Liliane Bettencourt

Verliert die reichste Frau der Welt den Verstand?

Schecks, Gemälde, Versicherungen: Über 15 Jahre hat L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt einen Künstler immer wieder beschenkt. Fast eine Milliarde Euro bekam der Fotograf François-Marie Banier so zugesteckt. Jetzt lässt die Tochter der reichsten Frau der Welt prüfen, ob dabei alles mit rechten Dingen zuging.

Foto: AFP

Die Zahl einsamer Milliardärinnen, die seltsame Entscheidungen treffen, wächst. In Deutschland wundert man sich noch über den Fall der BMW-Erbin Susanne Klatten, die an der Wellness-Hotel-Bar einem Schweizer Gigolo verfiel. Dummerweise ging die reichste Frau Deutschlands einem Erpresser auf den Leim. Ehe sie sich’s versah, stand sie in einer schlecht beleuchteten Tiefgarage und musste ein paar Millionen überreichen.

Das sind allerdings Peanuts im Vergleich zu dem, was sich in Frankreich abspielt. Die reichste Dame der Welt, Liliane Bettencourt, Mitbesitzerin des Kosmetik-Konzerns L’Oréal, auf Platz 17 der Forbes-Liste und danach etwa 23 Milliarden Dollar schwer, hat in den letzten sieben Jahren die stattliche Summe von fast einer Milliarde Euro an einen jüngeren Mann ihres Vertrauens abgegeben. Die Tochter der 86-Jährigen, Françoise Bettencourt, lässt den Verbleib des Geldes nun gerichtlich untersuchen.

Aus den Untersuchungsakten geht hervor, dass Liliane Bettencourt seit 2001 serienweise Schenkungen an den Fotografen François-Marie Banier getätigt hat, mit dem sie seit Jahrzehnten befreundet ist. Insgesamt soll Banier Zuwendungen im Wert von 993 Millionen Euro erhalten haben. Der Fotograf kam in den Genuss von sieben Lebensversicherungsverträgen im Gesamtwert von 600 Millionen Euro und erhielt außerdem zwölf Kunstwerke großer Meister aus der Sammlung der Milliardärin, darunter ein Picasso.

Françoise Bettencourt vermutet, Banier habe die angeschlagene Gesundheit ihrer Mutter ausgenutzt, um sich zu bereichern. Die größten Schenkungen seien zwischen 2003 und 2006 erfolgt, auffälligerweise stets nach Krankenhausaufenthalten Liliane Bettencourts. Ihre Mutter sei womöglich nicht Herrin ihrer Sinne gewesen. Banier habe diesen „Zustand der Schwäche“ der alten Dame ausgebeutet, klagt ihre Tochter.

Die Affäre wird kompliziert durch einen seit Jahren schwelenden Familienkonflikt. Mutter und Tochter Bettencourt sprechen nicht mehr miteinander, sitzen jedoch gemeinsam im Aufsichtsrat des Kosmetikkonzerns, an dem Liliane Bettencourt 27,5 Prozent hält.

Ihr Vater Eugène Schueller hatte das Unternehmen einst gegründet. Eine amtsärztliche Untersuchung, die ihre geistigen Fähigkeiten überprüfen soll, hat die Milliardärin bislang abgelehnt. Sie fühle sich bei bester Gesundheit und könne sponsern, wen immer sie wolle, ließ sie wissen.

Liliane Bettencourt ist mit ihrer „Fondation Bettencourt Schueller“, einer Stiftung, die sie mit ihrem 2007 verstorbenen Gatten André gegründet hatte, seit Jahren eine der aktivsten Mäzeninnen in Frankreich. Die Unterstützung für François-Marie Banier sprengt jedoch den Rahmen des traditionellen Kultur-Sponsorings. Wie das französische Internet-Magazin „Bakchich“ enthüllte, brachten die Ermittlungen zu Tage, dass Banier ein Bankkonto in Liechtenstein unterhält und einige Immobilien in bester Pariser Lage besitzt.

Der 61 Jahre alte Banier ist in Pariser Prominentenkreisen kein Unbekannter und hat sich auch schon als Schriftsteller, Schauspieler und Maler versucht. Er war mit dem Schriftsteller Louis Aragon ebenso befreundet wie mit dem Modeschöpfer Pierre Cardin und der Schauspielerin Isabelle Adjani. Einen eigenen Namen hat er sich vor allem als Prominenten-Fotograf gemacht. Seine Bilder waren auf zahlreichen Ausstellungen zu sehen. 2006 erschein sein Bildband „Perdre la tête“ (zu Deutsch passenderweise: „den Kopf verlieren“) auch in Deutschland. Er hat die aktuelle Kampagne der Modemacherin Diane von Fürstenberg fotografiert. Ein bedürftiger Nachwuchskünstler ist Banier eher nicht.

Das französische Magazin „Le Point“ zitiert in seiner aktuellen Ausgabe zahlreiche Zeugen, welche die Darstellung von Françoise Bettencourt untermauern, Banier habe die alte Dame psychologisch unter „Druck“ gesetzt. Zum Zeitpunkt der Schenkungen sei sie aufgrund ihrer angeschlagenen Gesundheit „wahrscheinlich wehrlos“ gewesen, heißt es in dem Magazin. „Bakchich“ berichtet unterdessen, einige der Angestellten Bettencourts, die im Laufe des seit einem Jahr andauernden Ermittlungsverfahrens befragt wurden, seien inzwischen „zufälligerweise“ entlassen worden.

Sollte die Staatsanwaltschaft ein offizielles Verfahren einleiten, könnte Liliane Bettencourt gezwungen werden, sich von einem Amtsarzt untersuchen zu lassen. Noch vor wenigen Wochen gab die als medienscheu geltende Milliardärin der Zeitung „Le Figaro“ ein Interview, in dem sie einen recht luziden Eindruck hinterließ: „Wenn man viel bekommen hat, muss man es lieben zu geben. Ohne Hintergedanken, ohne Berechnung, ohne einen ‚return on investment’ zu erwarten“, sagte Liliane Bettencourt da. „Das Vermögen ist ein Glück. Man muss es nutzen, um anderen die Möglichkeit zu geben, etwas zu unternehmen.“ François-Marie Banier verfügt nun über recht großen unternehmerischen Spielraum.

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