"Maybrit Illner"

Der Euro als völlig verhunzter Sportwagen

Bei Maybrit Illner ging es um die angebliche Liebe der Deutschen zur D-Mark. BDI-Präsident Hans-Peter Keitel fand ein schönes, aber zerstörerisches Gleichnis.

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„Beim Geld hört die Freundschaft auf“, lautet eine Redensart, und eine andere: „Gebrannte Kinder scheuen das Feuer“. Und zusammen bieten die beiden Zitate aus dem Volksmund eine Erklärung dafür, warum sich Umfragen zufolge fast jeder zweite Bundesbürger die alte D-Mark zurückwünscht: Da ist zum einen die Wut über hohe Summen, die aktuell zur Rettung wirtschaftlich schwächelnder EU-Mitglieder wie Griechenland aufzubringen sind. Und zum anderen die deutsche Urangst vor einer schwachen Währung – gleich zweimal hatten die Deutschen im letzten Jahrhundert mit katastrophalen Inflationen zu kämpfen.

Angesichts dieser D-Mark-Nostalgie verband Maybrit Illner das Motto ihrer Talkrunde „Weiche Währung, harte Zeiten: Ist der Euro in Gefahr?“ mit der Frage, ob über eine Rückkehr zur alten Währung tatsächlich ernsthaft nachgedacht werden sollte.

Kopfschütteln beim Börsenmakler und Bankkaufmann Dirk Müller, Experten-Spitzname „Mister DAX“. Zwar sei die D-Mark mit guten Gefühlen behaftet, aber eine Wiedereinführung würde den Deutschen nicht nützen, im Gegenteil: „Unsere Währung würde sofort deutlich aufwerten, und unsere wichtigsten Exportpartner sind eben die, die jetzt im Euroraum sind. Der Großteil unserer Exporte bleibt in Europa. Und wenn die plötzlich nicht mehr bei uns einkaufen können, weil ihre Währung so schwach und unsere plötzlich wesentlich stärker ist, dann würden unsere Industrien massiv darunter leiden.“

BDI-Präsident Hans-Peter Keitel schloss sich dieser Einschätzung an. Er könne die Sehnsucht nach der D-Mark rein emotional verstehen, „aber damit hat sich’s dann auch! Ich glaube, meine Unternehmerkollegen, die würden überwiegend Herzrhythmusstörungen bekommen, wenn das ein ernsthaftes Thema wäre.“

Und nicht nur wirtschaftlich, auch weltpolitisch wäre der Schaden laut Keitel groß: „Wir würden auseinanderfallen in der Artikulation von Europa, wie wir uns weltweit darstellen. Unser Gewicht würde politisch, auch wirtschaftspolitisch automatisch in der Welt abnehmen.“ Auf internationalen Podien wie dem G20-Gipfel habe Europa nur dann eine Chance, wenn es mit einer Stimme spreche.

Auch Günter Verheugen (SPD), ehemaliger Vizepräsident der EU-Kommission, betonte: „Diese Gemeinschaftswährung war im Interesse aller. Und sie war auch ganz besonders im Interesse Deutschlands. Wir konnten das gar nicht mehr länger hinnehmen, dass mit den Wechselkursen politisch herumgespielt wurde, mit dem Ergebnis, dass es immer die deutsche Wirtschaft war, die darunter gelitten hat.“

Doch auch wenn die Gründe für die Einführung des Euros zwingend gewesen seien, gäbe es insbesondere in den letzten Jahren Defizite in der Koordinierung der europäischen Wirtschaftspolitik, die nun dringend behoben werden müssten.

Angesichts eines solchen Konsenses für eine gemeinschaftliche Währung hatte der vehemente Euro-Gegner Joachim Starbatty in der Talkrunde keinen leichten Stand. Manches Mal wurden die Äußerungen des Ökonoms, der gegen die Euro-Einführung und auch gegen den Milliardenkredit für die Griechenland-Hilfe vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt hatte, von den übrigen Diskutanten mit mildem Lächeln und Stirnrunzeln quittiert.

In seiner harschen Kritik der europäischen Finanzpolitik ließ sich Starbatty jedoch nicht beirren: „Wir haben in der Europäischen Union Feuer unterm Dach, und was wir machen: Wir werfen Papiergeld hinein und denken, es wird gelöst. Nein! Das Papiergeld verbrennt.“

In schwarzen Farben malte indes auch Müller die Zukunft der Gemeinschaftswährung, trotz seiner grundsätzlich positiven Haltung zum Euro: „Wir müssen uns darüber einig sein, dass ohne eine politische Union zumindest in diesen Finanzbereichen kein Euro langfristig möglich sein wird.“ Und auf absehbare Zeit sei nun einmal nicht mit Mehrheiten für eine weitreichendere politische Vereinigung Europas zu rechnen.

Ein weniger düsteres Bild fand Keitel, der den Euro mit einem fantastischen Auto verglich, das man vor zehn Jahren einer Fahrgemeinschaft zur Verfügung gestellt habe. Seitdem sei jeder so gefahren, wie er es für richtig gehalten habe – teils zu schnell, mit zu vielen Passagieren, ohne Wartung und Pflege. Nun stünden alle vor dem Auto und würden sich fragen, was bloß mit dem einst so schicken Fahrzeug passiert sei. Doch das Auto sei nicht schlecht – man sei nur falsch mit ihm umgegangen. Und nun dürfe es eben nicht bloß poliert werden, „sondern jetzt sollten bitte die Fahrer ein Stück zurücktreten, und die Fachleute daran lassen, die Mechaniker daran lassen, damit der Euro vernünftig repariert wird.“

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