Schnee-Chaos

Wenn der ICE nach Berlin liegen bleibt

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Krex

Morgenpost-Online-Reporter Alexander Krex wollte nur per Zug von München zurück nach Berlin. Doch durch den Wintereinbruch wurde es eine abenteuerliche Bahnfahrt, Übernachtung inklusive. Immerhin gab der Zugchef irgendwann das Weizenbier frei.

Als ein Fahrgast in sein Handy spricht, er habe ein ungutes Gefühl, wisse nicht, ob er heute noch ankomme, schütteln die Menschen ringsum die Köpfe. Es ist 20.30 Uhr, der ICE 1602 von München nach Dresden steht irgendwo auf freier Strecke. Der letzte Halt war Erlangen, Verspätung dort: 52 Minuten. Grund: eine eingefrorene Weiche. Alkoholfreie Getränke werden nun kostenlos ausgeschenkt. Es schneit noch immer stark.

Der nächste Halt ist Naumburg an der Saale, der ICE kommt hier außerplanmäßig zum Stehen. Wann es weiter geht, wisse die Zugbegleiterin nicht. Sie händigt die ersten Taxigutscheine aus. Das Gesicht der Frau ist ob der verfahrenen Situation beinahe so rot wie ihr Halstuch.

Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig steht ein zweiter ICE. Eine Durchsage empfiehlt Fahrgästen nach Berlin, den Zug schon jetzt zu wechseln. Die Passagiere im ICE 1504 lachen, als die Berlin-Fahrer einsteigen. „Glauben Sie, hier haben Sie mehr Glück?“, werden die Neuankömmlinge im Speisewagen gefragt. Es ist 22.20 Uhr.

Das Mikrofon knackt, dann eine Durchsage: „Befindet sich ein Feinelektriker an Bord? Es wäre schön, wenn der zum Bord-Bistro in Wagen 26 kommen könnte.“ Die Fahrgäste johlen. Der Zugchef schickt erklärend hinterher: „Wenn die Elektrik wieder funktioniert, können wir was warmen Essen servieren.“

Der erste Herr, der durch die Glastür tritt, trägt Anzug, er sieht nicht aus wie ein Elektriker. Ist er auch nicht, er will ein Bier. Es gibt nur noch Weizenbier, und das müsse anders als die Apfelschorle auch bezahlt werden. Der Mann nimmt trotzdem ein Weizen.

Kurz darauf sind gleich drei Elektriker da, ein junger Mann im Rollkragenpullover und Jeans kniet vor einer geöffneten Klappe. Er studiert die vielen grauen Kabel hinter der Kunstholzverkleidung. Dem Mann stehen zwei ältere Kollegen beratend zur Seite. Der rettende Handgriff gelingt trotzdem nicht. Das heißt, kein Tee, kein Kaffee, keine warmen Speisen. Dafür gibt der Zugchef jetzt auch das Weizenbier gratis frei. Leider ist es aus.

Die Reisenden im Bistro kommen sich näher. Manche in Bierseeligkeit, andere im philosophischen Gespräch. An einem Tisch geht es um Heidegger, Cassirer und Kants Großmutter. Die Abstinenzler teilen sich Äpfel und Schneidewerkzeug. Einigen reichen Kuchen und Salzstangen der Bahn nicht. Kurz vor Mitternacht machen sie sich auf zum Bierholen. Dazu müssen sie durch die Bahnhofshalle, in der noch Licht brennt, und die Straße überqueren. Zurück kommen sie mit so vielen Flaschen, wie sie tragen können.

Immer noch Naumburg. „Wir kennen uns ja nun schon langsam“, sagt der Zugchef via Lautsprecher. Er ist Hamburger, hört sich an wie Helmut Schmidt. „Wenn Sie einen Fremden sehen, schlagen Sie Alarm. Es wurde bereits ein Fahrgast bestohlen.“ Die Bundespolizei sei schon verständigt. Obdachlose seien durch den Zug gelaufen und hätten Schlafende bestohlen, weiß ein Fahrgast.

0.29 wird das Licht gedimmt. „Keine Angst, mit dem Zug ist alles in Ordnung. Das machen wir nur, damit Sie besser schlafen können“, so die Durchsage. Im Übrigen sei das Deutsche Rote Kreuz mit Tee, heißer Suppe und Broten unterwegs. Der zweite Teil der Durchsage freut besonders die Fahrgäste, die aus dem Zug gen Dresden umgesiedelt wurden. Dort ist die Heizung ausgefallen. Verfroren, in dicken Winterjacken entern sie den ICE Richtung Berlin.

Der Tee des DRK ist da, Wintermischung heißt die Sorte. Die Spargelsuppe kommt erst gegen 3 Uhr. Aus Thermosbehältern wird sie in Plastikschüsseln verteilt. „Fertigsuppe, aber schön heiß“, lautet das Urteil. Einzelne Suppenverächter sind zu Jägermeister übergegangen, die Kneipe gegenüber dem Bahnhof hat offensichtlich keine Sperrstunde.

Das Naumburger Bahnhofsgebäude ist mintgrün und beige, das erkennt man trotz des heftigen Schneetreibens. Als sich der Bahnhof um 4.16 Uhr langsam aus dem Blickfeld entfernt, ist es fast ein wenig unwirklich. Nächster Halt Halle, nicht mehr Leipzig. Die S-Bahnen dorthin würden aber schon wieder fahren, heißt es.

Die Hauptstadt rückt näher, die allermeisten schlafen. Den letzten Halt vor Berlin führt der Zugchef auf eine „kleine Weichenstörung“ zurück. Dann, 7.13 Uhr, erreicht der ICE den Bahnhof Südkreuz, Verspätung: 10 Stunden, 18 Minuten. Über die 18 Minuten, die man nun noch auf die S-Bahn wartet, regt sich an diesem Morgen keiner der ICE-Reisenden mehr auf.

Die Bahn ruft Reisende dazu auf, sich rechtzeitig zu informieren. Dies sei entweder im Internet möglich oder über die kostenlose Hotline 08000 / 996633 .

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