Weihnachtsmix

Transe trifft Gans – Kerkelings abstruse Festrevue

| Lesedauer: 5 Minuten
Sven Gantzkow

Hape Kerkeling lud zum Weihnachtsfest bei RTL. Und lieferte einen abstrusen Mix aus menschelnder Besinnlichkeit und witziger Kamikaze-Komik.

Gut, es ist nichts Neues, dass Herr Kerkeling eigentlich ein Romantiker ist. Man weiß um seine Vorliebe für Grand-Prix-Partys und seinen Hang zu altmodischem Showtreppen-Entertainment.

Eine Sendung allerdings, in der er ungestraft traditionelles Liedgut mit einem Kinderchor zum Besten gibt, in der er in Rudi-Carrell-Manier eine Tochter nach 40 Jahren mit ihrer Mutter wiedervereint und in der er in einem Einkaufszentrum ein christliches Singspiel aufführt, hätte man von ihm dann doch nicht erwartet.

Natürlich war das nicht alles, was sich Kerkeling und sein Team für das RTL-Special „Hapes zauberhafte Weihnachten“ ausgedacht haben. Wo es menschelt, muss es auch Misstöne geben – sonst weiß man die besinnlichen Momente am Ende gar nicht richtig zu schätzen.

Um dafür zu sorgen, dass sich der Kitsch im erträglichen Lot hält, hat Kerkeling seine Alter Egos. Die anmaßende Paartherapeutin Evje van Dampen beispielsweise, die bei ihren Klienten einfach für Probleme sorgt, sofern partout keine existieren sollten.

Oder Rico Mielke, der geifernde Stammtisch-Eiferer mit Hitler-Bärtchen und achtlos gebundenem Pferdeschwanz, der die Interessen des „kleinen Sparers“ vertritt. Seinen letzten großen Talkshow-Auftritt hatte Mielke 1998 als Berliner Kleingärtner, dem die Wildschweine die Beete zerwühlten.

Diesmal ging er mit einem Kölner Pfarrer in den Ring. Thema: Weihnachten muss weg. Ist doch sowieso alles nur Konsumterror und Zwangsmästung für die ohnehin viel zu fettleibigen Deutschen. Zu sehen, wie der ernsthafte, aber freundliche Gottesmann ob dieser bizarren Hasstiraden seines Gesprächspartners zunächst bass erstaunt resigniert, dann aber doch noch ein paar Sätze der Vernunft einbringen kann, ist auch so ein Verdienst von Kerkeling. Er zeigt damit: So verrückt, wie alle immer denken, sind die Menschen gar nicht. Man muss sie nur mit ein bisschen Maskerade dazu bringen, normal zu sein.

Oder noch besser: sie dafür belohnen, wenn sie es denn verdient haben. Mit sichtlicher Freude spielte Kerkeling den Weihnachtsmann, versorgte einen Marzahner Kinderfußballclub mit Bällen und Trikots oder die ehrenamtliche Leiterin einer Seniorengruppe mit Farbkopierer und Digitalkamera für eine Foto-AG.

Eine kleine Danksagung für Menschen, die helfen. Bei anderen Shows mit hohem Menschelfaktor steigt in diesen Momenten meist die Fremdscham. Kerkeling allerdings weiß, wann er sich zurückzuhalten hat. Er ist der letzte, der die Situation emotional ausweiden würde.

Als Konzept war das gewagter, als es klingen mag. Denn das gut gemeinte Wechselspiel zwischen ernsthafter Besinnlichkeit und hämischem Schabernack holperte etwas schwerfällig und ziellos vor sich hin, angefangen mit einer eher blassen Parodie auf Angela Merkels Weihnachtsansprachen.

Vor allem aber die Reanimation von Horst Schlämmer wirkte bemüht. Musikalisch sekundiert von Geiger-Galan David Garrett las er vor sich hin rotzend die Weihnachtsgeschichte vor. Vielleicht war Kerkeling klar, dass ein Nihilist und Egozentriker wie der Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts nicht unbedingt zum gefühligen Weihnachtsboten taugt.

Insofern war es konsequent, dass seine bekannteste Figur nach diesem kurzen Gastspiel auch nicht wieder auftauchte.

Zum roten Faden wurde stattdessen Uschi Blum, die Frau, die „in ihrem Leben schon auf so manche Herdplatte gegriffen hat“, wie Kerkeling sie ankündigte. Die barocke Schlagerleiche funktionierte gut, vor allem der gestellte Dreh eines Werbespots für Waldmeister-Shampoo, der an Uschis Stutenbissigkeit gegenüber den jungen Hintergrund-Models scheiterte, zeigte wieder, wie kongenial Kerkeling mit seinen Rollen verschmilzt.

Plötzlich sieht man nicht mehr den Entertainer im Kleid, sondern tatsächlich eine frustrierte Zimtzicke mit Größenwahn, deren letzte Zuflucht das Schlagerparadies Dormagen ist. Oder eine Berliner Transen-Bar, in der Uschi, ganz Vollweib, die Fummel tragenden Kerle als widernatürliche Spinner schmäht.

Genauso erstaunlich war Kerkelings Wandlung zu Dascha, einer russischen Kartenlegerin, die ihre Kunden, wenn sie mit den diffusen Weissagungen nicht zufrieden sind, einfach mal herzhaft anschreit – oder die Zukunft an den Füßen abliest. Doch auch, wenn diese Kamikaze-Aktionen größtenteils witzig waren, wollte der Gesamtfunke nicht so recht überspringen.

Zu erstaunt war man, wenn plötzlich Julia Leischik, die RTL-Kopfgeldjägerin („Vermisst“), im Publikum sitzt und Kerkeling das Aufeinandertreffen eines entfremdeten Mutter-Tochter-Paares zur sendereigenen Promotion nutzen muss.

Und zu gelangweilt, wenn Take That nichts anderes machen, als adrett, aber lustlos ihre neue Single zu präsentieren. Wenn man den auf Weihnachtsmann-Format auseinandergegangenen Robbie Williams schon mal im Studio hat, erwartet man von Kerkeling irgendwie mehr als eine bloße An- und Abmoderation.

Hier ein Star wie Udo Jürgens, dort eine rührende Randnotiz, „Stille Nacht“ im Swing-Gewand, darauf dann aber wieder Dolly Buster, die eine Gans durchs Studio scheucht: Der bunte Mix wirkte wie ein unmotivierter Flickenteppich – einzelne Elemente ansehnlich, insgesamt aber ohne bleibenden Gesamteindruck.