Brasilien

Schwere Feuergefechte in Slums von Rio de Janeiro

| Lesedauer: 4 Minuten

Soldaten und mutmaßliche Drogendealer liefern sich in Rio de Janeiro heftige Schusswechsel. Ein als Kriminellen-Hochburg berüchtigtes Viertel steht vor der Erstürmung.

In einem von Sicherheitskräften umstellten Armenviertel in Rio de Janeiro ist es am Samstag zu schweren Schusswechseln gekommen. Mutmaßliche Drogendealer schossen auf einen Hubschrauber, der die Favelas des Complexo de Alemão überflog. Daraufhin feuerten Polizisten zurück, und es entzündete sich eine Schießerei. In dem Viertel halten sich mehr als 200 Drogendealer verschanzt, seit Elitetruppen der Militärpolizei die benachbarte Favela Vila Cruzeiro am Donnerstag mit Unterstützung von Hubschraubern und Panzern gestürmt hatten.

Mehrere hundert Polizisten blockieren seit Freitag zusammen mit schwer bewaffneten Fallschirmjägern und Panzern den Complexo de Alemão, der als einer der gefährlichsten Slums von Rio gilt, und zu dem 15 Favelas mit insgesamt 400.000 Menschen gehören. In der Nacht zu Samstag lieferten sich Polizisten und Soldaten teilweise Feuergefechte mit schwer bewaffneten Gangstern, die sich in dem als Hochburg der Kriminellen bekannten Viertel verschanzt haben. Am Samstag stellte die Polizei den Kriminellen ein Ultimatum. "Wer sich stellen will, der möge das jetzt tun“, sagte der Chef der Militärpolizei von Rio, Mario Duarte. Armee und Polizei seien entschlossen, die Favelas zu stürmen. Nach Angaben der Organisation Afroreggae, die in dem Konflikt vermittelt, stellten sich "mehrere Menschen“ den Behörden. Der Einsatz der Sicherheitskräfte ist Teil der Regierungsbemühungen, Rio de Janeiro auch mit Blick auf die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 sicherer zu machen.

Am Donnerstag hatte die Polizei in einer von rund 800 Soldaten unterstützten Offensive das Nachbarviertel Vila Cruzeiro unter ihre Kontrolle gebracht. Bevor die Sicherheitskräfte aber zum Sturm auf Alemão ansetzten, gebe man den Mitgliedern der Drogengangs Gelegenheit, sich zu ergeben, sagte Polizeisprecher Henrique Lima Castro Saraiva. Man habe am Fuß des Hügels, auf dem das Viertel liegt, eine Zone eingerichtet, in der sich die Kriminellen der Polizei stellen könnten. „Wir geben ihnen eine Chance“, sagte Lima Castro Saraiva. „Wir ziehen unsere Entscheidung, Rio zu befrieden, nicht zurück. Wir stehen kurz davor, auf diese Dealer loszugehen“, sagte er.

"Das ist nicht der Augenblick, um Risiken zu vermeiden, sondern sich ihnen zu stellen“, erklärte Verteidigungsminister Nelson Jobim. Dafür mobilisiert die Regierung alle Kräfte. Neben der örtlichen Polizei sind auch Spezialeinheiten der Bundespolizei und 800 Soldaten im Einsatz. Die in Rio eingesetzten Soldaten seien in Konfliktunterdrückung ausgebildet und hätten bereits in Haiti gedient, erklärte Militärsprecher Enio Zanan. Zwei weitere Bataillone mit jeweils 800 Mann stünden bereit.

Seit Ausbruch der Gewalt sind nach Behördenangaben mindestens 35 Menschen ums Leben gekommen, die meisten davon sollen Bandenmitglieder gewesen sein. Insgesamt seien fast 200 Verdächtige festgenommen worden, sagte Lima Castro Saraiva.

Einwohner flüchten aus ihren Vierteln

Die sich verschanzenden Banden errichteten Straßenbarrikaden, raubten Autofahrer aus und zündeten über 100 Autos und Busse an. Das öffentliche Leben in den betroffenen Stadtteilen ist inzwischen fast vollständig zum Erliegen gekommen. Viele Einwohner verbrachten die Nacht auswärts, um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten.

Die Polizei setzte unterdessen ihre Hausdurchsuchungen und Patrouillen im Armenviertel Vila Cruzeiro fort, das in einer fünfstündigen Operation von den Behörden unter Einsatz von gepanzerten Polizeiwagen gestürmt worden war. Nachdem Bandenmitglieder auf die Reifen der Polizeiwagen geschossen hatten, setzten die Behörden auch Schützenpanzer der Armee ein, um die von den Kriminellen errichteten Straßenbarrikaden zu durchbrechen. Der Gouverneur des Staates Rio, Sergio Cabral, feierte die Erstürmung des Viertels als historischen Moment. Sie beweise, dass kein Teil Rios außerhalb der Reichweite des Gesetzes sei. Das Vorgehen der Sicherheitskräfte erfreut sich offenbar der Zustimmung der Bevölkerung. Viele Einwohner Rios applaudierten vorbeifahrenden Panzerwagen.

( dapd/AFP/nic )

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