Aus dem Zoo entkommen

New York hat eine twitternde Kobra mit 85.000 Fans

Eine im Bronx-Zoo in New York ausgebüxte Schlange twittert im Netz über ihre Flucht. Die Suche nach dem Tier könnte noch Wochen dauern, vermutet der Zoo.

Die Tierpfleger entdeckten das Malheur am Freitag vor einer Woche: Im Reptilienhaus des Zoos in der Bronx fehlte eine Schlange, ein bleistiftdünnes, 50 Zentimeter langes Tier, sandfarben mit dunklen Flecken, übrigens hochgiftig. (Die ägyptische Kobra ist das Vorbild für die legendäre Natter, die Kleopatra sich an den Hals legte, um ihr Leben zu beenden – wir alle erinnern uns doch an die Szene mit der großen Elizabeth Taylor, seligen Andenkens.)

Seither ist in New York die Kobra los. Die Stadt reagiert mit spontanen Ausbrüchen von Panik, ja offener Hysterie. In manchen Vierteln kam es zu spontanen Hamsterkäufen. In unserem israelischen Lieblingsrestaurant – wunderbarer Hummus – wagten die Gäste Mittwoch Abend nicht, beim Essen die Füße auf den Boden zu stellen, aus Angst, die Giftschlange könnte ihnen ins Hosenbein kriechen. Bürgermeister Bloomberg hat den Notstand ausgerufen.

Präsident Obama hat angekündigt, er wolle Truppen aus Libyen und Hubschrauberbesatzungen aus Japan abziehen lassen.

Nein, alles gar nicht wahr. Es stimmt allerdings, dass in New York die Kobra los ist. Und ein unbekannter Witzbold – oder handelt es sich gar um eine Witzboldin? – tweetet deshalb, was das Zeug hält. 85.000 Leute folgen mittlerweile diesen Twittereinträgen, wir haben es hier also mit einer sehr populären zwitschernden Kobra zu tun.

Die Schlange benimmt sich wie jede andere Touristin: Sie fährt mit dem Lift ganz oben rauf aufs Empire State Building („Die Menschen da unten sehen aus wie kleine Mäuse. Leckere kleine Mäuse“), aber sie sucht auch nach mythischen Orten („Kann mir mal jemand sagen, wo's hier zur Sesamstraße geht?“). Offenbar gehört zu den Leuten, die der Kobra auf Twitter folgen, auch ein Harry-Potter-Fan, der sie natürlich prompt gefragt hat, ob sie „Parseltongue“ spricht, die Schlangensprache der Zauberer. Antwort: „Ja, aber mit dem Dialekt der Bronx.“

Die Kobra hat auch schon an einer Tour auf den Spuren der Heldinnen von „Sex and the City“ teilgenommen und zwitschert vergnügt: „Ich bin ganzzz SSSamantha.“ Anderes hatten wir aber auch nicht von ihr erwartet, dieser Schlampe, äh, Schlange!

Das Problem der Kobra ist, dass in New York trotz häufigem Sonnenschein immer noch Eiseskälte herrscht. Das mögen Reptilien nicht, sie kriechen gern dorthin, wo es warm und gemütlich ist – und wie gesagt, das Tier ist dünn wie ein Bleistift.

Am Donnerstag, dürfen wir mit Erleichterung melden, hat die Kobra einen Rastplatz gefunden: „Die Stadt schläft vielleicht nicht, aber ich bin müde“, tweetete sie fünf Minuten nach Mitternacht. „Oooooh, ein Kamin! Ich wette, du hast bei deinen Freunden angegeben: ein echtes Kaminfeuer mitten in New York. Hallo, Mitbewohner.“

Am Morgen zeigt sich dann, dass die Kobra auch nur ein Mensch ist: „Trinke gerade meinen Morgenkaffee beim Mudtruck“, meldete sie von unterwegs. (Der „Mudtruck“ ist ein oranges Vehikel, das mitten im East Village parkt. Der Kaffee dort ist legendär.) „Sprecht mich nicht an, ehe ich meinen Morgenkaffee getrunken habe. Wirklich, lasst es sein. Ich bin giftig.“

Im Übrigen soll niemand behaupten, die Kobra verfüge über kein Gefühl gesellschaftlicher Verantwortung und denke nur an sich. „Donald Trump denkt daran, sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen zu lassen? Keine Sorge, das haben wir gleich. Wo genau ist noch mal Trump Tower?“

Liest man diese geistreichen Zwitschereien sozusagen am Stück, spürt man bald Zweifel in sich aufsteigen. Fragen stellen sich ein wie ungebetene Gäste: Mit welchem Körperteil tweetet die Kobra? Mit der Schwanzspitze? Mit ausgefahrenem Giftzahn?

Auf Anfrage der Nachrichtenagentur AP weigerte sich der Nutzer des Twitter-Accounts „“ zwar strikt, seine Identität preiszugeben. Er hatte aber immerhin dieses über seinen Abenteuerbericht zu sagen: „Ich wusste, es würde bei reptilischen Twitterern auf große Beliebtheit stoßen und auch bei Amphibien ganz gut ankommen. Erstaunt war ich aber über die riesige Resonanz bei den Säugetieren.“

Die Meldungen aus der realen Welt nehmen sich daneben beinahe langweilig aus. Die Mitarbeiter des Zoos in der Bronx suchen immer noch nach der Kobra. Es wird vermutet, dass sie sich irgendwo zwischen die Pumpen, Maschinen und Röhren des Reptilienhauses verkrümelt hat. „Im Augenblick ist die Schlange im Vorteil. In diesem Stadium ist es genau wie beim Fischen: Man hängt seinen Haken ins Wasser und wartet ab. Die beste Strategie, die wir haben können, ist Geduld, wir müssen der Schlange Zeit lassen, aus ihrem Versteck herauszukommen. Wir sind zuversichtlich, dass die Schlange im Reptilienhaus eingeschlossen ist.“

Leider können es Kobras bewegungslos tagelang ohne Essen aushalten. Bis zur Stunde haben weder Mäuse noch andere Leckerbissen die Giftschlange veranlasst, auch nur einen Mucks zu tun. Die Suche kann also noch Wochen dauern. Das Tweeten auch. Das Reptilienhaus in der Bronx, wir bitten um Ihr Verständnis, bleibt bis auf Weiteres geschlossen.