Prozess

Der raffinierte Kniff des Kachelmann-Anwalts

Jörg Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn hat mit einem Kniff Details aus dem nichtöffentlichen Teil der Sitzung publik gemacht.

Man muss es Johann Schwenn lassen: Der Kniff, mit dem der Verteidiger von Jörg Kachelmann ein paar wirklich delikate Details aus der geschlossenen Verhandlung an die Öffentlichkeit zerrt, entbehrt nicht einer gewissen schlitzohrigen Eleganz.

Dem Publikum vor dem Mannheimer Landgericht wurde wie nebenbei kundgetan, was Günter Seidler, Psychiater und Therapeut des mutmaßlichen Opfers, dem Wettermann wohl unterstellte: nämlich, dass Kachelmann Mordabsichten gegen seine Ex-Geliebte gehegt haben soll, und das auch noch direkt nach Kachelmanns Freilassung aus der Untersuchungshaft.

Die Warnung sei ihm überdies direkt aus dem Karlsruher Oberlandesgericht übermittelt worden, das für die Freilassung sorgte. „Wir lassen jetzt den Kachelmann raus, bring deine Patientin in Sicherheit, es könnte sein, dass der die umbringt“, notierte Seidler die Nachricht offenbar in einer Akte, die er an die Mannheimer Staatsanwalt schickte.

Auch Seidlers eigenes Leben sei in Gefahr, heißt es darin laut Schwenn. „Ich bitte, meine Hilferufe ernst zu nehmen.“ Und skurrilerweise soll es gar der Vorsitzende des Strafsenats persönlich gewesen sein, der den Anwalt von Claudia D., Thomas Franz, warnte. Der habe Seidler alles auftragsgemäß weitergesagt. Franz hat das mittlerweile im Gespräch mit „stern.de“ dementiert. „Für eine solche Warnung bestand kein Anlass.“

Das Brisante: Der 59-jährige Seidler ist nicht nur hoch dotierter Wissenschaftler und Professor an der Heidelberger Universitätsklinik, sondern als Therapeut von Kachelmanns Ex-Geliebter auch ein sachverständiger Zeuge in der Verhandlung. Er behandelt Claudia D. seit Ende März, also nach der Festnahme Kachelmanns, regelmäßig.

Daher erarbeitete er im Auftrag der Staatsanwaltschaft eine Stellungnahme über die Verfassung seiner Patientin. Darin ließ Seidler nicht den Hauch eines Zweifels, dass die angebliche Vergewaltigung samt Messereinsatz genau so geschehen sei, wie die 37-jährige Radiofrau es schildert. Diese Stellungnahme soll mit entscheidend dafür gewesen sein, dass Kachelmann vier Monate lang nicht aus der Haft entlassen wurde.

Bei einer früheren Vernehmung – Seidler musste mittlerweile schon fünf Mal in Mannheim antreten – hatte der Therapeut sogar gesagt, er habe die Todesangst von Claudia D. „riechen können“. Und das, obwohl die Tat damals bereits über fünf Wochen zurücklag. Den Kern seines Gutachtens bildet die These, dass Claudia D. ein schweres Trauma erlitten habe, wodurch sich auch ihre auffälligen Erinnerungslücken erklärten. Ein anderer Gutachter der Anklage, der Berliner Psychiater Hans-Ludwig Kröber, hält die Seidler-Begutachtung für, vornehm formuliert, ausgesprochen fragwürdig.

Nun ist das, was Seidler über die Radiomoderatorin aus Schwetzingen oder über Jörg Kachelmann urteilte, natürlich nicht für die Ohren oder Augen der Allgemeinheit bestimmt.

Doch Verteidiger Johann Schwenn, der seinen Mandanten diskreditiert sah, hat das kurzum mit einem Trick geändert. Als er Anfang vergangener Woche an der Reihe war, um den sachverständigen Zeugen in nicht öffentlicher Sitzung zu befragen, stellte er kurzerhand einen Antrag: Zwölf seiner Fragen wolle er in Gegenwart der Öffentlichkeit stellen dürfen. Diese Fragen verlas der Hamburger dann auch prompt. Und dabei kam die Sache mit der Warnung aus Karlsruhe ans Tageslicht.

Auch soll Seidler, das lässt sich ebenfalls den Fragen von Schwenn entnehmen, eine Art Sit-in aller bekannten Ex-Partnerinnen von Kachelmann vorgeschlagen haben, auf dass man sich gemeinsam – in Gegenwart von Psychiater Seidler natürlich – über die erlittenen Erfahrungen und die „Multiplizität des Herrn Kachelmann“ austauschen könne. Das aber hält Johann Schwenn für eine Überschreitung von Seidlers Kompetenz.

Was der Psychiater, der gern im schwarzen Rollkragenpullover und schwarzer Hose vor Gericht auftritt, nun allerdings auf diese beiden heiklen Fragen antwortet, wird die Öffentlichkeit wieder nicht direkt zu hören bekommen. Das Gericht gab dem Antrag von Schwenn nämlich nicht nach und beharrte auf Ausschluss der Öffentlichkeit. Nur ein paar weniger prekäre Fragen müsse Seidler vor aller Augen und Ohren beantworten.

Ein wirklicher Rückschlag für die Verteidigung dürfte das allerdings nicht gewesen sein. Immerhin waren die Äußerungen des Heidelbergers fast einen ganzen Tag lang Gegenstand der Debatte vor Gericht. An dieser hatte sich übrigens sogar das Publikum beteiligt. Als das Gericht den Frageantrag Schwenns in großen Teilen zurückwies und die gespannte Menge wieder hinausschicken wollte, kam es in den hinteren Reihen zu lauten Buhrufen und Unmutsbekundungen.