Thomas Gottschalk

Verpatzte Verjüngungskur von "Wetten, dass..?"

So viele junge Gäste gab es bei "Wetten, dass..?" noch nie. Morgenpost Online hat beobachtet, ob Gottschalk damit Bohlens "Supertalent" ausstechen konnte.

Wenn es stimmt, dass die Röcke und Kleider in der Krise immer kürzer werden, dann hat „Wetten, dass ..?“ jetzt den Punkt erreicht, wo sich das ZDF überlegen sollte, ob es so wie bisher mit seiner Samstagabendshow weitergehen kann. Oder ob es nicht sinnvoller wäre, den Dampfer in Würde aus dem Verkehr zu ziehen, bevor er den nächsten Eisberg rammt und untergeht.

Zur 191. Ausgabe von „Wetten, dass ..?“ in der TUI-Arena in Hannover erschien Michelle Hunziker in einem Kleid, das kein Modedesigner mehr als „Kleines Schwarzes“ bezeichnen könnte, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, er neige zur Übertreibung. Dabei ist es erst ein Jahr her, dass die Mainzelmänner noch die verwegene Hoffnung hegten, es reiche vollkommen aus, Käpt’n Thommy eine ebenso liebreizende wie leichtbekleidete Assistentin auf die Brücke zu schicken, um den schlingernden Dampfer wieder auf Kurs zu bringen.

Die Rechnung ging nicht auf. „Wetten, dass ..?“ rutschte weiter unter die Zehn-Millionen-Marke. Zuschauer, die noch in der Lage waren, ohne fremde Hilfe auf die Fernbedienung zu drücken, zappten sich immer häufiger zum Ringelpietz mit Anfassen zu RTL herüber, wo Dieter Bohlen mit mehr Schwung deutlich jüngere „Supertalente“ castete.

Zum fünften Mal musste Thomas Gottschalk seinen Ruf als Quoten-Giganten gegen seinen Erzrivalen verteidigen: „Wetten, dass ..?“ gegen „Das Supertalent“.

Die Show: Und was macht das ZDF bei diesem Ernstfall im Kampf um den Zuschauer? Es steckte seine mehrsprachige, aber einsilbige Hoffnungsträgerin in ein zu heiß gewaschenes „Kleines Schwarzes“. Damit aber nicht genug. Der Sender stellte der Assistenten mit dem RTL-Gewächs Atze Schröder obendrein noch einen Co-Assistenten zur Seite, der viel redete. Leider meistens Blech.

Selbstreflexion ist nicht Atzes Stärke. Erst am Ende versöhnte er verstörte ZDF-Stammzuschauer mit einem Kniefall in Richtung Lerchenberg: „Während es bei RTL ausreicht, mit der rechten Titte ein Kantholz zu zerschlagen, (...) wird hier Kultur geboten“, lästerte er.

Die Gäste: Christian Wulff (CDU) war nicht da. Der Bundespräsident, von Gottschalk persönlich eingeladen, hatte ohne Angabe von Gründen abgesagt. Eine Blamage, die das ZDF ironisch zu überspielen versuchte, indem der Sender einen farblosen Namensvetter in die erste Reihe platzierte.

Wulff, bis vor kurzem noch Ministerpräsident von Niedersachsen, hat nicht viel verpasst. Auf der Wettcouch saßen zwar mit Hollywood-Schauspieler Denzel Washington ein Oscar-Preisträger und mit der 17-jährigen Schauspielerin und Sängerin Miley Cyrus eines der beliebtesten Teenie-Idole der Welt. Doch wie immer schauten die Stars auf ihrer PR-Tour nur kurz vorbei, um zu gucken, ob keiner guckt.

Und worüber hätte sich Wulff mit den anderen Gästen auch reden sollen? Ein Autogramm von Hannovers Hoffnungsträgerin Lena Meyer-Landrut dürfte er längst besitzen. Der Rummel um ihren Sieg beim Eurovision Song Contest scheint der 19-jährigen zu Kopfe gestiegen zu sein. Vor kurzem noch für ihre unverstellte Art gelobt, ließ sich Lena jetzt huldvoll dazu herab, ihr neues Tattoo zu präsentieren und die Nase über ihre wesentlich prominentere Kollegin Miley Cyrus zu rümpfen.

Und ob die Senkrechtstarterin gerade eine Schildkröte in dem Zeichentrickfilm „Sammys Abenteuer“ synchronisiert hat, ihr Kollege Matthias Schweighöfer schweigt oder in Hannover eine Amsel tot vom Dach fällt – das machte keinen Unterschied.

Zwar mussten die Wettpaten die Wettcouch in dieser Ausgabe zum ersten Mal vom Anfang bis zum Ende hüten. Eine geradezu revolutionäre Erneuerung in der beinahe 30-jährigen Geschichte von „Wetten, dass ..?“ . Pimp my smalltalk.

Doch ein anregendes Gespräch kam so nicht in Gang. Da half es auch nicht, dass das Durchschnittsalter der Gäste auf wundersame Weise von einer gefühlten Fuffzich auf 36,6 Jahre gesunken war.

Boxweltmeister Vitali Klitschko, weiß man jetzt immerhin, kann Gitarre spielen und seine Frau Natalia wunderbar singen. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Dieter Bohlen ihr Supertalent entdeckt.

Der Moderator: Hatte ihn das Duell mit RTL-Dieter vor Schreck gelähmt? Oder ist er es allmählich leid, dass ihm das ZDF lauter Assisstenten und Co-Assistenten zur Seite stellt und ihm so signalisiert: Thommy bringt es nicht mehr. Mit RTL-Dieter kann unser bester Mann nicht mehr mithalten?

Es war nicht sein Abend. Thomas Gottschalk lotste die Zuschauer nur mäßig motiviert durch das dreistündige Programm. Es gab mal eine Zeit, da konnte er Gedächtnisausfälle oder Ausrutscher auf dem Boulevard der Eitelkeiten mit jungenhaftem Charme kompensieren. Doch diesen Part übernimmt jetzt seine blonde Assistentin. So macht das ZDF sein eigenes Aushängeschild überflüssig. Thomas Gottschalk ist das Bauernopfer des absurden Quoten-Kriegs mit RTL. Er ist ein Sänger ohne Mikrophon, ein Reiter ohne Pferd, ein Wal ohne Wasser.

Was vielleicht erklärt, warum der 60-Jährige in der TUI-Arena müde und zerstreut wirkte. Warum er nur wenige Witze heraushaute, die es wert sind, zitiert zu werden. „Ist wie bei Raab“, entfuhr es ihm bei der Wette mit einer chinesischen Bankkassiererin, die im Rekordtempo Geldscheine abzählen konnte. „Dauert ewig. Aber die Leute gucken zu.“

Überraschungsfaktor? Nein, der ging nicht gegen Null. Zum Glück gab es ja noch die Wetten. Sie sind immer noch das Herzstück dieser Show, auch wenn das ZDF diese Tatsache im Lauf der Zeit immer weiter verdrängt zu haben scheint. Es war der Erfindungsreichtum der Kandidaten, der „Wetten dass ..?“ erfolgreich gemacht hat. Der Wettkampfgeist.

Zwischen den ermüdenden Gesprächen auf der Couch flackerte er jetzt wieder auf. Da war ein Rentner, der es nicht ganz schaffte, tausend Kerzen in zwei Minuten auszupusten und trotzdem Wettkönig wurde; ein Kakteen-Sammler, der seine stacheligen Mitbewohner zweifelsfrei mit der Zunge identifizierte; ein Reisebusfahrer, dem das Kunststück gelang, sein 18 Tonnen schweres Gefährt drei Minuten lang auf einer Wippe auszubalancieren; und da war Stefan, der seinen ferngesteuerten Mini-Buggy schneller über einen Cross-Parcours steuerte als ein Profi auf dem BMX-Rad. Wie der Buggy eine Naselänge vor dem Radfahrer ins Ziel hüpfte, das war einer der Höhepunkte dieser Sendung.

Unterhaltungsfaktor: Ein Riss teilt die Nation in zwei Hälften. Wer mit dem Privatfernsehen groß geworden ist, wer sich von einer Samstagabendshow Spannung und große Emotionen verspricht, der ertappte sich bei der 191. Ausgabe von „Wetten, dass ..?“ dabei, dass er spätestens um 20.26 Uhr aus- oder umschalten wollte. „Wetten, dass ..?“ anno 2010, das ist Unterhaltung aus der Steinzeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Eine Spielshow, künstlich aufgeblasen zur VIP-Party.

Dieser Party hat nur deshalb noch keiner das Licht ausgeknipst, weil immer noch genügend Zuschauer vor dem Fernseher sitzen, für die „Wetten, dass..?“ kein TV-Event ist sondern ein liebgewonnenes Ritual wie der Badetag oder der Kirchgang ist.

Wer auf der Couch sitzt, ist diesen Zuschauern im Grunde genommen egal. Hauptsache, es flimmert.

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