Speicheltest

Fünffacher Frauenmörder nach 42 Jahren gefasst

150 Männer mussten in Norddeutschland eine Speichelprobe abgeben. Das brachte die Polizei nach mehr als 40 Jahren auf die richtige Spur: Jetzt fasste sie einen 64 Jahre alten Mann. Er soll fünf Frauen aus sexuellen Motiven getötet haben.

Der mutmaßliche Mörder einer 18-Jährigen im Jahr 1984 in Schleswig-Holstein hat vier weitere Taten gestanden. Die vier Morde an jungen Frauen in Hamburg und Norderstedt zwischen 1969 und 1972 sollen ebenfalls auf das Konto des heute 64-jährigen Hans-Jürgen S. gehen. "Es ist in allen Fällen von sexuellen Motiven auszugehen", sagte Oberstaatsanwältin Birgit Heß. Der Mann aus dem Kreis Segeberg wurde im April festgenommen und gestand zunächst den Mord an der 18-jährigen Gabriele S. vor 27 Jahren. Eine neue Methode zur Untersuchung von DNA-Spuren hatte die Ermittler vorangebracht.

Mit damals 37 Jahren soll Hans-Jürgen S. die Schwesternschülerin 1984 in seinem Auto mitgenommen haben, als sie per Anhalter in eine Diskothek fahren wollte. Sie wurde vergewaltigt und mit ihrem eigenen Schal erdrosselt. Neun Tage später fanden zwei Schülerinnen die Leiche der jungen Schwesternschülerin in einer Fichtenschonung bei Bad Bramstedt.

In seinem Geständnis räumte der mutmaßliche Täter jedoch ein, weitere Morde begangen zu haben. Das überraschte selbst die Ermittler in Kiel. Die erste Tat will Hans-Jürgen S. bereits im Juni 1969 begangen haben. Damals lauerte er in Harksheide an einer Bushaltestelle der 22-jährigen Optikerin Jutta M. auf. Wenige Wochen später, im September 1969, nahm er die 16-jährige Näherin Renate B. aus Norderstedt in seinem Wagen mit. Sie hatte nach einem Discobesuch als Anhalterin eine Mitfahrgelegenheit gesucht - und geriet an ihren Mörder. Im Juli 1970 lauerte der Maurer in Hamburg einer kaufmännischen Angestellten auf, 1972 brachte er offenbar eine 15-Jährige aus Norderstedt um. Ihre Leiche wurde von einem Spaziergänger 1973 in Quickborn gefunden. Der Täter hatte den Unterkörper entblößt. "Die Jacke war um den Hals geschlungen und mit den Ärmeln zusammengeknotet", hieß es im damaligen Bericht der Sonderkommission.

Jahrzehntelang kamen die Ermittler dem jetzt geständigen Serientäter nicht auf die Spur. Er lebte unbehelligt als Familienvater. Er galt bei Nachbarn in Henstedt-Ulzburg als "still, ruhig und sehr unauffällig". Der bärtige Mann lebte mit seiner Mutter in einem kleinen Reihenhaus. S. ist seit längerer Zeit geschieden. 1984, als er Gabriele S. umbrachte, waren seine Töchter nur wenig jünger als sein Opfer. Der Maurer arbeitete zuletzt bei einer Hamburger Bausanierungsfirma, ist glühender Fan des Hamburger SV.

Laut Polizei gibt es derzeit keine Zweifel an den Angaben des mutmaßlichen Täters. Der Mann ging nach Angaben der Ermittler immer nach dem gleichen Muster vor. Zunächst habe er seine Opfer aus dem Auto heraus beobachtet und anschließend "überfallartig bei günstiger Gelegenheit" angegriffen. Auf die sexuellen Handlungen des Mannes wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht eingehen. Die Ermittlungen dauerten noch an, sagte Heß. Der 64-Jährige bestreitet, noch weitere Taten begangen zu haben.

Seit Herbst 2010 hatten mehr als 150 Männer ihre Speichelprobe abgegeben, nachdem Ermittler ein Profil des potenziellen Täters erstellt hatten. Eine der Proben brachte den entscheidenden Hinweis. Die Ermittler nahmen den 64-Jährigen in seiner Wohnung fest. Er gehörte wie die übrigen Männer bereits 1984 zum Kreis der von der Polizei überprüften möglichen Tatverdächtigen.