die Frage nach ihrem Erbe hat Tony Blair gegeben, wie wir Tina Browns jüngst erschienenem Buch

„Diana – Die Biografie“ entnehmen können. Auf die Frage, ob Diana einen neuen Weg gefunden habe, königlich zu sein, antwortete Blair dort: „Nein, Diana hat uns einen neuen Weg gewiesen, britisch zu sein.“ Dass der Gründervater von New Labour so denkt, ist nicht nur ein Ausdruck seines verständlichen Wunsches, Diana für sich und das neue Großbritannien zu reklamieren, welches er und seine Vertrauten zu gestalten versuchten. Diana gehört tatsächlich zu den Vorläufern des Zeitgeistes, der mit New Labour auf der Insel Einzug hielt, und dessen bunter Dekor noch immer zum Interieur dieser Gesellschaft gehört. Nonkonformistisch, dem Staub undurchdachter Formalitäten abhold, lebensoffen, Grenzen überschreitend – der Charakter der Prinzessin von Wales entsprach dem Aufbruch des britischen Lebensgefühls in der Mitte der 80er Jahre.

Es war zugleich der Aufbruch vom Klassenkult zum Starkult, „von der Aristokratie der Geburt zur Aristokratie der Enthüllung“, wie Tina Brown, die als Erste Witterung dieses Wandels aufgenommen hatte, bereits 1985 schrieb. Traditionalisten markieren mit diesem Paradigmenwechsel gerne einen Abstieg in die Verbilligung, in das Talmi der Celebrity-Kultur, und sie machen dafür hauptsächlich die Prinzessin von Wales verantwortlich, die Flügelschläge ihrer flockigen Facon.

Vergeudeter Streit. Unzweifelhaft steht Diana für „die Geburt der Moderne aus dem Geist der Celebrity“, und in diesem Kapitel der britischen Kulturgeschichte stecken wir seit 1997 noch immer.

Dabei sind Wellen der Verehrung strahlender Figuren der Gegenwart eigentlich nichts Neues. Hollywood hatte früh seinen Starkult entwickelt. Auch die junge Elizabeth II., 1952 auf den Thron nachgerückt, bezauberte die Zeitgenossen; später rückte Grace Kelly, die Herrin von Monaco, in die Sphäre der Anhimmelung auf, gefolgt von Jacqueline Bouvier, verheiratete Kennedy. John F. Kennedy stellte sich als frisch gewählter Präsident auf seinem ersten Staatsbesuch in Frankreich den Parisern mit folgenden Worten vor: „Ich bin der Ehemann von Jacqueline Kennedy.“ Das war mehr als ein Bonmot, vielmehr erwies der Präsident dem modernen Phänomen der globalen Celebrity die gebührende Reverenz.

Diana auf Augenhöhe

Diana aber war anders als diese Vorbilder, mit ihr wurden Hürden eingerissen, sie stand nicht so sehr „da oben“ als „auf Augenhöhe“. Sie berührte nicht nur Aids- und Lepra-Kranke, Landminen-Verwundete in Angola oder Bosnien und die Übersehenen der eigenen Gesellschaft, vor allem Kinder, denen sie viele ihrer karikativen Tätigkeiten widmete. Sie machte sich nahbar und verschmolz so mit einem Zeitgefühl, das sich aus der Tradition der Zurückhaltung zu befreien suchte. Das Verströmen der Gefühle in der Woche nach dem Unfalltod der Prinzessin wurde zur Demonstration dieser Symbiose, dieser neuen „emotional intelligence“, die Diana in ihrer kurzen Laufbahn führend vorgelebt hatte.

„Intelligence“? Das bestreiten viele. Sie beschreiben das „touchy-feely“ Königreich, in seiner Lass-dich-berühren-und-erlebe-Gefühle Stimmung, wie es sich seit 1997 darbietet, fast als Karikatur seiner selbst. Mehr als alle anderen Bereiche der Gesellschaft sind davon die Medien befallen, die aus menschlichen Geschichten Kreuzzüge der Sentimentalität zu machen verstehen. Da wird post-Diana Mitfühlen-können verabreicht wie eine „degradierte Form der Therapie-Kultur“ (David Beddiel); es fällt zunehmend schwer, sich der allgemeinen emotionalen Betroffenheit zu entziehen.

Jüngster Beleg dieser überstarken Emotionalisierung ist die Art und Weise, wie die Medien das Schicksal der McCann-Familie und ihrer im Mai in Portugal entführten vierjährigen Tochter Madeleine in immer neuen Anläufen auftischen. Auch der kürzliche Tod des elfjährigen Liverpooler Schülers Rhys Jones, Opfer des Bandenkrieges unter Jugendlichen seiner Nachbarschaft, wird unter den Tiefstrahlern der medialen Therapisten mehr und mehr zu einem Testfall für triefende, an Heuchelei grenzende Anteilnahme. Von Diana lernen heißt, Auflage machen, könnte man zynisch resümieren. Eine Tageszeitung wie der „Daily Express“ hat sich die Prinzessin von Wales auch zehn Jahre nach ihrem Tod zum Spezialthema erkoren, das sie noch heute mindesten zweimal in der Woche mit immer neuen „Enthüllungen“ auf der Titelseite abhandelt.

Von diesem Trend zur „Vermenschlichung“ – oft: Verbilligung – des Lebensgefühls ist auch die Monarchie nicht verschont geblieben. Zu ihrem Glück. Die älteste Institution des Landes erlebte dank der Prinzessin von Wales, der man auf dem Höhepunkt des Zerwürfnisses den Titel „Königliche Hoheit“ entzog, einen lange überfälligen Lernsprung. Wie Diana königliche Hoheit gegen die Hoheit des Menschlichen, Allzumenschlichen eintauschte, das war ein Fingerzeig, auf den die Modernisierungsstrategen im Buckingham Palast, die sich sprechend „The Way Forward Group“ nennen, ohne Nachhilfe nie gekommen wären.

Gewiss, die Monarchie hatte schon vor Diana erste Schritte der Öffnung vollzogen. Die Queen ließ es zu, als Steuerzahlerin veranlagt zu werden; sie öffnete die seit Jahrhunderten von ihren Vorgängern gesammelten Kunstschätze als „Royal Collection“ zu regelmäßigen Ausstellungen; das Fernsehen bekam immer häufiger Zutritt, und selbst die Dysfunktionalität, die sich in nicht endenden ehelichen Missgeschicken der erweiterten Windsor-Familie abspielte, war eine Öffnung, eine Augenöffnung: Die Windsors sind wie du und ich, gegen kein Scheitern menschlicher Beziehungen gefeit. Die Geschichte war längst über Walter Bagehot, den großen Verfassungstheoretiker des 19. Jahrhunderts, hinweg gegangen – er hatte gewarnt, „nicht das Tageslicht in die Magie des Königtums eindringen zu lassen.“ Es war eingedrungen, und wie, aber das Königtum stand noch, Bagehots Befürchtungen zum Trotz.

Die Stärkung Dianas

Doch es begann zu bröckeln. Der „touchy-feely“-Zeitgeist, so einzigartig verkörpert in der Lady Di, entfaltete seine korrosive Wirkung. Diana war aufgewachsen mit dem Gefühl des Ausgestoßenseins. Ihr Vater hatte sich bei ihrer Geburt enttäuscht gezeigt, weil er den gewünschten Erben nicht bekommen hatte. Das Gefühl der Inferiorität vertiefte sich, als ihre Mutter Frances, ihrem Liebhaber zuliebe Haus und Familie verließ, die beiden ältesten Mädchen mit sich nahm und Diana nebst ihrem damals dreijährigen Bruder Charles beim ungeliebten Vater zurück ließ.

Dass dieses liebebedürftige und der Liebe entzogene Wesen ausgerechnet an den Prinzen von Wales geriet, mit seinen ererbten Vorstellungen aristokratischer Lizenz, verdichtete die tragischen Schatten um Diana. Charles lebte getreu jener Tradition, wonach, wie Raymond Carr es beschrieb, „der Ehebruch zum Zeitvertreib der Aristokratie“ gehörte. Auf dem Höhepunkt des Rosenkriegs zwischen Diana und ihrem Ehemann verstieg sich dieser zu dem empörten Ausruf: „Du glaubst doch wohl nicht, dass ich der erste Prince of Wales der Geschichte bin, der keine Mätresse hatte“?

Anstößig daran war die Selbstverständlichkeit, mit welcher der Thronerbe seinen außerehelichen Anspruch reklamierte. Das

konnte Dianas Position als Opfer, als Underdog nur stärken, und von dieser Position aus begann sie, der Monarchie gleichsam Mores beizubringen. Bis in unsere Tage hinein hat Prinz Charles nicht begriffen, wie genau seine künftigen Untertanen ihre Loyalität zu parzellieren verstehen zwischen der ungebrochenen Zustimmung zum Königshaus und der zu Diana, seiner ersten Ehefrau. Es war der Wille des Volkes, in zahllosen Zuschriften und Veröffentlichungen dokumentiert, Camilla, die Herzogin von Cornwall, nicht bei der Gedenkfeier für Diana am heutigen Tag zu dulden. Die dritte in der Ehe der Prinzessin, durch deren Präsenz Diana an die Grenze ihrer Fassung getrieben wurde (und über diese hinaus), kann als Ehrengast nur deplaziert wirken bei einem Anlass, der die Lebensspur Dianas feiern will. So blieb der Mätresse von einst, der heutigen Ehefrau des Thronerben, zum Ausweg aus der Sackgasse, nur eines: der Rückzug.

Es las sich wie der Skript zu einem Nachfolgefilm zu „The Queen“. So wie Elizabeth II. im September 1997 lange Zeit über die Gefühlsaufwallungen der Menschen über den Tod Dianas ignorierte oder missverstand und sich in Distanz flüchtete, wo Nähe und Mitleiden können, gefragt gewesen wäre, so verriet Charles zehn Jahre später den gleichen Mangel an Einsicht in das Gesetz, dem er und die königliche Familie seit Diana unterliegen: Dass sie sich den Respekt des Volkes verdienen müssen, nicht mehr wie ein unantastbares Erbgut stillschweigend über ihn verfügen können.

Das Königshaus und die Celebrity-Kultur

Der Diana-Schock beschleunigte dieses Aufwachen. Es schlägt sich in zahlreichen Veränderungen nieder. So wurde der Kalender von Anlässen, bei denen die Queen als Gastgeberin fungiert, professionell erweitert um Treffen mit ausgewählten Gruppen der Gesellschaft – Frauen als Unternehmer etwa, ethnische Minderheiten, Tonangeber in den Medien, oder Amerikaner in Großbritannien. Und der Buckingham Palast wurde elektronisch umgerüstet für die Belange des Fernsehens.

Statt in Magie und Mystik, Bagehots Lieblinsformeln, sich zu kleiden, konkurriert das Königshaus heute mit der Ausstrahlung der Besten der Celebrity-Kultur – und kann sie allemal abhängen. Elizabeth II., das „royal girl“ par excellence, kann es mit allen „spice girls“ britischer Provenienz aufnehmen. Denn sie verfügt über einen konkurrenzlosen Fundus an Attraktivität, den Magneten Monarchie, in dem sich Antiquität, Dauer und die gewachsene Nahbarkeit des Personals zu neuer Beliebtheit treffen, unbeschadet eines Ausrutschers wie dem Fiasko über die Teilnahme Camillas bei der Diana-Gedenkfeier.

Wie tief das Königshaus in der Gesellschaft verankert ist, erwies sich bereits fünf Jahre nach dem Tod Dianas, beim Abschied

von der geliebten Queen Mum und den Feiern zum Goldenen Thronjubiläum der Königin. Die Briten sind in Verfassungsfragen stoisch, nicht nachtragend; das macht die Dauerhaftigkeit ihrer Institutionen aus. Erweist sich eine jahrtausendalte Einrichtung wie die Monarchie als reformfähig und emotional empfangsbereit, nimmt die Öffentlichkeit sie mit neuer Inbrunst bei sich auf.

So hat Diana, die Außenseiterin, mit der sich republikanische Gesinnung auf der Insel einzuschleichen schien, Überdruss an der Monarchie, dieser nur zu weiterer Stabilität verholfen. Aufstand und Adaption, Rebellion und die flexible Antwort darauf – das ist das Gesetz, auf dem britische Fortschrittsgeschichte beruht und den Bestand der Institutionen sichert. Innerhalb dieser Kontinuität gebührt Diana Spencer, der unvergessenen Lady Di, ein Ehrenplatz.