Apocalypse now

Moralischer Verfall als Vorbote des nahen Endes

Der Amerikaner Harold Camping predigt mit viel Erfolg den Weltuntergang am Samstag – doch ein Blick in die Bibel würde genügen, um die Apokalypse abzusagen.

Foto: AP / AP/DAPD

Es ist wieder mal so weit. Die Welt geht unter. Diesmal aber wirklich. Das sagen zumindest fundamentalistische Christen aus den USA . Am 21. Mai soll Jesus auf die Erde zurückkehren. Dann sollen die Ereignisse eintreffen, die in der Apokalypse des Johannes geschildert werden.

Düster sind die Visionen, die dort beschrieben werden. Vom Jüngsten Gericht ist dort die Rede. Von der Seligkeit der Gläubigen, die ein ewiges Leben im Himmel erwartet – und von der grausamen Strafe, die den Sündern droht.

Der bibelfeste Harold Camping aus Oakland in Kalifornien, ein Ingenieur im Ruhestand, der heute als Rundfunkprediger arbeitet, hat den Termin errechnet. Zahlen aus der Bibel haben ihn zu dem Ergebnis gebracht. Aber auch Naturkatastrophen wie die Erdbeben in Japan und Haiti. Zudem deutet er den moralischen Verfall als Vorboten des nahen Endes.

Die religiöse Gruppe, die hinter „Family Radio“ steckt , sorgt dafür, dass die Nachricht verbreitet wird. Im Radio bereiten sie auf das Ende vor, auf den Straßen versuchen sie, die Menschen dazu zu bewegen, doch noch zu einem gottgefälligen Leben umzukehren.

Rettung für 200 Millionen Auserwählte

Im ganzen Land haben Campings Anhänger Geld gesammelt, um in Leuchtreklamen ihre Nachbarn vor dem Jüngsten Gericht zu warnen. „Return of Christ. May 21, 2011“ heißt es da neben dem Bild einer Hand, die einen wichtigen Termin in einen Kalender einträgt. Immerhin 200 Millionen Menschen werden ihrer Ansicht nach gerettet werden.

Für Unruhe sorgt der Termin aber zurzeit vor allem bei Atheisten. Die Angst vor dem großen Ende macht sie nicht etwa gläubig. Nein, sie spotten auch noch über die Untergangsvision .

Zyniker tauschen sich schon darüber aus, dass sie nicht mehr ihre Steuerklärung fertig machen müssen. Für viele geht die Party erst richtig los. Für Samstag werden bereits Weltuntergangsfeten vorbereitet. Die Facebook-Seite, die zu apokalyptischen Plünderungen aufruft, hat schon 170.000 Mitglieder.

Doch nicht alle Menschen reagieren so gelassen auf derart düstere Prophezeiungen. Die Angst vor dem 11. Mai hat in Rom den Alltag weitgehend lahmgelegt.

Rom zitterte vor dem Erdbeben

Es war zwar nicht der Weltuntergang, den der italienische Naturkundler Raffaele Bendani bereits Mitte des 20. Jahrhunderts für den 11. Mai 2011 prophezeit hat, aber immerhin ein schweres Erdbeben. Bendani ist 1979 gestorben – seine Voraussage, bei der er sich auf astronomische Berechnungen berief und die in seinem Nachlass gefunden wurde, hat die Römer in Angst und Schrecken versetzt.

Die Stadtverwaltung sah sich veranlasst, die Bürger in einer großen Informationsoffensive auf den offiziellen Internetseiten zu beruhigen. Erdbeben ließen sich nicht voraussagen, hieß es. Es wurde sogar eine Hotline ins Rathaus eingerichtet. Tatsächlich blieben mehr als ein Fünftel der Römer am 11. Mai zu Hause. Die Büros und Fabrikhallen waren ebenso unterbesetzt wie die Klassenzimmer.

Am ängstlichsten waren Roms Chinesen: Neun von zehn Geschäften hatten geschlossen. Vielleicht waren sie auch deshalb so verunsichert, weil ausgerechnet für diesen Tag auch ein selbst ernannter Prophet aus Taiwan für sein Land ein schweres Erdbeben und einen zerstörerischen Tsunami angekündigt hat. Die Angst war so groß, dass der Innenminister persönlich die Bevölkerung vor den Verbreitern solch schlechter Nachrichten warnte.

Die Erdbeben blieben aus. Was bleibt, ist die Frage, warum sich aufgeklärte Bürger des 21. Jahrhunderts doch immer wieder von Visionen verunsichern lassen?

Selbstmorde aus Angst vor dem Untergang

Als sich im Mai 1910 der Halleysche Komet der Erde näherte, brach in Europa eine Massenhysterie aus. Die Gase in seinem Schweif, so glaubte man, würden der Menschheit den Tod bringen. Tausende rüsteten ihre Familien mit Gasmasken aus. Viele verschenkten ihren Besitz. Etliche nahmen sich aus Panik sogar das Leben. Beichtväter hatten Hochkonjunktur.

Aber auch in den Vergnügungsstätten, in den Tanzlokalen und Etablissements des Rotlichtmilieus, war so viel los wie nie. Der Schlager „Am 30. Mai ist Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang“ aus dem Jahr 1954 ist eine Parodie auf die wechselvollen Ereignisse vom Frühjahr 1910.

Die Anhänger des Maya-Kalenders, der das Ende für den 21. Dezember 2012 vorsieht, zählen auf Internetseiten schon die Sekunden, die noch bleiben. Die Berechnungen von Wissenschaftlern, wonach der Maya-Kalender anders datiert werden muss und nicht am 21. Dezember 2012 endet, sondern Jahrhunderte später, stört sie nicht.

Kennt Camping das Matthäus-Evangelium?

Auch die Anhänger von Harold Camping haben etwas übersehen. Dass ihr Lehrer glaubt, den Stichtag genau berechnet zu haben, müsste auf seine bibelfesten Fans eigentlich blasphemisch wirken.

Sie sollten den 89-Jährigen auf das Matthäus-Evangelium verweisen. Dort sagt Jesus in Kapitel 24 auf die Frage der Jünger, wann er denn ein weites Mal auf die Erde kommen würde. „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“

Harold Camping kennt ihn nicht. Davon geht die Welt nicht unter.