Trauer in Bodenfelde

Täter gesteht Morde kurz nach Beerdigung

Unter großer Anteilnahme ist die 14-jährige Nina in ihrem Heimatort beerdigt worden. Wenig später legt Jan O. ein Geständnis ab. Seine Taten waren sexuell motiviert.

Die Eingangstür der Kirche bleibt für Schaulustige geschlossen. Einige hundert Einheimische, darunter viele Schüler, sind soeben hineingegangen. Sie wollen in ihrer Trauer nicht gestört werden. Ein Herr kommt zu den wartenden Kameraleuten.

Er trägt die Aufschrift „Notarzt“ auf seiner signalroten Jacke und bittet sie, auf keinen Fall zu filmen, falls einer der Trauergäste einen Schwächeanfall erleide und herausgeführt werden müsse. Nach diesem Appell nicken die Angesprochenen stumm, einige blicken wie ertappt.

Dann hallen die Glocken weit hinaus über den matschigen Kirchplatz der Ortschaft Bodenfelde und die träge fließende Weser. Das Läuten verkündet, dass der Trauergottesdienst für die ermordete 14-jährige Nina begonnen hat. Am Samstag wird der 13-jährige Tobias bestattet.

Seit sechs Tagen steht der kleine Ort Bodenfelde im Süden Niedersachsens unter Schock. Der 26-jährige Jan O. soll beide Jugendliche im Abstand von wenigen Tagen umgebracht haben. Viele im Ort sind fassungslos. Sie schweigen oder ringen mühsam um Worte.

„Es ist ein schrecklicher, tragischer Mord geschehen. Wir stehen hilflos und verzweifelt davor“, sagt Pastor Mark Trebing. Ein kleiner Lautsprecher neben dem Eingang überträgt seine Stimme nach draußen. Die Gemeinde singt: „Ins Wasser fällt ein Stein / ganz heimlich still und leise / Ist er noch so klein / so zieht er doch seine Kreise.“

Der 37-jährige evangelische Geistliche ist erst vor wenigen Monaten in die Gemeinde von Bodenfelde gekommen und muss eine der schwersten Situationen bewältigen, die einem seelischen Beistand widerfahren können. Er erzählt, dass Nina gern geritten sei und Bäuerin werden wollte. „Wir sind heute unendlich erschüttert und traurig über diese Tat. Ich weiß, im Moment ist jeder Trost schwer und schwach“, sagt der Geistliche. Dann singen die Trauernden zum Abschluss Ninas liebstes Kirchenlied: „We shall overcome“.

Bürgermeister Hartmut Koch steht ebenfalls in der Kirche, wie einer unter vielen. Er drängt sich nicht nach vorn. Der 49-Jährige hat sich bisher aus Rücksicht auf die Familien zurückgehalten und Gespräche mit der Presse zunächst abgelehnt. Freilich hat er im Hintergrund gewirkt, beriet sich mit Pastor Trebing und ließ sich von den Ermittlern permanent informieren.

Einen Tag vor Ninas Bestattung hat er eine erste offizielle Stellungnahme verfasst. Die Formulierungen zeigen, wie es allen die Sprache raubt: „In dieser schweren Zeit ist unsere Gemeinde näher zusammengerückt, um zu versuchen, die unbegreifbaren Geschehnisse ertragen zu können.“

Bürgermeister Koch besitzt eine starke Beschützernatur und vielleicht fühlt er sich deshalb im Moment besonders hilflos. Der zweifache Familienvater misst beinahe zwei Meter. Der frühere Bundesgrenzschützer war ein erfolgreicher Zehnkämpfer in der Leichtathletik, er beherrscht Karate und Taekwondo. „Eigentlich wirft mich so schnell nichts um“, sagt Koch. Doch die vergangenen Tage haben ihn innerlich umgeworfen.

Am Abend vor Ninas Bestattung sitzt Koch an seinem Schreibtisch im winzigen Rathaus und blickt auf Stapel mit Dokumentenordnern und Unterlagen. „Sie müssen entschuldigen, aber ich bin die ganze Woche zu nichts gekommen. Ich versuche einzusteigen, aber ich komme nicht weiter“, sagt er.

Es ist sein erstes längeres Gespräch mit einem Journalisten seit den Morden. Soeben ist er von einer Bürgermeisterkonferenz in Göttingen zurückgekehrt. Er trägt einen dunklen Nadelstreifenanzug und eine schwarze Krawatte, er trägt Trauer. Natürlich hat er die getöteten Kinder gekannt. Er ist Kinder- und Jugendtrainer beim SC Bodenfelde und erzählt, dass Tobias ein quirliger Junge gewesen sei. „Ich habe ihm früher die Schnürsenkel zugebunden“, sagt Koch. Dann stockt er, seine Unterlippe zittert. Er kämpft mit den Gefühlen.

Bei Ninas Beerdigung trägt der Bürgermeister wie alle anderen ein Glas mit einem Teelicht aus der Kirche. Sie stellen sich am Straßenrand nebeneinander und bilden eine Lichterkette bis zum Friedhof: die Schüler der Heinrich-Roth-Gesamtschule, ihre Eltern, und auch Mitarbeiter des Therapiehauses „Neues Land“, in dem der mutmaßliche Täter Jan O. gewesen war. Sie stehen Spalier, als der Wagen des Bestatters langsam vorbeifährt.

Es ist das letzte Geleit für Nina. Am Friedhof heben sechs Männer den Sarg aus hellem Holz von der Ladefläche und tragen ihn zur Grabstätte. Einige Mädchen weinen und schluchzen. „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“, sagt Pastor Trebing. Nina hat ihre letzte Ruhe gefunden. Nur wenige hundert Meter von jener Stelle am Mühlengraben entfernt, wo sie und Tobias den Tod fanden.

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