Wirbel um Al Gore

"Geh runter von mir, du dicker Tölpel!"

Eine Masseurin aus Portland behauptet in eindeutigen Worten, von Al Gore sexuell belästigt worden zu sein. Die Polizei ermittelt.

Glaubt man der Aussage von Molly Hagerty (54), einer Masseurin, muss ihr Kunde Al Gore (62) als „Perverser und sexueller Triebtäter“ gelten. Sie beschuldigt den früheren US-Vizepräsidenten, ihr bei einem Massagetermin in einem Hotel in Portland (Oregon) im Oktober 2006, „unerwünschten sexuellen Kontakt“ aufgenötigt zu haben. Glaubt man Al Gore, ist Hagertys Beschuldigung „eindeutig und nachdrücklich falsch“.

Dies habe er, so eine Sprecherin, schon vor drei Jahren zu Protokoll gegeben. Dass Hagertys Geschichte nun in einem Boulevardmagazin erschien und eine Wiederaufnahme der polizeilichen Ermittlungen in Portland erzwang, sei durchaus im Sinne Gores. Er könne sich schließlich nicht um jede „verunglimpfende und irreführende Tabloid-Story kümmern“.

Laut einer 73 Seiten langen Aussage von Molly Hagerty, die am 23. Juni von der Polizei verhört wurde, hat Al Gore sie schon in der Tür mit einer Flasche Bier in der Hand und – „Nennen Sie mich Al!“ – einer überlangen Umarmung empfangen. Kurz darauf habe er sie aufs Bett geworfen, begrapscht und mit Küssen eingedeckt. Hagerty will Gore beschimpft und verspottet haben. „Gehen Sie runter von mir, Sie dicker Tölpel!“, habe sie gerufen, er soll aufhören, sich „wie ein verrückter Sexpudel“ zu verhalten. Es ist bisweilen schwer, in der Schilderung Molly Hagertys eine versuchte Vergewaltigung zu erkennen. Gores Wunsch, auch unterhalb der „sicheren, nicht sexuellen Zone des Unterleibs“ massiert zu werden, blieb mutmaßlich eben das: ein Wunsch.

Die unerwünschten Avancen sollen sich über zweieinhalb Stunden hingezogen haben und „gewalttätige Temperamentsausbrüche“ sowie „extrem diktatorisches Verhalten“ umfasst haben. Furcht vor Gores Sicherheitsbeamten, vor der späteren Rache eines einflussreichen Mannes und die Sorge um ihren guten professionellen Ruf in dem Hotel hätten sie abgehalten, aus dem Zimmer zu fliehen.

Es scheint, dass Hagerty nach ihrer ersten Aussage vor der Polizei 2006 keine Anzeige erstatten, sondern ihre Ehre zivilrechtlich, also mit fettem Schmerzensgeld wiederherstellen wollte. Daraus wurde nichts. Auch 2009, als sie bei der Polizei in Portland erschien, um erneut auszusagen, verlief die Sache im Sand. Die Ermittler sahen keinen ausreichenden Tatverdacht gegen Al Gore, um der Sache nachzugehen.

Diese Enttäuschungen haben Molly Hagerty bewogen, endlich Gerechtigkeit vor dem „Gericht der öffentlichen Meinung“ zu suchen. Dazu wählte sie Amerikas führendes Schand- und Schundmagazin „National Enquirer“, das allerdings ihre Forderung von einer Million Dollar Aufwandsentschädigung ablehnte. Dafür druckte der „Enquirer“ ein hübsches Foto von Molly, in der Hand angeblich ihre in Plastik eingeschweißte, von Gores Samen befleckte Unterhose, unter der Überschrift „Pervert and Sexual Predator“.

Die Unterhose tauchte bisher nicht in den Vernehmungen auf. Ebenso wenig Hagertys Aussage, ein Zeuge und ein „geheimes“ Überwachungsvideo des Hotels könnten ihre Angaben untermauern. Es scheint, dass diese Angaben ausreichten, um eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zu erwirken. Ob die Trennung von Al Gore und seiner Frau Tipper mit dem Fall in Zusammenhang stehen, ist übrigens unklar.

Was immer man von den meist unerquicklichen, häufig erfundenen Geschichten des „National Enquirer“ hält, das Magazin liegt oft nicht falsch. Es hatte seinen Anteil an der Enthüllung der Monica-Lewinsky-Affäre Bill Clintons, es meldete (korrekt), dass John Edwards, Vizepräsidentschaftskandidat 2004 und nobler Ehemann einer todkranken Frau, mit einer Geliebten ein Kind hatte.

Und schlussendlich machte der „Enquirer“ die erste Frau im Harem des Tiger Woods ausfindig. Die Qualitätsmedien in den USA nähern sich den Skandalen des Magazins widerstrebend und ignorieren sie, solange es geht. Auch die Beschuldigungen gegen den Friedensnobelpreisträger und prominentesten Klimaschutzadvokaten des Landes werden nur mit spitzen Fingern angefasst. Vielleicht auch, weil den Aussagen Molly Hagertys, die von sich selbst meist als „Oma“ (Grandma) spricht, unfreiwillige Komik eigen ist. Den fetten, schwer schnaufenden, um Liebe bittenden Gore will man, selbst wenn es ihn so nicht gab, seinen Lesern nicht antun. Erst recht nicht, wenn es ihn so gab.

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