Südafrika

Frau in Flitterwochen ermordet – Mann beschuldigt

Die Schwedin Anni D. wurde während ihrer Flitterwochen in Südafrika entführt und getötet. Ihr Bräutigam überlebte. Er soll den Mord arrangiert haben.

Der Fall passte allzu gut ins Schema. Die meisten Statistiken zu Gewaltverbrechen in Südafrika sind zuletzt erheblich gesunken, doch noch immer werden im Durchschnitt täglich 46 Menschen ermordet und 38 Autos gewaltsam während der Fahrt entwendet, also hijacked. Kaum eine Gegend außerhalb von Kriegsgebieten wartet mit solchen Zahlen auf.

Und so schien der 13. November die Statistiker zu bestätigen: Die Schwedin Anni und der Engländer Shrien D. besuchten während ihrer Flitterwochen den Kapstädter Township Gugulethu, als ihr Auto von zwei bewaffneten Männern angehalten wurde. Bräutigam Shrien und der Fahrer wurden nach einigen Minuten freigelassen, Anni aber am nächsten Tag tot aufgefunden. Mit einer Schusswunde im Nacken, zwei Wochen nach ihrer prunkvollen Hochzeit. „Honeymoon Horror“, titelten Englands Boulevard-Blätter, auf Facebook traten 24.000 Menschen einer Seite zum Gedenken der attraktiven Frau bei. Jede Zeile ein kleiner Rückschlag für den boomenden Tourismus des Landes.

Die beiden Mordverdächtigen sind längst verhaftet, am Dienstag aber nahm der Fall eine spektakuläre Wende. Der ebenfalls verhaftete Fahrer Zola Tongo gestand vor dem Landgericht von Kapstadt, den Mord arrangiert zu haben – im Auftrag von Bräutigam Shrien D. „Die Vereinbarung war, dass nach der Entführung des Autos sowohl Shrien D. als auch ich unverletzt aus dem Auto geworfen werden“, hieß es in einem von seinem Anwalt verlesenen Statement. Die Frau „sollte entführt, ausgeraubt und schließlich ermordet werden.“ Der Witwer habe für den Mord 15.000 Rand (1634 Euro) bezahlt. Tongo selbst habe darüber hinaus für die Organisation 5000 Rand (544 Euro) versprochen bekommen, aber lediglich 1000 Rand (109 Euro) erhalten.

Über das Tatmotive gibt es bislang keinen Aufschluss

Shrien D. war vor drei Wochen zurück nach England gereist. Der 30-Jährige bestreitet die Vorwürfe, stellte sich aber noch am Dienstagabend umgehend der Polizei in seiner Heimatstadt Bristol, wo er auf Antrag der südafrikanischen Polizei festgenommen wurde. An seiner Stelle ließ der Geschäftsmann, der für seine Investitionen in Altenheime einst von der Queen geehrt wurde, den PR-Guru Max Clifford eine Stellungnahme abgeben: Sein Klient sei nach den Vorwürfen in Tränen ausgebrochen. „Er hat gesagt: Wie können sie mir das antun, nach allem, was ich durchstehen musste. Shrien ist aber fest entschlossen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.“ Seiner Darstellung zufolge habe der Fahrer gelogen, um als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft mit 18 Jahren eine kürzere Haftstrafe zu bekommen.

Über die Motive gibt es bislang tatsächlich wenig Aufschluss. Auf beiden Seiten: Wahrlich untypisch für ein normales Hijacking war, dass am Tag nach der Tat das Auto mit der Leiche gefunden wurde. Zudem ist die Frau nach bisherigen Verlautbarungen nicht vergewaltigt worden, ihre Entführung ergibt bislang wenig Sinn. Auf der anderen Seite hatte Shrien D. Medienberichte dementiert, nach denen seine Frau eine Lebensversicherung abgeschlossen habe und seine Firma mit umgerechnet rund acht Millionen Euro verschuldet sei.

Südafrika legt jetzt jedenfalls einen Eifer bei der Aufklärung des Verbrechens an den Tag, den man sich als Normalität wünsche würde. Mit 460.000 Besuchern pro Jahr ist England der wichtigste Tourismus-Markt für Südafrika. Doch das Foto von Anni D. geht derzeit um die Welt und schadet der während der Fußball-Weltmeisterschaft vor fünf Monaten gewonnenen Reputation eines attraktiven Reiseziels empfindlich. Sollte die Hauptverantwortung des Mordes bei einem Briten liegen, so die Hoffnung, könnte das den Schaden ein wenig reduzieren.

Helen Zille, die Premierministerin des Westkaps, forderte die umgehende Auslieferung des Witwers. „Wir müssen die Wahrheit wissen über diesen grausamen Mord.“ Diese Tat sei dem Anschein nach mit dem Missbrauch von Südafrika verbunden. Kapstadt, die Metropole der Provinz, ist besonders abhängig vom Tourismus, landesweit hängen direkt oder indirekt sieben Prozent aller Arbeitsplätze davon ab.

Südafrika befürchtet Image-Schaden

Und so äußerte sich auch der Gewerkschaftsverbund Cosatu zu den jüngsten Entwicklungen. „Der Mord scheint in Südafrika unter der Annahme geplant worden zu sein, dass Hijacking und Mord so üblich sind, dass sich ein arrangierter Mord mit der anschließenden Behauptung eines normalen Verbrechens leicht zu inszenieren ist“, hieß es in einer Mitteilung. Man hoffe, dass diese neue Entwicklung dabei helfe, die Reputation des Landes auf das Level während und nach der Fußball-Weltmeisterschaft zurückzuführen. Das Turnier war fraglos die teuerste Werbekampagne in der Geschichte des Landes, mit dem Ziel, die Besucherzahl von aktuell knapp zehn Millionen jährlich auf 14 Millionen bis zum Jahr 2014 zu steigern.

Nicht zuletzt in den Townships erhofft man sich einen Anteil an diesem Aufschwung. Township-Tourismus gibt es seit Jahrzehnten – 80 Prozent aller Tour-Veranstalter in Kapstadt bieten Touren in die Armenviertel an. Doch zunehmend gibt es dort sogar Gasthäuser. In Soweto, das in weiten Teilen längst nicht mehr dem Klischeebild der Armut entspricht, hat vor zwei Jahren ein Holiday-Inn-Hotel aufgemacht. Nicht weit vom Tatort entfernt ist ein bei Touristen populäres Restaurant, das sogar schon von dem britischen Promi-Koch Jamie Oliver in seiner Fernseh-Show vorgestellt wurde.

Vehement wehren sich die Bürger von Gugulethu gegen das entstandene Image eines lebensgefährlichen Ortes: „Ich habe viele Freunde und Touristen mit nach Gugulethu genommen, nie ist etwas passiert“, sagt der Mediengestalter Sizwe Mbebe, der in dem Township aufgewachsen ist und knapp zwei Jahre lang Fußballspiele zwischen ausländischen Besuchern und Township-Mannschaften organisiert hat. Während des Tages rate er weiterhin jedem einen Besuch, abends empfehle sich allerdings die Begleitung eines „Locals“, der mit Gugulethu vertraut sei: „Aber selbst ich laufe nicht nachts einfach so rum, das ist in vielen Gegenden der Welt nicht sicher.“

Für viele in Gugulethu steht die Schuld von Shrien D. bereits fest. Bisweilen wird auch von offizieller Seite dieser Eindruck geweckt. Die Frauenliga der Regierungspartei African National Congress (ANC) kommentierte mit „äußerster Betroffenheit“ die „Enthüllungen im Kapstädter Landgericht, denen zufolge Shrien D. den brutalen Mord an seiner Frau angezettelt hat“. Die Organisation gratulierte der Polizei für die „angemessene Vorgehensweise“ in dieser Angelegenheit.

Die Wahrheit aber wird die Gerichte wohl noch lange beschäftigen. Shrien D. hatte geschworen, nach dem Tod seiner Frau nie wieder nach Südafrika zurückzukehren. Nun muss er das vielleicht schon sehr bald.

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