Eurovision Song Contest

Lenas neuer Song könnte ihr eine Blamage ersparen

Lena Meyer-Landrut singt beim Grand Prix "Taken by a stranger". Nach einer peinlichen Sendung macht zumindest der Song etwas Hoffnung.

Am Ende einer Show in der ARD, die einem so vorkam, als habe man sich aus Versehen in die Wiederholung der Wiederholung einer Wiederholung gezappt, am Ende dieses Murmeltiertags also stellte sich dann doch noch so etwas wie Erleichterung ein.

Es war das Finale für den Vorentscheid des Eurovision Song Contest (ESC), Lena Meyer-Landrut hatte noch einmal alle Lieder gesungen, die die Zuschauer der beiden Halbfinale-Veranstaltungen zuvor bei ProSieben per Telefon-Voting ausgewählt hatten.

Der Abend hatte sich zäh wie Kaugummi in die Länge gezogen. Täuschte der Eindruck, oder hatte man das alles schon gesehen? Eine Lena, die vor jedem Song hinter der Bühne verschwunden war, um in Kylie-Minogue-Manier die Outfits zu wechseln; einen Stefan Raab, der nach jedem Auftritt erst sich selbst und dann seiner Muse auf die Schulter klopfte; die Einspieler, in denen die Komponisten X und Y auf Knopfdruck Optimismus verbreiteten und erklärten, warum gerade ihr Song der Nation zu einem Revival des Wunders von Oslo verhelfen könnte; und schließlich wieder Lena, die erklärte, wie sie die Songs so lange geprobt hatte, bis sie zu ihr passten: „Boah, das isses.“

Und dann waren da noch die Moderatoren, Matthias Opdenhövel und Sabine Heinrich. Sie nutzten jede Gelegenheit, um abwechselnd Lena zu ihrem jüngsten Erfolg („Dein Album ist auf Platz eins“) und ihrem Mentor zu beglückwünschen: „Stefan hat das Album natürlich auch sehr sexy produziert.“

Nun ist Stefan Raab zwar nicht Kim Jong-il, auch wenn seine Kommentare über die Songs so ausfielen, wie man es schon von Ralph Siegel kannte: kim jong-ilesk. Und doch ertappte man sich bei dem Gedanken, dass eine Unterhaltungsshow im nordkoreanischen Staatsfernsehen wohl genauso aussehen muss: Das Volk hat die Wahl, aber eigentlich steht das Ergebnis schon fest.

Nur Barbara Schöneberger fiel aus dem totalitär anmutenden Rahmen. Ihre süffisanten Kommentare wären in der Heimat von Kim Jong-il wohl der Zensur zum Opfer gefallen. Über „What happened to me“, eine Raabsche Soulpop-Nummer, die weder störte, noch irgendwie auffiel, bemerkte sie: „Ich wollte sie erst gar nicht gut finden, aber das Publikum im Studio mag es, wahrscheinlich hat es Angst vor Stefan.“

Doch Tatort dieser zeitgemäßen Adaption der Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ war eben nicht Pjöngjang, sondern Köln. Und als Veranstalterin dieser mit Gebühren finanzierten Schnapsidee von Stefan Raab, die Siegerin des ESC von Oslo noch einmal ins Rennen zu schicken, firmierte die ARD.

Man hätte das beinahe vergessen, wenn die öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalt nicht die Musikchefs ihrer Radiosender als Pappkameraden in die erste Reihe platziert hätte. Sie durften dem neuen Dream-Team der Popmusik, Raab-Landrut, pflichtschuldig akklamieren.

Doch dann näherte sich das Finale des Finales: Zwei von sechs Songs hatten es in die Endrunde geschafft. Da war das Lied „Push forward“, eine Powerballade, der in der Version von Lena jede Power fehlte. Sie musste sich behaupten gegen „Taken by a stranger“, eine gespenstisch-schöne Elektropop-Nummer.

Ein Song, wie geschaffen für eine Sängerin, der im Finale gelegentlich die Luft wegblieb. Erstens erfordert sein Sprechgesang kein voluminöses Organ. Zweitens konterkariert er Lenas Image als chronisch aufgedrehte Göre.

Der Song weckt die Hoffnung, dass es hinter der Fassade auch anders aussehen könnte. Dass es noch Facetten ihrer Persönlichkeit gibt, die keiner kennt. Noch ist die 20-Jährige abonniert auf die Rolle der Newcomerin. Noch kreist der „Satellite“ um den Planeten Raab.

Es scheint, als werde Lena das jetzt erst bewusst, je näher der 14. Mai rückt - jener Tag, an dem sie Deutschland noch einmal beim ESC vertreten muss. Bisweilen wirkte sie gestern wie fremdgesteuert. Am Ende stimmten 79 Prozent der Zuschauer für den Song, von dem Stefan Raab geschwärmt hatte, es sei ein Krimi, „das moderne ,Peter und der Wolf’: „Taken by a stranger“. Eine gute Wahl.

Lena wird den ESC damit wohl kein zweites Mal gewinnen. Auf dem Weg an die Spitze der Charts hat sie viel von dem verloren, was sie so einzigartig machte: Ihre Unbekümmertheit. Ihre Frechheit. Und die Leckt-mich-Attitüde.

Doch dieser Song könnte ihr zumindest die Blamage ersparen, als Lachnummer von der Bühne treten zu müssen. Diese Hoffnung weckten jedenfalls Trailer zu den Beiträgen anderer ESC-Teilnehmer. Die ARD strahlte sie ganz am Ende aus. Es war der Moment, der die Zuschauer für die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung entschädigte.

Norwegen etwa startet mit einer albernen Ethnopop-Nummer - Titel: „Haba, Haba.“ Man sollte sich den Titel unbedingt merken. Wie hat es Stefan Raab formuliert? „Da könnt Ihr mal sehen, wie gut wir es haben.“