Prozess in Erfurt

Ki.Ka-Herstellungsleiter gibt Millionenbetrug zu

Weil er seine Spielsucht befriedigen und beruflichen Frust abbauen musste, hat ein Herstellungsleiter den TV-Sender Ki.Ka um 4,6 Millionen Euro betrogen. Der 43 Jahre alte Top-Manager legte damit vor dem Landgericht Erfurt ein umfassendes Geständnis ab.

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An jeden Einzelfall könne er sich nicht mehr erinnern. Aber die Vorwürfe seien „vollumfänglich zutreffend“. Seit November 2005 hat der ehemalige Herstellungsleiter des Kinderkanals Ki.Ka in 48 Fällen 61 Rechnungen ausgestellt, am Ende sogar ohne Gegenleistungen. Um 4,6 Millionen Euro wurde der Sender dabei geschädigt. Mehr als die Hälfte des Geldes landete wieder beim Angeklagten. Damit habe er seine Spielsucht finanziert, um beruflichen Frust abzubauen. Am Ende der zum Prozessauftakt verlesenen Erklärung entschuldigt sich Marco K. für seine Taten. Er bedauere sein „Handeln zutiefst“.

Der Angeklagte beginnt 1991 als Produktionsassistent beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Zwei Jahre später wird er Produktionsleiter. Doch der Job gefällt ihm nicht. Er beginnt 1997 als Herstellungsleiter beim Kinderkanal von MDR und ZDF. In seiner Wahrnehmung muss er einen Sender aufbauen. 14-Stunden-Tage sind die Regel. Der Frust bleibt. Das Gefühl der Überforderung wächst.

Brutaler, unwürdiger Umgang beim Sender

K. verantwortet die betriebswirtschaftlichen Abläufe. Er kontrolliert das Gesamtbudget und Mitarbeiter. Einfluss auf das Programm habe er jedoch nicht gehabt. Die MDR-Vorschriften seien praxisfern und jeder Redaktionsleiter nur auf seinen Vorteil bedacht gewesen. Er habe Entscheidungen „budgettechnisch passend“ machen müssen. Der Umgang beim Kindersender sei „rücksichtlos, fast schon brutal und unwürdig“ gewesen. Seine Bedenken jedoch verhallten, wie er sagt. Vor Gericht räumt er ein, deutlich zu jung für den Posten gewesen zu sein. Eigentlich habe er den Sender verlassen wollen.

Der zweite Strang zum Unglück hat seinen Ursprung bei einer USA-Reise 1996. Er lernt Automatenspiele kennen. Sie lenken ihn fortan vom Arbeitsstress ab, sollen „die Frustration ausgleichen“. Anfangs gibt es am Sitz des Ki.Ka in Erfurt noch kein Kasino. K. fährt bis nach Berlin. In den schlimmsten Phasen ist er täglich in den Spielhallen. Seine Wochenende bekommen 12-Stunden-Tage. Einmal bringt er an einem Abend 40.000 Euro durch. Er habe sich Geld beschaffen müssen, sagte er. „Dann habe ich begonnen, Straftaten zu begehen“.

Doch die Automaten machen K. auch körperlich krank. Vom Flackern der bunten Geräte habe er epileptische Anfälle bekommen. Doch die Sucht ist stärker. Er lernt, einen kommenden Anfall zu fühlen. Dann schluckt er die verschriebenen Tabletten direkt im Kasino. Ende 2009 geht es einmal dennoch direkt aus der Spielhalle ins Klinikum.

Erst überhöhte Rechnungen – dann Scheinrechnungen

Eine Möglichkeit, an Geld zu kommen, bietet sich mit den finanziellen Schwierigkeiten einer inzwischen insolventen Berliner Produktionsfirma. Plötzlich habe diese weniger Aufträge erhalten. Der damalige Ki.Ka-Progammchef Frank Beckmann habe ihn aufgefordert, „die Einbußen sozialverträglich abzufedern“. Das sei ein üblicher Vorgang gewesen, sagt Marco K. Er habe dem Geschäftsführer der Produktionsfirma nahegelegt, höhere Rechnungen auszustellen. Später werden daraus Scheinrechnungen. K. kassiert von den Berlinern Beratungshonorar – erst per Überweisung, dann bar in DVD-Hüllen. Alles habe er ins Kasino getragen – nichts für sich behalten. Das Verhältnis zum Geschäftsführer, der sich irgendwann selbst anzeigte, wird freundschaftlich.

Daneben scheint die Senderpolitik günstig. Beckmann habe ihn ermuntert, das Budget auszureizen. Andernfalls wären die Gelder wohl zurückgeflossen und hätte womöglich im kommenden Haushalt gefehlt, sagt K. Er habe nicht geglaubt, Schaden anzurichten. Das Geld sei ja nicht gebraucht worden. Vor Gericht bezeichnet er diesen Gedankengang als „verhängnisvoll und falsch“. Die Ki.Ka-Mitarbeiter, die die Rechnungen teils gegenzeichnen mussten, seien nicht in der Lage gewesen, diese inhaltlich nachzuvollziehen. So nimmt der womöglich größte Betrugsfall im öffentlich-rechtlichen Fernsehen seinen Lauf.

Ein Teil der Taten ist verjährt

In einem internen Bericht beziffert der MDR den Schaden auf 8,2 Millionen Euro, die Rede ist von einem ausgeklügelten, kriminellen System. Der Sender zieht personelle und strukturelle Konsequenzen. Die Fälle vor November 2005 sind bereits verjährt, wie ein Sprecher der Erfurter Staatsanwaltschaft erklärt. Noch immer werde gegen zwölf Personen ermittelt. Mit der Rolle von Marco K. will sich das Gericht in vorerst vier Verhandlungstage beschäftigen. Doch gegen ihn gingen die Ermittlungen weiter.

Knapp eine halbe Stunde erklärt sich K. Er spricht ruhig, bittet um Entschuldigung, wenn er sich verliest. Im letzten Satz blickt er nach vorn. Er hoffe, nach Verbüßen seiner Strafe, im geliebten Berufsfeld noch eine kleine Chance zu bekommen.