Vergewaltigungsvorwürfe

Wikileaks-Gründer wird vom Jäger zum Gejagten

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Clemens Bomsdorf
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Haftbefehl gegen Wikileaks-Gründer

Wikileaks-Gründer Assange soll wegen Vergewaltigungsvorwürfen verhaftet werden.

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Schweden hat gegen Wikileaks-Gründer Julian Assange einen Haftbefehl wegen Vergewaltigung erlassen. Nun wird nach ihm international gefahndet.

Für seine Fans ist Julian Assange, Begründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, eine Art Robin Hood, ein Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit. Für seine Gegner, wie etwa die US-Regierung, ist er ein Publicity-süchtiger Krimineller. Letztere dürften sich nun bestätigt fühlen. Denn seit Donnerstag wird Assange wegen mutmaßlicher Vergewaltigung mit internationalem Haftbefehl gesucht. Eine schwedische Staatsanwältin möchte ihn so zum Verhör holen. In einer von Wikileaks veröffentlichten Mail teilte dessen Anwalt, Björn Hurtig, mit, dass er ohne Ergebnis der Staatsanwaltschaft mehrfach ein Gespräch mit Assange angeboten habe und dieser sich nicht auf der Flucht vor der schwedischen Justiz befinde.

Ein wenig auf der Flucht ist Julian Assange allerdings immer. Der gebürtige Australier reist seit geraumer Zeit von Land zu Land und taucht immer wieder unvermutet auf und unter. Angeblich hat er Angst vor dem amerikanischen Geheimdienst. Doch ein offiziell Gesuchter war er bisher nicht. Das hat sich jetzt geändert.

Ursprünglich war Assange im Sommer nach Schweden gekommen, um für Wikileaks zu kämpfen und nicht, um sich als Privatmann zu verteidigen. Seine im Jahr 2006 mit Freunden gegründete Plattform hatte sich da bereits einen Namen gemacht als Website für Top-Secret-Dokumente wie etwa zum Krieg in Afghanistan oder den Verstrickungen isländischer Banken in den Finanzcrash. Im August hatte er dann im Hauptsitz des mächtigen Gewerkschaftsbundes LO in Stockholm auf einer Konferenz mit dem Titel „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ gesprochen – ein typischer Assange-Auftritt, auf dem er erzählen konnte, wie Wikileaks zum Ärger der Mächtigen Geheimdienstdokumente publik macht. Am Tag drauf hatte er sich in Stockholm mit Rick Falkenvinge, dem Chef der schwedischen Piratenpartei, getroffen. Die beiden verkündeten, dass die Piratenpartei – Verfechter des anonymen Surfens im Internet und der Informationsfreiheit – fortan in Schweden Internetserver von Wikileaks betreiben werde. Mit dem Schutz einer politischen Partei könne man Zensurmaßnahmen noch besser vorbeugen. Assange plante wohl schon damals, etwas länger in Schweden zu bleiben, wo er gute Kontakte hat und auch auf den strengen Quellenschutz der schwedischen Gesetze setzte.

Doch aus dem entspannten Aufenthalt wurde ein Horrortrip. Denn Assange hatte junge Schwedinnen kennen gelernt und mit ihnen Sex gehabt. Mindestens in einem Fall soll es nicht freiwillig gewesen sein, weshalb Assange Vergewaltigung vorgeworfen wird. Außerdem soll er sich wegen sexueller Belästigung und Nötigung schuldig gemacht haben. Details zu den Vorwürfen wurden nicht bekannt gegeben. Seitdem drohen Vorwürfe gegen den Privatmann auf Wikileaks negativ abzufärben. Die isländische Politikerin Birgitta Jónsdóttir, die sich für Wikileaks stark gemacht hatte, forderte, dass sich Assange zurückzieht. Darüber hinaus wird Assange viel Zeit auf seine Verteidigung verwenden müssen, Zeit, die er lieber benutzen würde, um für seine Mission zu kämpfen.

Als er Ende Oktober in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CNN auf die Vergewaltigungsvorwürfe angesprochen wurde, erklärte er, solche Fragen zu seinem Privatleben nicht beantworten zu wollen und verließ, als die Journalistin weiter nachhakte, das Studio. Angefeuert durch die Vergewaltigungsvorwürfe wuchs aber auch die Kritik an Assanges Führungsstil in den eigenen Reihen. Sein deutscher Partner Daniel Schmitt (eigentlich Domscheit-Berg) wurde von Assange im September rausgeworfen, nachdem dieser ihn aufgefordert hatte die Wikileaks-Führung ruhen zu lassen, solange die Vorwürfe nicht geklärt seien. Auch der isländische Wikileaks-Aktivist Herbert Snorrason kritisierte daraufhin Assange, woraufhin dieser antwortete: „Ich bin Herz und Seele dieser Organisation. Wenn du ein Problem mit mir hast, dann verpiss dich.“

Doch trotz dieser Querelen gehört Assange zu den vom „Time Magazine“ nominierten 20 wichtigsten Personen des Jahres und rangiert bei der Online-Abstimmung des Magazins derzeit auf Platz drei – hinter dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und der amerikanischen Sängerin Lady Gaga.

Er selbst bestritt stets die Vorwürfe und nährte stattdessen Verschwörungstheorien: „Ich weiß nicht, was dahinter steht. Aber wir sind davor gewarnt worden, dass beispielsweise das Pentagon plant, gemeine Tricks anzuwenden, um uns zu zerstören“, sagte Assange der schwedischen Zeitung „Aftonbladet“. Er sei vor Sexfallen gewarnt worden. Dazu schien zu passen, dass sein Antrag auf Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung in Schweden im Oktober abgelehnt worden war – ohne Angabe von Gründen.

Assange hat daraufhin Anfang November angekündigt, eventuell in der Schweiz Asyl zu beantragen und dorthin auch Wikileaks zu verlegen. Neben der Schweiz wäre Island eine Alternative. Aber auch Großbritannien, wo sich der Australier sechs Monate ohne Visum aufhalten könnte, wäre ein möglicher Unterschlupf für ihn. Doch nun dürfte es aufgrund des internationalen Haftbefehls mit der Reisefreiheit Assanges ohnehin erst mal vorbei sein.