Twilight & Co.

Was es mit Vampir-Mythen wirklich auf sich hat

Blutsauger haben Konjunktur, vor allem seit Stephenie Meyers Biss-Saga "Twilight" erschien - und auch noch mit Mädchenschwarm Robert Pattinson verfilmt wurde. Über historische Vampir-Mythen, aktuelle Subkulturen und die Erotik der Blutsauger sprach Morgenpost Online in Berlin mit dem Kriminalbiologen, Vampirforscher und Kolumnisten Mark Benecke.

Morgenpost Online: Nachtgestalten wie Vampire deutet die Psychoanalyse als Geschöpfe, die der Fantasie furchtsamer Geister entspringen. Vampire zeugen danach von einer beängstigenden Realität, die schwer verarbeitet wird. Sind Sie mit solchen Deutungen einverstanden?

Mark Benecke: Aber voll! Normalos lachen ja nur über Gestalten der Nacht. Nur die Furchtsamen, Gequälten, Missbrauchten und eben darum so anderen erlauben den eigentlich rein geistigen Dämonen, in ihre Wirklichkeit einzudringen. Manche Menschen integrieren das Düstere in ihr Leben und machen was Spannendes daraus, andere werden verschlungen. Generell reichen die Motive des Vampirismus in die tiefsten Regionen des Menschseins: Ewige Liebe, ewige Verbundenheit, ewiger Hass, ewiges Leben...

Morgenpost Online: In der Literatur und im Film - gerade wieder im jüngsten Teil der Twilight-Verfilmung zu erleben - spielt die Erotik des Vampirs eine große Rolle. Der Blutsauger ist sexy, doch seine Liebe gefährlich. Ist das nur ein Relikt prüderer Zeiten und Kulturen? Oder ist die gefährliche Liebe Teil der anhaltenden Faszination?

Benecke: Liebe ist das absolute und zentrale Motiv im Vampirismus. Dass bei Twilight -- immerhin von einer Mormonin geschrieben: Kein Wunder, dass die Jugendlichen erst nach der Hochzeit Sex haben dürfen! -- und auch beim viktorianischen Dracula der Sex etwas Drängendes, weil Unterdrücktes ist, finde ich recht...sagen wir mal...spannungsgeladen und angemessen.

Morgenpost Online: Wann und warum entstanden die Vampir-Mythen gerade im Südosten Europas?

Benecke: Die Sache mit Südosteuropa kommt nur daher, dass die Österreicher im 18. Jahrhundert Ausgrabungen in Serbien erlaubt haben, bei denen dann “tatsächlich” die Toten angeblich unverwest waren. Allerdings waren das normale Leichen-Erscheinungen, das heißt, das wundersam flüssige Blut war einfach Fäulnisflüssigkeit. Leichen haben eh nicht wie geschlachtete Tiere stockendes Blut im Körper, sondern ein flüssiges Gemisch, das durch Hämoglobin und farbige Bakterien oft rotbraun ist. Auch, dass die Leichen damals “vollgefressen” waren, hat nichts mit Nahrungsaufnahme zu tun, sondern damit, dass Leichengase sie aufblähten. Da die Story mit den Enterdigungen aber offiziell wurde und auch vom berühmten Theologen Augustin Calmet und an der Uni Leipzig 1732 aufgegriffen wurde, verbreitete sich der Glaube an unzersetzte Vampire für uns aus Südost-Europa her. Eigentlich glaubt man aber weltweit an Untote.

Morgenpost Online: Wie erklären die Naturwissenschaften das Entstehen von Vampirmythen?

Benecke: Der Glaube an Untote und Nachzehrer, die ihr Leichenhemd im Grab fressen, schmatzen und sonstigen Quatsch machen, hat viele Ursachen. Erstens die normalen Fäulnis-Erscheinungen, wenn beispielsweise bei der Totenwache der Leiche mit Lösung der Leichenstarre der Unterkiefer herab fällt und das eine Art “Schmatzen” erzeugt. Wenn dann noch rote Bakterien oder durch Fäulnisgas ausgetriebene rote Flüssigkeit dazu kommen und das Käuzchen draußen “schuhu” ruft, ist natürlich alles aus. Das passiert überall auf der Welt. Sehr häufig übersehen wird, dass die Sorte Untote, zu denen Vampire gehören, nicht immer böse sind, sondern aus Liebe zu ihrer Familie zurück wollen. Sie sind zur Unzeit gestorben und können nicht aus dem Grab. Diese Untoten holen die Familie nur zu sich ins Grab, weil sie sie so sehr vermissen. Das ist in Hollywood-Filmen natürlich anders, man kann ja nicht unter der Erde neunzig Minuten spannend gestalten.

Morgenpost Online: Sind die Vampire auch deshalb ins Legenden-Leben gerufen worden, weil man Schuldige brauchte, die für Schicksalsschläge Einzelner oder ganzer Dorfgemeinschaften nach ihrem Tod durch (Pfählen, Verbrennen) etc. büßen mussten?

Benecke: Das höre ich oft und es könnte auch gut sein, wenn beispielsweise Infektionskrankheiten plötzlich ausbrechen. Man will dann etwas tun und die Maßnahmen - beispielsweise gegen kürzlich nicht genügend Verstorbene - wirken ja auch scheinbar: Die Grippe-Welle hört irgendwann eh auf. Ist eigentlich dasselbe wie Homöopathie oder über tote Katzen springen: Das “hilft” auch insofern, als dass erstens keine Gifte verwendet werden und zweitens sehr viele Krankheiten ohnehin von selbst verschwinden. Das könnte auch den Knoblauch erklären - der ist ja in der Tat ein bisschen gesund.

Morgenpost Online: Woher stammt eigentlich der Aberglaube, dass das Trinken von Blut Energie spendet?

Benecke: Vom flüssigen Blut in den Leichen und der Gasblähung. Ist auch nachvollziehbar: Jemand wird schlank beerdigt; holt man ihn eine Woche später aus dem Grab, ist er fett und aus dem Mund läuft Blut. Dass die Vampire in der ländlichen Überlieferung gar nicht zum Blutsaufen aus dem Grab können, wurde erst durch Bram Stoker, den Autor des Romans ”Dracula”, 1897 gelöst: Seit Stoker können die Vampire den Sargdeckel, meist in Gruften, öffnen und mit ihrem echten Körper herumstreunern. Die Sache mit der Energie-Armut wird ebenfalls erst mit Stoker und Hollywood richtig wichtig ? da ist der Graf aus sehr nachvollziehbaren Gründen depressiv, also energiearm. So erklärt sich übrigens auch das Interesse an Vampiren von Gothics, die ja öfters niedergedrückt und schlapp sind. In Südost-Europa sind Vampire (dort: Strigoi und Moroi) nicht gerade matt, sondern hatten schon zu Lebzeiten einen “bösen Blick”! Es könnten also abgesehen von Einbildung alle möglichen seelischen Veränderungen als Vorlage gedient haben, beispielsweise Schizophrenie, Borderline oder Ähnliches, die Menschen phasenweise sehr unleidlich und sonderlich machen.

Morgenpost Online: Zu den großen Vampir-Legenden gehört die um Peter Plogojewitz aus Kisolova, die im neuen Krimi von Fred Vargas “Der verbotene Ort” eine zentrale Rolle spielt. In diesem serbischen Dorf starben im 18. Jahrhundert mehrere Personen aus ungeklärter Ursache -- alle hatten auf dem Totenbett behauptet, der verstorbene Plogojewitz habe sie im Schlaf gewürgt. Kam mit diesem Fall der Begriff Vampir nach Deutschland?

Benecke: Ja, auch. Im Buch von Calmet, das auf Deutsch in der vernüftigen Ausgabe 1752 erschien, ist auch dieser Fall beschrieben. Wichtig war aber auch, dass es deutsch sprechende Österreicher waren, die damals im gruseligen Dorf stationiert waren, und die daher einen deutsch sprechenden Hofarzt (aus Wien) und ihren örtlichen Feldscher (Soldaten-Arzt, -Zahnreisser, -Friseur und -pfleger) hinzuzogen. So konnte sich das Ganze hierzulande erstens rein sprachlich und zweitens auch scheinbar von Autoritäten bestätigt verbreiten.

Morgenpost Online: Die real existierende Subkultur, der Vampir-Lebensstil, speziell in Deutschland und den USA, ist Thema Ihres neuen Buches “Vampire unter uns”. Sie unterscheiden darin zwischen Vampiren und Vampyren.

Benecke: Anders als die Vampire, also die erfundenen Gestalten, sind Vampyre Menschen, die denken, sie besäßen nächtliche Eigenschaften. Einige wenige sind der Überzeugung, dass sie nach dem Awakening, also dem Erkennen, dass sie Vampyre sind, keine normalen Menschen mehr sind, eine andere DNA haben usw...

Morgenpost Online: Wo verläuft für Sie in der Subkultur die Grenze zwischen modischer Attitüde, die sich in Kleidung und falschen Zähnen äußert, und psychischer Störung?

Benecke: Solange jemand mit einer Fantasie- oder Meinungs-Welt, die durchaus sehr stark den Alltag prägen kann, happy ist: alles im Lack. Erst, wenn jemand traurig ist, leidet oder nicht mehr arbeiten oder kreativ sein kann, fangen Probleme an.

Morgenpost Online: Wie beeinflussen die Twilight-Filme die Vampir-Subkultur?

Benecke: Derzeit kaum, das wird sich aber in ein paar Jahren, wenn die Kids merken, warum sie die Filme so anziehend fanden, ändern. Ich stimme mit Anne Rice überein: Come out, come out, whereever you are!

Morgenpost Online: Wie groß sind die Vampyr-Subkulturen?

Benecke: Die Szene ist so extrem aufgesplittert, dass ich nicht weiß, wo die Grenzen gezogen werden sollen. Sanguinarier, die unbedingt Blut trinken müssen, weil sie sich sonst schlecht fühlen, gibt es weltweit. Wir reden aber nur von symbolischen Mengen Blut und von freiwilligen Donoren mit Kanülen, nicht von Überfällen und Bissen in den Hals, keine Angst. Bei der jüngsten Umfrage haben sich ein paar tausend von ihnen (glaubhaft) gemeldet...

Morgenpost Online: Eine persönliche Frage: Wie kommt es, dass ein Kriminalbiologe zugleich Vampirforscher ist?

Benecke: Zur Subkultur bin ich durch meine Nachbarin in New York, wo ich Ende der Neunziger gelebt habe, gekommen. Sie war die Gründerin des ältesten Vampirclubs der Welt. Jeanne war und ist Spezialistin für Dracula-Kram sowie für ein verkitschtes 1960er-Jahre-Bild von Transsylvanien. Also machte ich mich im Meatpacking District, dem ehemaligen Schlachthaus-Viertel, auf die Suche nach den Parties, in denen sich der Vampirismus als Stil oder Lebensüberzeugung krachend und im Jetzt ausgeformt hatte.

Morgenpost Online: Und was erwartet Neumitglieder in der Transsylvanian Society of Dracula, der Sie vorstehen?

Benecke: Das ist eine Gruppe von Käuzen, die sich über alles unterhält, was in irgendeiner Form mit Vampiren, alten Schlössern oder Transsylvanien zu tun hat: Beispielsweise über Kino und Vampir-Bücher, aber auch Geschichte, Geografie, Grusel-Musik, messbare Vorgänge in ängstlichen Gehirnen, Vampirfledermäuse, Pfählungstechniken, die psychologische Kriegsführung von Vlad III. oder Kriminalbiologie, hier also Fäulnisvorgänge bei Leichen. Ist also für jeden was dabei.

Mark Benecke: Vampire unter uns!, Edition Roter Drache, 12,90 Euro; mehr Infos unter: www.benecke.com